In der Türkei versinkt die antike Stadt Hasankeyf in einem Stausee

Vom Wasser verschluckt

Der Ilısu-Damm in Südostanatolien ist ein Prestigeprojekt der türkischen Regierung. In dem riesigen Stausee versinkt die antike Festungsstadt Hasankeyf.

Der Fotograf Mehmet Kaçmaz sitzt in Istanbul in dem kleinen Büro des unabhängigen Fotografenkollektivs »Nar« (Granatapfel) und archiviert Fotos auf seinem Computer. Vom nahe­gelegenenen Taksim-Platz kann man das Hupen der Autos hören. Die Schwarzweißfotografien auf seinem Bildschirm zeigen die verlas­sene Ortschaft Hasankeyf, bevor die historisch bedeutsame Siedlung im Tigris-Delta im Südosten der Türkei von den steigenden Wassern des Ilısu-Staudamms endgültig geflutet wird.

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Der Tigris wirkt auf den Fotos metallisch. Die Vogelschwärme, die über den Tigris ziehen, erinnern an einen Trauerflor. »Ich habe bewusst auf Farbe verzichtet«, sagt Kaçmaz. »Wenn man sich den Ort anschaut, zum Beispiel das Zentrum von Hasankeyf, den Basar, denkt man an einen Kriegsschauplatz. Fast alles wurde abgerissen, die meisten Bewohner sind fort. Ich wollte die Einsamkeit, Verlassenheit und Trostlosigkeit unterstreichen. Da musste ich mich nicht mal anstrengen, es sieht da so aus. Kaum eine Menschenseele ist noch da.«

Hasankeyf liegt im türkischen Grenzgebiet zum Iran, Irak und zu Syrien. Das antike Mesopotamien kannte keine nationalen Grenzen im heutigen Sinne. Die Flüsse Euphrat und Tigris begrenzten das Zweistromland und beherbergten mehrere Hochkulturen. Die Siedlung ist mindestens 12 000 Jahre alt. In der Vergangenheit war Hasankeyf einer der wenigen touristischen Anziehungspunkte in der Region. Relikte römischer Brücken, ummayadischer Heiligengräber, osmanischer Badehäuser und eine alles überragende Burg finden sich hier. Die architek­tonischen Fragmente in Hasankeyf zeugen von der einstigen Bedeutung Mesopotamiens. All dies soll in den kommenden Monaten in den steigenden Wassermassen versinken.

Im Dezember nahm die türkische Regierung die umstrittende Ilısu-Talsperre in Betrieb, die das Wasser des Tigris staut. Zukünftig kann die Türkei den Nachbarländern Iran, Irak und Syrien buchstäblich den Hahn zudrehen. Während das Wasser gebremst in die Nachbarländer fließt, steigt der Wasserpegel auf der türkischen Seite an und wird in einigen Wochen das 100 Kilometer entfernt liegende Hasankeyf überfluten.

Fotos von Mehmet Kaçmaz zeigen einen alten Mann mit Besen vor einer Höhle. »Das Traurigste, was ich gesehen habe, ist die Reaktion dieses Menschen auf den Verlust der Landschaft«, erzählt der Fotograf. »Ramazan ist jetzt 80 Jahre alt. In Hasankeyf gibt es Tausende Höhlen, die einst von Menschen dort ausgehoben wurden. Sie dienen als Unterschlupf für Mensch und Tier. Ramazan und seine Söhne haben hier eine Schafherde und betreiben Viehzucht. Als ich hier herumlief, entdeckte ich den alten Herrn. Er machte dort eine Höhle sauber. Vier Stunden später machte er das immer noch. Ich fragte seinen Sohn Eyüp danach. Er sagte mir, dass sein Vater vergesse, dass er die Höhle bereits saubergemacht habe, und immer wieder von vorn anfange.«

Eyüp Agalday hat frühmorgens die Ziegen aus der Höhle geholt, die sein Vater unaufhörlich reinigt. Der 26jährige begleitet zusammen mit drei Hütehunden etwa 100 Ziegen von einer Weide zur nächsten. Seine Arbeit hat nichts mit Ziegenpeterromantik zu tun. Die Landwirtschaft in der Region steckt in der Krise. Das Staudammprojekt nimmt den Züchtern ihre Erwerbsgrundlage. Am Tigris konnten sie die Ziegen in den Höhlen unterbringen und am Fluss tränken. In einer Höhle betreibt Eyüp Agalday ein Café mit W-Lan-Zugang. Viel Aufmerksamkeit erzielt er mit Landschaftsfotos, die er auf Instagram teilt. Gerade teilt er ein Panoramabild aus den Bergen. Zumindest die Fangemeinde auf Instagram ist ihm geblieben. »Ich bin aus Hasankeyf. Ich kenne hier jeden Winkel und versuche, die Einzigartigkeit dieser Region bekannt zu machen«, sagt er nicht ohne Stolz. »Ich fotografiere unbekannte Orte, das hier ist kein Ort für einen Tagesausflug«, sagt er und zeigt auf eine Höhlenburg weit oben auf einem Berg. »Hasankeyf hat unzählige Zivilisationen beherbergt. Mehrere Großreiche hatten hier Siedlungen. Hasankeyf gehört nicht nur der Bevölkerung hier, sondern ist das Erbe der gesamten Menschheit.«

15 Jahre lang kämpften die vorwiegend kurdischen Bewohner gemeinsam mit Aktivisten aus der Türkei und dem Ausland vergeblich gegen den Staudamm, der der Stromerzeugung dienen und einen Wirtschaftsaufschwung in der armen Gegend ermöglichen soll. Ridvan Ayhan sitzt am Tisch einer Teestube mit Blick auf den Tigris. Bald dürfte das kleine Lokal verschwunden sein. Im Hintergrund kreischen Kreissägen. Die Leute fällen die Bäume, die sonst im Wasser vermodern würden, um im Winter wenigstens Brennholz zu haben. Der 58jährige ist der Vorsitzende des Vereins zum Erhalt von Hasankeyf. Stoisch kämpft er weiter gegen den Staudamm, obwohl er dafür eineinhalb Jahre in Untersuchungshaft saß. Immer noch läuft ein Verfahren wegen PKK-Propaganda gegen ihn, weil Ayhan 2013 eine Presseerklärung zum Erhalt von Hasankeyf öffentlich verlesen hatte. Doch sein Kampfgeist ist ungebrochen: »Der Staat signalisiert: Sei nicht so aktiv, bemüh dich nicht so um Hasankeyf. Aber ich werde bis zum bitteren Ende für den Erhalt der Natur und der Historie kämpfen. Auch dieses Wasser des Stausees sollen sie wieder ablassen müssen.«

Oberhalb des versinkenden Hasankeyfs stehen staatliche Sozialbauten: das sogenannte neue Hasankeyf. Die Schwarzweißfotografie von Mehmet Kaçmaz dokumentiert die Unwirtlichkeit dieses Ortes. Einzelne historische Monumente wurden aus ihrer alten Umgebung abgetragen und in das neue Hasankeyf versetzt. Kaçmaz zeigt ein Foto, auf dem zu sehen ist, wie die historische Brücke von Hasankeyf mit grellweißem Betonstein aufgebaut wurde. »Diese Umsetzung ist unsinnig, denn Hasankeyf war früher ein großes Freilichtmuseum. Wenn sie davon fünf bis sechs Bauten versetzen, zerstören sie den geschichtlichen Zusammenhang dort. Das ergibt keinen Sinn.«

Der Schriftsteller Yavuz Ekinci sitzt in einem Café am Taksim-Platz in Istanbul und erinnert sich an eine der ersten Kurzgeschichten, die er in den neunziger Jahren in seiner Herkunftsstadt Batman geschrieben hat. Die Stadt liegt 40 Kilometer von Hasankeyf entfernt. »Es ging in der Geschichte um einen Stein, der sich erinnert. Er gehörte erst zu einem Schutzwall, wurde aber nach dessen Zerstörung Teil einen Badeanlage in byzantinischer Zeit.« Ekinci zeigt darin die kulturhistorischen Zusammenhänge und Verbindungen auf, die die Region geprägt haben.

Vor zehn Jahren wurde von dem Filmemacher Tayfur Aydin eine seiner Kurzgeschichten verfilmt. »Das Grab in mir« war der Titel. Es geht darin um einen alten Mann, der die Gebeine seiner Frau aus Hasankeyf umbetten lässt, weil er neben ihr begraben werden möchte. Ein Laienschauspieler aus Hasankeyf spielte die Hauptrolle. »Die Premiere in Batman war brechend voll. Und plötzlich stand unser Hauptdarsteller Musa Şengal auf und hielt eine politische Brandrede. Bei dem Staudamm gehe es um Politik, das Wasser diene rein strategischen Zwecken, es gehe gar nicht um Energiegewinn.« Der an­wesenden lokalen Presse musste das Versprechen abgerungen werden, die Rede Şengals nicht zu publizieren, um die Beteiligten vor Strafverfolgung zu schützen und das Filmprojekt nicht zu gefährden.

Musa Şengal starb vergangenen Sommer. Der Umzug aus Hasankeyf blieb ihm so erspart. Begraben wurde er im neuen Hasankeyf mit Blick auf das Tigris-Tal, das bald im Stausee verschwinden wird.