m Prozess gegen einen ehemaligen KZ-Wachmann haben Überlebende ausgesagt

Das großes Versagen der Justiz

Im Prozess gegen den früheren Wachmann im Konzentrationslager Stutthof, Bruno D., haben mehrere Überlebende ausgesagt. Ihm wird Beihilfe zum Mord in mehreren Tausend Fällen vorgeworfen.

Zum ersten Mal musste eine Sitzung des seit Oktober 2019 in Hamburg laufenden Prozesses gegen den früheren KZ-Wachmann Bruno D. vorzeitig beendet werden: Der 93jährige Angeklagte war nach Aussage der Ärzte am 15. Verhandlungstag nicht mehr verhandlungsfähig. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Beihilfe zum Mord in 5 230 Fällen vor. Die Taten soll er zwischen dem 9. August 1944 und dem 26. April 1945 begangen haben (Jungle World 47/2019). Zu seinen Aufgaben als Wachmann habe es gehört, die Flucht, Revolte und Befreiung von Gefangenen im Lagerkomplex Stutthof bei Danzig zu verhindern, so die Anklage.

Der Widerstandskämpfer habe über 50 Jahre gebraucht, um ausführlich über seine Zeit im Konzentrationslager Stutthof zu berichten.

Kurz vor dem Sitzungsabbruch am 24. Januar hatte der Sohn des Überlebenden Johan Solberg aus Norwegen ausgesagt. Sein Vater ist 97 Jahre alt und zu krank für die Reise nach Hamburg. Sein Vater habe zuerst gezögert auszusagen, wolle aber eine Erklärung abgeben, »damit sich so etwas nicht wiederholt«, sagte Gunnar Solberg. In seinem verlesenen Zeugenbericht schildert der Überlebende, wie er als Mitglied der norwegischen Widerstandsbewegung im Frühjahr 1944 gefangen genommen worden sei. Als er im August 1944 in Stutthof angekommen sei, habe er Leichen vor Backsteingebäuden gesehen und einen »süßlichen Rauchgeruch« bemerkt. »Ihm ist sehr schnell klar geworden, was vor sich ging«, sagte Gunnar Solberg im Namen seines Vaters aus. Die Norweger galten als »politische Gefangene«, sie seien nicht kahlgeschoren worden und hätten Essenspakete von Zuhause erhalten können. Verprügelt worden seien sie jedoch auch. Am schlimmsten hätten es die Juden im Lager gehabt. Über mehrere Wochen habe Johan Solberg gesehen, wie täglich etwa 100 von ihnen in die Gaskammer geschickt worden seien. »Alle wussten, wohin es ging«, sagte sein Sohn aus.

Anzeige

Der Widerstandskämpfer habe über 50 Jahre gebraucht, um ausführlich über seine Zeit im Konzentrationslager Stutthof zu berichten. Er habe das Schweigegelübde aus dem Widerstand nicht brechen und auch seine Kinder schonen wollen, sagt Gunnar Solberg. Erst als sie Ende der sieb­ziger Jahre gemeinsam die US-Serie »Holocaust« im Fernsehen angeschaut hätten, habe er mit seinem Vater über dessen Geschichte gesprochen. Er habe ihn gefragt, ob es wirklich so schlimm gewesen sei, worauf sein Vater geantwortet habe:»Nein. Schlimmer.« Nach wie vor könne sein Vater nicht über alles sprechen. Nach seiner Zeugenaussage ging Solberg auf den Angeklagten zu und reichte ihm die Hand. Gunnar Solbergs Vater hatte zuvor in der Erklärung festgehalten: »Ich wünsche keine Rache. Ich hasse das Nazisystem, aber ich hasse keine einzelnen Menschen.«

An den folgenden Verhandlungstagen berichten drei jüdische Überlebende von den grausamen Zuständen im KZ Stutthof, die der Angeklagte nicht bemerkt haben will. Ende Januar hatte Halina Strnad berichtet, wie sie mit ihrer Mutter von Auschwitz-Birkenau im September 1944 nach Stutthof gekommen war. Anders als in Birkenau habe es keine Stockbetten gegeben, sondern nur Stroh auf dem Barackenboden. Es seien so viele Frauen interniert gewesen, dass sich nicht alle hinlegen konnten. Bald nach ihrer Ankunft habe es aber mehr Platz gegeben, weil viele sehr schnell gestorben seien, berichtete die 92 Jahre alte Frau per Videoübertragung aus Melbourne. Da sie nahe an den Galgen untergebracht gewesen seien, hätten sie die Hinrichtungen mitbekommen. Für sie sei es eine Pflicht, Zeugnis abzulegen, sagte Strnad.

Auch für Rosa Bloch, die mit ihrer Tochter und ihrem Enkel aus Israel angereist war, war eine Aussage vor Gericht sehr wichtig. »Ich beschuldige die Menschen, die uns bewacht haben, und werde ihnen nie verzeihen«, sagte die 89 Jahre alte frühere Ingenieurin am 18. Verhandlungstag. »Ich will, dass sie eine Strafe bekommen.« Henri ­Zajdenwergier aus Paris berichtete am folgenden Gerichtstermin Anfang Februar über die unmenschliche Behandlung im KZ Stutthof. Der 92 Jahre alte Zeuge wurde von der bekannten Nazijägerin Beate Klarsfeld begleitet. Dem Angeklagten persönlich habe er nichts zu sagen, antwortete Zajdenwergier auf eine entsprechende Frage der Vorsitzenden Richterin Anne Meier-Göring. Er könne nichts entschuldigen, der Angeklagte müsse alleine mit seinem Gewissen zurechtkommen und sich mit seinen Taten auseinandersetzen. Zajdenwergier fügte hinzu: »Ich verstehe nicht, warum dieser Mann erst jetzt angeklagt wird.« Die Richterin erwiderte: »Das ist ein großes Versagen der deutschen Justiz.«