In Sambia ist zu beobachten, wie China seinen Einfluss in Afrika ausbaut

Neokolonialismus auf Chinesisch

China versucht, seinen Einfluss in Afrika erheblich auszubauen. Wie das Land dabei vorgeht, zeigt das Beispiel Sambias.
Reportage Von

Das Gebäude des sambischen Hauptstadtflughafens in Lusaka ist ein Kasten, dessen Fläche kleiner ist als die eines Fußballplatzes. Daneben entsteht seit 2015 der neue internationale Flughafen, dessen Hauptgebäude mit einer elegant geschwungenen Glasfassade aufwartet. Er sollte 2019 fertiggestellt werden. Doch wann er wirklich eröffnet wird, ist unklar.

Anzeige

Seit 2015 ist Edgar Lungu der Präsident von Sambia. In seinem Wahlkampf hatte er versprochen, in Lusaka ein internationales Flugzentrum errichten zu lassen. Dieses sollte helfen, einen wichtigen Standortnachteil Sambias zu kompensieren: Das Land hat keine Küste. Lungu versprach den Aufschwung, den die arme Bevölkerung herbeisehnt. Seine guten Beziehungen zu China sollten dabei helfen.

Zwischen 2011 und 2018 hat sich die Verschuldung Sambias im Ausland verfünffacht. China ist mit Abstand der größte Gläubiger.

Die staatliche chinesische Außenhandelsbank, die Export-Import Bank of China, bezahlte den Bau des neuen Flughafens. Weil Sambia über wenig Geld verfügt, versprach Lungu dem Kreditgeber ein riesiges Areal in der Innenstadt von Lusaka. Mit seinen Sportplätzen und Parks dient es bisher der Naherholung in der schnell wachsenden Stadt mit drei Millionen Einwohnern. Allerdings hatte Lungu gar nicht die Befugnis, über das Areal zu entscheiden. Nachdem das bekannt geworden war, tat sich nicht mehr viel auf dem Bau. Für ein internationales Flugdrehkreuz in Sambia gibt es ohnehin keinen Bedarf: Die großen Flughäfen von Johannesburg in Südafrika und von Nairobi in Kenia sind nicht ausgelastet.

Gestiegen sind wegen des Flughafenbaus allerdings die immensen Schulden, die Sambia bei China hat. China investiert große Summen in ganz Afrika. Dies geschieht derzeit im Rahmen der »Belt and Road Initiative«, mit der das asiatische Land seinen Einfluss im internationalen Handels- und Infrastrukturwesen entscheidend vergrößern will.

Lukrative Freundschaft

Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen China und Sambia bestehen schon lange. Mitte der sechziger Jahre, nach der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht, suchte der erste Präsident Sambias, Kenneth Kaunda, nach Partnern, um eine Eisenbahnverbindung zur Ostküste Afrikas in Tansania zu bauen. Zuvor gab es nur eine Strecke zur Westküste, die zum Großteil durch Angola verlief. Sambia war abhängig vom Kupferexport und musste für den Transport jeden Preis zahlen, der verlangt wurde. Der Westen und die Sowjetunion waren nicht an einer Zusammenarbeit interessiert. China erklärte sich bereit, die Tansania-Sambia-Bahn zu bauen.

Seither hat sich China zum wichtigsten Handelspartner Sambias und anderer afrikanischer Länder entwickelt. Die chinesische Strategie hat sich im Laufe der Zeit verändert. Zu Beginn ging es dem Land darum, dem Einfluss der westlichen Staaten und mehr noch der Sowjetunion entgegenzuwirken. Mittlerweile hat China den Westen bei der Ausplünderung Sambias überboten. Durch ruinöse Freihandelsabkommen hatte sich Sambia bei der EU und den USA von seinen hohen Schulden freigekauft. Dadurch gingen viele Branchen zugrunde. Zudem verschafften sich westliche Staaten und Indien zollfreien Zugriff auf Kupfer, das wichtigste Exportgut Sambias. Zwischen 2002 und 2008 verfünffachte sich der Kupferexport, ohne dass dadurch die Steuereinnahmen Sambias gestiegen wären.
China war in dieser Situation das einzige Land, das Sambia Investitionen in großem Stil anbot. Die Perspektivlosigkeit und die Armut begünstigten 2015 die Wahl des Populisten Lungu, der den Wählern Wohlstand mit chinesischer Hilfe zusicherte.

Zwischen 2011 und 2018 hat sich offiziellen Angaben zufolge die Verschuldung Sambias im Ausland verfünffacht. China ist mit Abstand der größte Gläubiger. Anderen Berechnungen zufolge ist die tatsächliche Verschuldung bei China sogar noch um ein Mehrfaches höher, weil die Verpflichtungen aus zukünftigen Projekten in den offiziellen Zahlen noch nicht berücksichtigt sind.

China geht es darum, Rohstoffe aus Sambia nach China zu importieren und zu verwerten – und darum, schnell Geld zu verdienen. China profitiert dabei von den Antikorruptionsgesetzen der EU und der USA. Diese Gesetze reichen zwar nicht aus, um Korruption wirksam zu bekämpfen, sie erschweren aber bestimmte Geschäftspraktiken und verschaffen dem wenig skrupulösen China so einen Wettbewerbsvorteil bei der Ausplünderung Afrikas. Dem bestechenden Land oder Unternehmen dient die Korruption in der Regel dazu, ein Projekt teurer als die Konkurrenz zu verkaufen oder auf illegalem Weg die Kosten zu senken.

Versiegender Strom

Chinesische Firmen haben sich in der Energieversorgung Sambias eine Schlüsselrolle gesichert. Die Elektrizität des Landes wird zum größten Teil mit Wasserkraft erzeugt. Zesco ist das staatliche Energieversorgungsunternehmen. Am Kariba-Damm unterhalb der Victoria-Fälle sorgten acht Turbinen jahrzehntelang für eine zuverlässige und ausfallsichere Stromerzeugung. Präsident Lungu beauftragte eine chinesische Firma mit der Wartung der Anlage. Diese ersetzte alle vorhandenen Turbinen durch chinesische. Derzeit funktioniert nur eine dieser neuen Turbinen. Im sambischen Energiekonzept ist die Anlage für Lastspitzen, also Zeiten besonders hohen Stromverbrauchs, vorgesehen. Sie sollte nur wenige Stunden am Tag betrieben werden, damit der Damm nicht leerläuft. Derzeit ist sie im Dauerbetrieb, der Pegel des Staudamms sinkt seit Jahren. Es gibt zurzeit nicht mehr genug Strom, er müsste importiert werden. Dafür hat Sambia aber nicht genug Geld.

Das hat zur Folge, dass jeden Tag fast überall irgendwann der Strom abge­schaltet wird, außer im Regierungsviertel und auf dem Universitätsgelände. Dann knattern Dieselaggregate, von denen jeder wohlhabende Haushalt in Sambia eines besitzt. Wenn die Regenzeit die Flüsse anschwellen lässt, verbessert sich die Stromversorgung. Das sind aber nur wenige Monate im Jahr und durch den Klimawandel sinken die Durchschnittspegel der Flüsse. Im Süden des Landes gibt es seit etwas über 20 Jahren Dürreperioden, was zuvor im wasserreichen Sambia nie der Fall war. Präsident Lungu führt die Stromausfälle und die niedrigen Pegel ausschließlich auf die Klimaveränderung zurück, so muss er nicht über Missmanagement und Korruption sprechen.

Die Strategie geht auf

Die chinesische Strategie wird am Beispiel Sambias deutlich: Chinas Machthaber machten Lungu zu einem reichen Mann und ermöglichten es ihm, großzügige Wahlkampfversprechen zu machen. Im Gegenzug vergab der sambische Staat fast alle größeren Aufträge an chinesische Firmen. Diese Auf­träge hatten häufig keinen Nutzen für die sambische Wirtschaft. Weder das Flughafengebäude noch die überdimensionierte Sportarena in der Hauptstadt Lusaka oder das Stadion in Kitwe, einer Stadt im Kupfergürtel, bringen der sambischen Bevölkerung Arbeitsplätze oder andere wirtschaftliche Vorteile. Die mit chinesischen Krediten finanzierten Aufträge gehen überwiegend an chinesische Firmen, die überwiegend chinesische Arbeitskräfte beschäftigen. Zudem ist die Qualität chinesischer Bauten häufig mangelhaft. 2011 stellte etwa das Bauunternehmen China Henan die Verbindungsstraße zwischen Lusaka und Chirundu fertig. Kaum fing die Regenzeit an, wurde sie auf langen Strecken fortgespült.

Der Einfluss der USA, Deutschlands, der EU und Russlands ist in Sambia vergleichsweise gering. In einem im Westen Lusakas gelegenen Armenviertel brach vor zwei Jahren die Cholera aus. Unter anderem die deutsche ­Kreditanstalt für Wiederaufbau und die Weltbank finanzierten daraufhin gemeinsam mit dem sambischen Staat ein Abwassersystem, das von einem deutschen Unternehmen geplant und gebaut wird. Die meisten Beschäftigten auf der Baustelle sind aus Sambia, die Ingenieurinnen und Ingenieure sind zumeist aus Europa. Nach Abschluss des Projekts sollen sambische Ingenieure das Abwassersystem warten, die im Laufe das Projekts eingearbeitet werden, mit dem Ziel, künftig selbst solche Systeme planen, bauen und warten zu können.

Dass deutsche Firmen von deutschen Entwicklungshilfeprojekten profitieren, ist üblich. Der Bau des Abwassersystems dient jedoch nicht in erster Linie dazu, dauerhaft Einfluss in Sambia zu gewinnen, Deutsche in Sambia anzu­siedeln oder durch den laufenden Betrieb dauerhaft Profite zu erzielen. Solche Ziele charakterisieren hingegen die von China finanzierten Projekte. Es handelt sich zum einen um Verkehrsprojekte. Diese erleichtern entweder den Abtransport sambischer Rohstoffe oder sie werfen dauerhaft Profit ab, etwa durch Fahrscheine oder Mautgebühren. Zum zweiten geht es um Energieversorgungsprojekte. Alle Staudämme und Kraftwerke werden derzeit mit chinesischen Krediten gebaut und gewartet. Sambia kann die dafür aufgenommenen Schulden nicht zurückzahlen, das staatliche Energieunternehmen Zesco dürfte somit trotz aller gegenteiligen Beteuerungen des Präsidenten an chinesische Betreiber fallen.

Antichinesische Ressentiments

Auf von China finanzierten Baustellen in Sambia arbeiten viele chinesische Bauarbeiter, die nicht die sambische Amtssprache Englisch beherrschen. Sie unterlaufen den sambischen Mindestlohn und sind daher als Lohndrücker nicht sonderlich beliebt. Meist handelt es sich um Delinquenten, die vor die Wahl zwischen dem Gefängnis in China und der Arbeit in Afrika gestellt wurden. Dass sie problemlos ein Visum und eine Arbeitserlaubnis erhalten, ist ein weiteres Indiz für den chinesischen Sonderstatus.

Sambia fördert die Zuwanderung nicht. Es ist schwer für Ausländer, ein Arbeitsvisum zu bekommen. Sie brauchen einen Arbeitsvertrag, zudem müssen sie belegen, dass sich kein Einheimischer findet, der die Tätigkeit übernehmen könnte. Nur wer zehn Jahre im Land gelebt und gearbeitet hat, darf dauerhaft bleiben. Für Chinesen gelten diese Gesetze offenbar nicht, das schürt Ressentiments. Ein junger Immobilienhändler aus Lusaka rechnet im Gespräch vor, dass schon fast 100.000 Chinesen in Afrika lebten, das sei ein riesiges Problem. Allerdings leben in Afrika zurzeit über 1,2 Milliarden Menschen.

In Gesprächen und Zeitungsartikeln ist Kritik an »den Chinesen« alltäglich: Chinesische Arbeiter unterliefen das sambische Arbeitsrecht, blieben unter sich, seien seit Jahrzehnten in Sambia und es gebe trotzdem so gut wie keine gemischten Familien; Chinesen weigerten sich, Englisch zu lernen, chinesi­sche Männer missbrauchten sambische Frauen, chinesische Händler seien Betrüger, Chinesen zögen die Fäden in Afrika.

Mitunter entlädt sich der Zorn an Einzelpersonen. So dürfen Ausländer in Sambia nur Großhandel betreiben, aber keinen Einzelhandel. Dass diese Regelung im Alltag nicht berücksichtigt wird, ist offensichtlich: Es wimmelt von chinesischen Einzelhandelsgeschäften in Lusaka, vom Ramsch- bis zum Handyladen. In der Bergbauprovinz Copperbelt raubte eine Gruppe junger Menschen Berichten zufolge kürzlich die chinesische Betreiberin eines Ladengeschäfts aus. Da es in Sambia nur selten gewaltsame Eigentumsdelikte gibt, erregte der Fall große Aufmerksamkeit.

Es gibt kein Anzeichen dafür, dass China seine Politik ändern wird. Dass der Mindestlohn und das vergleichsweise progressive Arbeitsrecht in Sambia außer Kraft gesetzt und sambische Arbeitskräfte von chinesischen Projekten rechtswidrig ferngehalten werden, geschieht nicht im Verborgenen. Auch die Korruption, die das ermöglicht, wird nicht sehr diskret abgewickelt.

Die Befürchtung, dass China auch in Sambia repressiv gegen Proteste vorgehen könnte, ist nicht abwegig. Vor einigen Jahren tauchten innerhalb kurzer Zeit chinesische Polizisten in großer Zahl in Sambia auf. Ein führendes Mitglied der Jugendorganisation der größten Oppositionspartei in Sambia, der UPND Youth League (United Party of National Development), berichtet im Gespräch mit der Jungle World von Studierendenprotesten gegen den Einsatz chinesischer Polizisten, die Teilnehmer hätten darin das Auftreten einer neuen Kolonialmacht gesehen. Mancherorts seien chinesische Polizisten gewaltsam gegen die Proteste vorgegangen, was diese jedoch nur weiter anfachte – mit deutlichen Auswirkungen. Mittlerweile sieht man keine uniformierten chinesischen Polizisten mehr, weder auf Polizeiwachen noch in der Öffentlichkeit. Die autoritäre Haltung der chinesischen Regierung zur sambischen Bevölkerung hat sich aber nicht geändert: Das gerade anlaufende Großprojekt, alle großen Kreuzungen in Lusaka und anderen Städten mit modernster chinesischer Kameraüberwachungstechnik auszustatten, ist ein deutliches Zeichen dafür.