Über das Leben des Fußballers Ossi Rohr erschien eine wunderbare Graphic Novel

Einer wie Ossi

Eine Graphic Novel erzählt das Leben von Ossi Rohr, der früher als andere erkannte, was der Faschismus zerstören würde.

Solche biographischen Daten könnten auch heutzutage in einem Kicker-Sonderheft stehen, und auch im Jahr 2020 würde man merken, dass es sich um ein Riesentalent handeln dürfte: Jugendspieler bei Phoenix Mannheim, dann zum VfR Mannheim, mit 18 Jahren zu Bayern München gewechselt, später zu den Grasshoppers Zürich und Racing Strasbourg.

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Die Rede ist von Oskar Rohr, geboren 1912, vier Länderspiele, fünf Tore – und was auffällt, ist dies: Zum Grasshopper Club Zürich wechselte er 1933. Von diesem Oskar, genannt »Ossi«, Rohr handelt eine Graphic Novel von Autor Julian Voloj und Zeichner Marcin Podolec, die auf einzigartige Weise das Leben und die Bedeutung des beinahe vergessenen Weltklassestürmers erzählt. Ossi Rohr war kein Jude, kein Kommunist, gehörte keiner anderen von den Nazis verfolgten Gruppe an – er war Fußballer, nichts als Fußballer, man könnte sagen: Nurfußballer. Aus Deutschland ging er 1933 weg, weil er guten und professionellen Fußball spielen wollte. Er erkannte schon früh, was andere, etwa der bis heute hierzulande hochverehrte Sepp Herberger, nicht sehen wollten oder konnten, nämlich, dass faschistische Herrschaft alles bedrohte und zerstörte, was ein weltoffenes, modernes Leben ausmacht: zum Beispiel Fußball.

Julian Voloj und Marcin Podolec zeigen in ihrer Graphic Novel die Fußballkarriere als Bildungsroman.

Der kleine Ossi stammte aus Mannheim, genauer und wie üblich bei diesem Arbeiterklassensport stammte er aus dem Milieu, für das man den unangenehmen Begriff »einfache Verhältnisse« bereithält. Dass er ein Talent war, zeigte sich früh. Mit sympathisch einfachem, mitunter naiv anmutendem Strich zeichnet Marcin Podolec die Kindheit nach. Ossi wollte immer nur Tore schießen, und genau das tat er. Er war kein guter Techniker, er war kein Sprinter, »aber am Ball war Oskar unaufhaltbar«, wie es an einer Stelle heißt. Er durfte schon bei den Großen, also in einer Jugendmannschaft, mitmachen, da konnte er sich noch nicht mal selber die Schuhe binden. Bald ging er von Phoenix zum besseren Ortsrivalen VfR, wo ab 1928 Richard Dombi als Trainer wirkte.

Der gebürtige Wiener Dombi hieß ursprünglich Richard Kohn, und bekam, als er beim damaligen Weltklasseverein MTK Budapest spielte, den Spitznamen »Little Dombi«, was so viel wie kleine Exzellenz bedeuten soll. Irgendwann erschien das Angebot attraktiv, den jüdischen Namen Kohn offiziell in Dombi zu ändern. Bald wurde der FC Bayern München auf den engagierten und ambitionierten Dombi aufmerksam. Er ging nach München, und er machte Rohrs Eltern Angebote, wie es mit dem Jungen in der großen Stadt München weitergehen könnte. Die willigten ein, nach vielen Sorgen und familiären Debatten, ob das denn nicht zu riskant sei, sein ganzes Leben dem Fußball unterzuordnen.

Für Ossi Rohr eröffnete sich eine neue Welt. Voloj und Podolec zeigen in ihrer Graphic Novel, die Fußballkarriere als Bildungsroman: durch den Sport wird Ossi zum polyglotten Weltbürger, der mehrere Sprachen beherrscht, viele Kulturen kennengelernt und für sich die Welt entdeckt hat.
Rohr landete in einer der besten und größten Jugendabteilungen des damaligen deutschen Fußballs, er machte die Bekanntschaft des FCB-Präsidenten Kurt Landauer und des Chefredakteurs des Kicker, Walther Bensemann. Ossi erspielte sich trotz seiner Jugend bald einen Platz in der ersten Mannschaft. Und der Plan, den Landauer hatte, als er Dombi nach München holte, ging auf: Unter Dombi und mit Rohr spielten die Bayern am 1. Mai 1932 in Stuttgart das Finale um die Südostdeutsche Meisterschaft. Gegen Eintracht Frankfurt ging es, und auch die Berichte von diesem Endspiel klingen bemerkenswert aktuell: In der 80. Minute war strittig, ob ein Frankfurter im Strafraum ein Handspiel begangen hätte. »Auf dem Spielfeld kam es zu Rangeleien«, heißt es, der Schiedsrichter brach ab, Frankfurt wurde zum Sieger erklärte, aber beide Mannschaften waren für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft qualifiziert.

Das Finale wurde tatsächlich wieder zwischen Bayern und Frankfurt ausgetragen, diesmal in Nürnberg. Als Bayern einen – diesmal nicht umstrittenen – Elfmeter zugesprochen bekam, sollte Ossi Rohr schießen. Der 20jährige hatte die Nerven, traf, Bayern führte 1:0. Später erzielte noch Josef Bergmaier das 2:0. Es war die erste Deutsche Meisterschaft des FC Bayern München, bekanntlich sollten ein paar Jahrzehnte später viele weitere folgen. Dieser erste Titel war Ergebnis der professionellen Führung des Clubs, für die Namen wie Kurt Landauer, Richard Dombi und auch der Jugendtrainer Otto Albert Beer standen. Alle drei waren Juden.

Rohr war zum Star geworden, und die Ambitionen, die der FCB hatte, waren auf seine fußballerischen Fähigkeiten gegründet.. Ossi Rohr traf noch oft, und wurde auch in die Nationalmannschaft berufen. Aber nach dem 30. Januar 1933, dem Machtantritt der Nazis, änderte sich das Leben in Deutschland, und das heißt eben auch: das Fußballleben.

Landauer trat von seinem Präsidentenamt zurück, Beer verließ die Jugendabteilung. Für Rohr bot der FC Bayern keine Perspektive mehr. Er ging zu den Grasshoppers nach Zürich. Zwar war Dombi dort schon nicht mehr Trainer – er betreute mittlerweile den FC Barcelona –, aber mit Izidor Kürschner, Spitzname »Dori«, wirkte dort ein anderer renommierter Trainer aus der ungarischen Fußballlschule. Später sollte Kürschner nach Brasilien gehen, und viele sagen ihm nach, dass er es war, der die Fußballweltmacht Brasilien mitbegründet hat.

Rohr war jetzt Fußballprofi, er bekam ein Angebot von Racing Strasbourg aus Frankreich und ging dorthin. Das bot ihm auch die Möglichkeit, öfter seine Eltern in Mannheim zu besuchen, und er bemerkte hautnah, was sich in Deutschland geändert hatte. »Verräter« riefen ihm Leute auf der Straße hinterher. Es war immer weniger sein Land.

Nach den Pogromnächten im November 1938 bekam Rohr mit, dass sein alter Münchner Jugendtrainer Otto Albert Beer ins KZ Dachau verschleppt wurde, auch Kurt Landauer kam nach Dachau. 1939 überfiel die Wehrmacht Polen, kurz darauf erklärte das NS-Regime auch Frankreich den Krieg und in Strasbourg endete das zivile Leben. Im Juni 1940 marschierte die Wehrmacht ein. Rohr flüchtete in den Süden des Landes, nach Sète, wo er natürlich auch Fußball spielte. Als sein neuer Verein, der FC Sète, 1942 das französische Pokalfinale erreichte, konnte der Stürmerstar nicht mit, denn Paris war da schon von den Deutschen besetzt. Rohr ging, wie viele deutschen Emigranten, nach Marseille.

Voloj und Podolec nutzen ihre Graphic Novel, um – beinah nebenbei – auf eindringliche Weise die Situation der Flüchtlinge und die Hilfsangebote, die es etwa von dem US-Amerikaner Varian Fry gab, zu schildern. Rohr, der ja kein Emigrant, kein Flüchtling war, nutzte das nichts. Aber auch er wurde vom Vichy-Regime verfolgt und wegen »Verbreitung kommunistischer Propaganda« sogar verhaftet, inhaftiert und nach Deutschland abgeschoben. Im KZ Kislau bei Karlsruhe war er kurze Zeit interniert, dann schickte ihn die Wehrmacht an die Ostfront. Seine Familie befürchtete, dass dies seinen sicheren Tod bedeuten könnte. Aber Rohr, der Held der deutschen Fußballmeisterschaft von 1932, hatte Glück. Ein Offizier gab sich als Bayern-Fan zu erkennen und verschaffte ihm einen Platz in einem Verletztenrücktransport. So überlebte Oskar »Ossi« Rohr den Zweiten Weltkrieg und so endet die Graphic Novel, die an seine Geschichte erinnert.

Nach 1945 entschied sich Rohr, in Deutschland zu bleiben, kickte noch bei ein paar Vereinen und wurde später Angestellter bei der Stadt Mannheim. 1988 starb Rohr. Vergessen war er nicht unbedingt, vielen Bayern-Fans ist er noch wegen der Meisterschaft 1932 bekannt, aber seine Geschichte, seine Haft, seine KZ-Internierung, seine Zeit an der Ostfront sind kaum bekannt. Podolec, ein polnischer Zeichner, und Voloj, der aus Münster stammt und in den USA lebt, haben sich mit viel historischem und fußballerischem Verstand und sehr behutsamen Zeichnungen dieses Menschenlebens angenommen und so eines der würdigsten Andenken geschaffen, die man sich vorstellen kann.

Julian Voloj, Marcin Podolec: Ein Leben für den Fußball. Die Geschichte von Oskar Rohr. Carlsen, Hamburg 2020, 152 Seiten, 22 Euro

Ossi
Carlsen Verlag