Die Künstlerin Henrike Naumann über ihre Arbeit »Tag X«

»Die ›Erfolgsgeschichte Einheit‹ ist ambivalent«

Die Künstlerin Henrike Naumann widmete sich in ihrer Ausstellung »Tag X«, die im Rahmen des Berliner Herbstsalons des Maxim-Gorki-Theaters im Haus der Statistik stattfand, den rechtsextremen Prepper-Netzwerken in Deutschland und deren Umsturzplänen. Zugleich bezog sie sich dabei auf den 30. Jahrestag des Mauerfalls.
Interview Von

In Ihrer Videoarbeit »Tag X« sagt ein fiktiver rechtsextremer Prepper, der in der Zukunft als Zeitzeuge auf einen erfolgreichen Umsturz in Deutschland zurückblickt: »Niemand hätte gedacht, dass es so schnell passieren wird.« Rechnen sie mit einem baldigen Staatsstreich in Deutschland durch Rechtsterroristen?
Der Anstoß zu meiner Arbeit kam durch die Entdeckung des sogenannten Nordkreuz-Netzwerks im Jahr 2018, das sich ganz konkret auf einen Tag X und den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung in der Bundesrepublik vorbereitet hat, inklusive Todeslisten und Munitions­lagern. In der Gruppe waren neben ehemaligen SEK-Beamten und ­Bundeswehrangehörigen auch Anwälte, Ärzte, Ingenieure – alles Menschen, die eine gesicherte Existenz in Deutschland haben. Es hat mich interessiert, dass sich Leute aus einer privilegierten Position heraus radikalisieren und Staatsbedienstete an der Abschaffung des Systems ­arbeiten. Um die Dringlichkeit des Themas zu verdeutlichen, ist der Film so gemacht, als hätte dieser Staatsstreich bereits stattgefunden und als blickte man aus der Zukunft zurück auf das Jahr 2019. Die Ausstellung fand zur gleichen Zeit wie die Feierlichkeiten zu 30 Jahren Mauerfall statt, und während auf dem Alexanderplatz des Systemumsturzes von 1989 gedacht wird, stellte ich in der Ruine des Hauses der Statistik die Frage nach der Möglichkeit eines kommenden Umsturzes. Im inszenierten Zeitzeugeninterview fallen immer wieder Sätze, die man von Erinnerungen an 1989 kennt. Im Kontext einer möglichen rechten ­Revolution bekommen sie eine ganz andere und verstörende Dimension. Damit möchte ich ein Thema, das etwas abstrakt und fern scheinen kann, dem Publikum so nahe wie möglich bringen.

Blick in die Ausstellung »Tag X« während des Berliner Herbstsalons.

Bild:
Henrike Naumann
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Wie haben Sie sich diesen beiden Aspekten, der Prepperszene und der Erinnerung an 1989, für »Tag X« genähert, welche Quellen haben sie bei Ihrer Recherche benutzt?
Bei der Auseinandersatzung mit einem Thema wie einer rechtsextremen Untergrundarmee gibt es gewisse Darstellungsschwierigkeiten. Wie kann ich so ein Thema künstlerisch behandeln, ohne dass es platt wird? Ich habe mich dafür entschieden, eine spezifische Symbolik zu benutzen. Designerhaushaltsgeräte werden in meiner Installation zu Waffen, mit denen am Tag X gekämpft werden könnte. Bei der Auseinandersetzung mit 1989 habe ich mich an den Feierlichkeiten zu 30 Jahren Mauerfall orientiert und herausgearbeitet, mit welchen Methoden (Zeitzeugeninterview, Gedenkstätte) und welchen Floskeln heutzutage der »friedlichen Revolution« gedacht wird.

Die AfD warb in diesem Jahr mit dem Wahlkampfslogan »Vollende die Wende« für sich, der Brandenburger Landesvorsitzende Andreas Kalbitz nannte seine Partei die »letzte evolutionäre Chance«, danach komme nur noch »Helm auf«. Sehen Sie eine direkte Verbindung zwischen der »friedlichen Revolution« 1989 und den Umsturz- und Bürgerkriegs­phantasien dieser rechtsextremen Netzwerke?
Nein, ich sehe da keine direkte Verbindung, obwohl beide auf die Abschaffung des herrschenden politischen Systems abzielen beziehungsweise abzielten. Die Unterschiede liegen in den politischen Zielen: Während die einen den Anschluss an die Bundesrepublik suchten, zielen Rechtsextreme auf die Wiederetablierung eines rassistisch verfassten Staats. Diese rechtsextremen Kräfte, unter anderem in der AfD, versuchen ganz gezielt, sich in die Nähe der »friedlichen Revolution« zu ­rücken und nutzen das Jubiläum des Mauerfalls, um sich selbst als unterdrückte Kraft und die Bundesrepublik als Diktatur à la DDR darzustellen. Das wollte ich in der Arbeit thematisieren.

Auch in früheren Ausstellungen nutzten Sie neben Videos Inneneinrichtungen, zum Beispiel schrille Jugendzimmer der neunziger Jahre, kitschige Accessoires und Designklassiker, um Themen wie rechtsextremen Terror, Verschwörungsideologie, deutsche Geschichte, Nachwendezeit und die Normalisierung rechtsex­tremer Jugendkulturen darzustellen. Warum wählen Sie diesen ­Zugang? Gibt es dabei eine ostdeutsche Spezifik?
Ich nutze die Möbelästhetik der Nachwendezeit, meist postmoderne Kopien, um über verschiedene Umbruch­erfahrungen ins Gespräch zu kommen. Das als ostdeutsch zu interpretieren, ist eine Möglichkeit, zugleich sind die Möbel allesamt Westprodukte, meine Arbeit könnte also auch als spezifisch westdeutsch interpretiert werden. Mit dieser Ästhetik kann ich über gesellschaftliche Prozesse sprechen, die in Ost wie West in den Neunzigern stattgefunden haben. Zudem erlauben Möbel einen intuitiven Zugang, für den kein kunsthistorisches Vorwissen benötigt wird. Mir ist es wichtig, ein Deutungs­angebot zu schaffen, zu dem sich alle Menschen äußern können. Es geht mir bei meinen Arbeiten nicht um die besondere Ostdeutsche Perspek­tive, sondern darum, die unterschiedlichen Ausprägungen von Realitäten und Wahrnehmungen in Deutschland aufzuzeigen.