Grüne streiten über Homöopathie

Zwist um Zuckerkugeln

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Doch die Wirksamkeit der Homöopathie ist genauso wenig bewiesen wie die Existenz der Schlümpfe. Deswegen fordert auch Andreas Gassen, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, das Ende der Finanzierung der Homöopathie. Der Rheinischen Post sagte Gasse: »Es gibt keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit homöopathischer Verfahren.« Gasse steht nicht allein. Die Ärztekammer Sachsen-Anhalt hat Homöopathie aus ihrem Weiterbildungsangebot gestrichen, da »wissenschaftliche Nachweise zur Wirksamkeit fehlen«. In Frankreich zahlen die Krankenkassen ab 2021 nicht mehr für die Kügelchen.

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Ein weiteres Problem für die Grünen stellt die Politik von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) dar. Dieser will weiterhin zulassen, dass die Kassen homöopathische Mittel bezahlen. Die Summe von 20 Millionen Euro im Jahr ist nach seiner Ansicht zu gering, um einen großen Streit vom Zaun zu brechen. Wenn sich schon ein CDU-Minister auf die Seite der Esoteriker schlägt, wie stünden die Grünen bei ihrer Klientel da, wenn sie sich plötzlich als Hüter von Wissenschaft und Forschung darstellten?

Doch so einfach ist es nicht. Der Parteijugendverband stellte in einem Beschluss vom April fest: »Homöopathie und andere Formen pseudowissenschaftlicher Medizin genießen in Deutschland eine Sonderstellung.« Dem stelle sich die Grüne Jugend entgegen. »Für uns muss Medizin eine wissenschaftliche Basis haben.« Ob die vielen neuen Mitglieder und Wähler die Schwäche der Partei für Esoterik gutheißen, ist keineswegs klar. Wer sich von Baerbock und Habeck hat überzeugen lassen, dass die Grünen eine moderne, pragmatische, ökologische Partei seien, wird womöglich ins Grübeln kommen, wenn ihre Wurzelsepp-Traditionen allzu deutlich werden.

Nach Ansicht der Homöopathiekritikerin und Ärztin Natalie Grams weist die Diskussion bei den Grünen über die Partei hinaus. Der Jungle World sagte sie: »Die Entscheidung der Grünen – und allein die Debatte darüber – hat eine große gesellschaftliche Relevanz, denn diese Partei hat erstens Chancen, bei der nächsten Regierungsbildung beteiligt zu sein, und zweitens ist sie traditionell eher im esoterisch-alternativen Milieu, ursprünglich als Protestpartei, angesiedelt. Hier hätte ein anderer Blick auf die Homöopathie eine durchschlagende Wirkung, die sicher zu deren Entmystifizierung entscheidend beitragen würde.« Das könne helfen, die sogenannte Alternativmedizin und die Debatte über ihre Wirksamkeit zu versachlichen und damit die Medizin insgesamt zu verbessern, so Grams. Den Beschluss der Grünen Jugend findet Grams gut: »Die Jungen Grünen haben hier einen wunden Punkt getroffen, der von der Mutterpartei hoffentlich konstruktiv aufgearbeitet wird.«

Die Stunde der Wahrheit steht dann im kommenden Jahr an. Kuscheln mit Homoöpathen und als Partei der Wissenschaft ernst genommen werden wollen – beides wird nicht gehen. Die Grünen haben die Debatte, bei der sie nur verlieren können, verschoben. Geführt und entschieden werden muss sie.