Klaus Theweleits Theoriecollage »Männerphantasien« wird neu aufgelegt

»Frauen fließen, Männer schießen«

Gut 40 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen wird Klaus Theweleits epochale Theoriecollage »Männerphantasien« neu aufgelegt. Theweleits Analyse der Beziehung zwischen Sexualität und Gewaltphantasie hat die Jahre gut überdauert, was man von seiner Faschismusanalyse nicht behaupten kann.
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Etwas »epochal« zu nennen, gilt zum Glück – im Gegensatz zum inflationär verwendeten Adjektiv »legendär« – als eher altmodisch; deshalb darf man den Begriff wohl getrost verwenden, wenn er denn geboten erscheint: Zur Kennzeichnung der »Männerphantasien« Klaus Theweleits jedenfalls ist »epochal« genau richtig, was ihre Funktion und Wirkung angeht, so richtig wie das Attribut »monströs«, was ihre Form betrifft. Denn Theweleits 1976/1977 zunächst als Dissertation an der Universität Freiburg eingereichte Schrift stellt ein collagenartiges Konvolut von länglichen Zitaten aus Landserromanen und Briefen von Soldaten und Freikorpsmilizionären dar, deren literarisch-mentale Vorgeschichte bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgt wird; ein Konvolut von Comics, Fotos, Kommentaren, die diese Zitate verknüpfen; ein Konvolut aber auch von hochverdichteten und ambitionierten »Szenen« oder »takes« genannten Einschüben, die hin und wieder den mäandernden Textstrom unterbrechen und in der Summe kaum Geringeres anstreben, als eine Art anthropologischer »Theorie der Gewalt« vorzulegen.

Die »Männerphantasien« sind Vorreiter des rechtsrheinischen Postmodernismus und widersprechen ihm doch zugleich auf eine merkwürdige, nachgerade freudianische Weise.

»Summa cum laude« lautete die Note für Theweleits Dissertation (Originaltitel: »Freikorpsliteratur. Vom deutschen Nachkrieg 1918–1923«), ein Lehrauftrag am Institut für Soziologie aber blieb ihm trotz der großzügigen Vergabekriterien jener Jahre zunächst verwehrt – wohl wegen »ungezügelter Intelligenz«, wie es in einer universitären Sonderbeurteilung zu Theweleits Eignung hieß. Dieser akademische Rückschlag aber hinderte die zweibändige, knapp 1 200 Seiten starke Buchveröffentlichung seiner Doktorarbeit nicht im mindesten, die Feuilletons wie die Sachbuch-Charts des Winters 1977/1978 zu dominieren.

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Es war ein zumindest in diesem Ausmaß unerwarteter Erfolg. Der kleine Verlag Roter Stern des vormaligen SDS-Vorsitzenden KD Wolff, der die »Männerphantasien« publizier­te, kam mit dem Drucken und Binden kaum hinterher. Wer ein Exemplar ergatterte, verschlang es und ­bewachte es gut; wohl nicht eine einzige der sich damals gründenden Männergruppen kam ohne festen Theweleit-Lesetermin aus. Dabei waren die Reaktionen im linksstudentischen Milieu, das sich erst allmählich mit dem neumodischen Etikett »alternativ« zu schmücken begann, auf Theweleits »Psychoanalyse des weißen Terrors«, wie der Untertitel des zweiten Bandes lautete, geteilt (»weiß« meint hier nicht etwa die Hautfarbe, sondern die Symbolfarbe der Konterrevolution in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg). Während sich das lebensreformerisch orientierte Spontimilieu, das etwa den Frankfurter Pflasterstrand las, sich von Theweleits radikal subjektivem, ja selbstbezüglichem Stil und seiner Betonung individueller seelischer Entwicklung beziehungsweise Verkümmerung bestätigt fühlte, waren genau diese Eigenschaften marxis­tischen Autoren jedweder Couleur, vom Sozialistischen Büro bis zum Kommunistischen Bund Westdeutschland, ein Gräuel. Gerd Koenen beispielsweise bezeichnet noch in seiner Rückschau auf das »rote Jahrzehnt« Theweleit als »berserkerhaften Psycho-Apokalyptiker«, der, auf der »Nadelspitze des eigenen Erlebens … ein Pandämonium von Körpern & Unkörpern, Tätern & Opfern, Males & Females, Köchinnen & Menschenfressern« eingerichtet habe.