Notizen aus Neuschwabenland, Teil 37

Greta und die rechten Recken

In Schnellroda wächst zusammen, was zusammengehört.
Kolumne Von

Die Rede eines 16jährigen Mädchens vor den Vereinten Nationen treibt die neurechte Männerherrlichkeit zur Verzweiflung. Im Internet werden drastische Beschimpfungen bis hin zu Mordphantasien gegen die Klimaaktivistin Greta Thunberg laut. Die rechte Intelligenzija, selbst nicht gerade um apokalyptische Szenarien verlegen, simuliert Kulturkritik. »Greta« sei ferngesteuert, enthüllen sie. Michael Klonovsky, persönlicher Referent des AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland und passionierter Blogger, mokiert sich über das »Drehbuch«, das »PR-Strategen der grünen Weltkirche für ihre momentane Lieblingssprechpuppe« entworfen hätten. In der Sezession gerät der Identitären-Ideologe Martin »Lichtmesz« Semlitsch ähnlich ins Raunen:  »Offensichtlich ist Thunberg jedoch nur eine Schachfigur in einem viel größeren politischen Spiel, dessen Umrisse im Unklaren liegen. Tatsache ist, dass ihre Agenda von den globalistischen Eliten massiv gefördert wird.« Wut und Häme, die sich gegen die Schwedin Bahn brechen, sind ebenso beeindruckend wie das Ausmaß der ihr angedichteten Macht.

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Die rechten Recken halten tapfer die Stellung gegen das Schulmädchen. Diese Form der Todesverachtung hat Tradition. Bereits 1931 schrieb Oswald Spengler in seinem Essay »Der Mensch und die Technik«: »Das Bild der Erde mit ihren Pflanzen, Tieren und Menschen hat sich verändert. In wenigen Jahrzehnten sind die meisten großen Wälder verschwunden, in Zeitungspapier verwandelt worden und damit Veränderungen des Klimas eingetreten, welche die Landwirtschaft ganzer Völker bedrohen.«

Der an dystopischen Prophezeiungen reiche Text nimmt allerdings eine merkwürdige Wende. Anstatt den Zerstörungskräften entgegenzuwirken, schließt Spengler, müsse der Mensch erhobenen Hauptes seinem Schicksal, dem Untergang, entgegensehen. Das gehe nur, wenn die Welt weiter von tatkräftigen weißen Herrenmenschen beherrscht werde. Immerhin hatte bei Spengler die Trauer über die Verluste noch Spuren hinterlassen. Davon ist bei seinen heutigen Verehrern nichts übrig, sie werden nur noch vom Hass auf die Mahner getrieben.

 

Dieser vereint inzwischen die unterschiedlichsten Gestalten, wie sich gerade in der AfD zeigt. Die Vorsitzende der Bundestagsfraktion, Alice Weidel, die in der Berichterstattung für »liberal« gehalten wird, war gerade Stargast bei der Sommerakademie des Instituts für Staatspolitik (IfS) in Schnellroda. Nun ist in den Medien von einem »Nichtangriffspakt« die Rede, der auf Vermittlung von Götz Kubitschek zwischen ihr und dem institutsnahen thüringischen AfD-Landesvorsitzenden Björn Höcke geschlossen worden sei. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland, an dem auch die SPD inidrekt beteiligt ist, berichtet: »Dass Kubitschek ihr sogar dabei helfen könnte, den ›Flügel‹ (die von Höcke geführte völkische Gruppierung innerhalb der AfD, Anm. d. Red.) in Schach zu halten, hat sie (Weidel, Anm. d. Red.) bereits vor einem Jahr gesehen. Da hatten Höcke, Kalbitz und andere einen ›Trauermarsch‹ in Chemnitz organisiert, Seite an Seite mit Pegida-Vertretern und Rechtsextremen. Kubitschek kritisierte das scharf. Die AfD solle nicht selbst auf die Straße gehen. Das war genau Weidels Linie.«

Dabei kritisierte Kubitschek damals nicht, dass die Partei zusammen mit Hooligans und Neonazis (darunter auch der mutmaßliche Rechtsterrorist Stephan E.) marschiert sei, sondern dass die AfD-Führung nicht mit diesen die Polizeiketten vor den Gegendemonstranten durchbrechen wollte. Seine damaligen Texte zeugen von einem regelrechten Erwartungsrausch. Erst rechtfertigte er die dortigen Ausschreitungen als Sicherung des »eigenen Raums«, dann fuhr er selbst zur Demonstration. Danach schrieb er allerdings, die AfD-Führung sei auf der Demonstration in eine »Zwickmühle« zwischen revolutionärer Erwartung und einem durch die anwesenden Medien forcierten Legalitätsdruck geraten: »Ihrer gnadenlosen Mechanik hat sich die anwesende AfD-Spitze mit einem unschönen Abgang durch die verblüfften und aufgebrachten Menschen entzogen, die ihr als Trauerzug gefolgt waren: Man sah die Abgeordneten und Landeschefs nebst ihren Leibwächtern im selben Moment durch eine Gasse das Feld verlassen, als die ersten Sprechchöre gegen die Blockade aufbrandeten und gegen den Riegel der Polizeikräfte gedrückt wurde: Bloß keine schlechten Bilder!« Kubitschek selbst wäre gerne weiter gegangen: »die kleine Ordnung stören, um die große Ordnung zu retten«.

Die AfD sieht er als »konservativ-revolutionäre« Kraft; mit seiner Empfehlung, sich künftig von derartigen Veranstaltungen fernzuhalten, will Kubitschek die Partei lediglich vor Konflikten zwischen legalistischer Fassade und dem radikalem Anspruch schützen. Zudem wird deutlich, was er sich eigentlich erhofft, wenn endlich die zivilisierende »Deutungsmacht der Leitmedien« wegfallen sollte. Das Bündnis Weidel-Kubitschek ist kein Zeichen einer Mäßigung, denn keiner der beiden Bündnispartner ist noch irgendwie gemäßigt. Allenfalls geht es um Disziplinierung und Koordination, um mit geeinten Kräften besser zuschlagen zu können.

Die Wahl einer so zentralen Figur aus der Schnellroda-Kamarilla wie Erik Lehnert in den Vorstand der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung ist wohl eine logische Folge dieser neuen Front. Lehnert zählt zu den engen Weggefährten Kubitscheks, ist Autor der ­Sezession und offizieller Leiter des IfS, zudem arbeitet er im Bundestag als Referent eines AfD-Abgeordneten. Wenn allerdings die Welt meint, dass sich die Stiftung erst damit »für Rechtsaußen« öffne, stellt sich die Frage, wie man sie dort bisher eingeschätzt hat. Für eine Auskunft zur Personalie Lehnert befragte die Zeitung ausgerechnet den Finanzberater Max Otte, Kuratoriumsmitglied der Stiftung, der kein Problem sah. Kein Wunder, im Mai 2011 veranstaltete das IfS eine Gedenkfeier in München, bei der Otte als Redner auftrat und Lehnert den Kranz trug – am Grab Oswald Spenglers.

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