Charles Kings Studie »Schule der Rebellen« über den Ethnologen Franz Boas

Antirassistisches Schädelvermessen

Franz Boas war ein »mad scientist«, Gegner Hitler und ein Pionier seines Fachgebiets: Ein Kreis junger Wissenschaftler um den charismatischen Ethnologen widerlegte Anfang des vorigen Jahrhunderts mit wissenschaftlichen Methoden die Lehren der Rassekundler. Wie die »Schule der Rebellen« das Denken über Ethnie und Geschlecht verändert hat, zeigt Charles Kings gleichnamiges Buch.

Was für ein Abgang! »Wir sollten niemals aufhören«, sprach Franz Boas, »zu wiederholen, dass der Rassismus ein monströser Irrtum und eine dreiste Lüge ist.« Nach diesem Appell, ausgesprochen im Fakultätsclub der New Yorker Columbia-Universität, verstarb Boas umgeben von gleichgesinnten Wissenschaftlern. Boas, der als Quereinsteiger in die ethnologische Forschung gelangt war, gilt als Begründer der modernen Anthropologie. Seine Feldforschungen bei den Inuit im arktischen Archipel wie bei den Indigenen in Westkanada brachten ihn zu der Einsicht, dass die kulturelle Prägung ungleich stärker einzuschätzen ist als die Rolle biologisch vererbter Wesensmerkmale. Auch einen allgemein gültigen Wissenskanon gebe es nicht, so Boas. Gegen die rassistisch und eurozentristisch motivierten Ansichten seiner Kollegen setzte er die Idee von der Gleichrangigkeit der Kulturen, die er mittels empirischer Forschungen zu verteidigen suchte: Die Ethnologen sollten Informationen sammeln, anstatt für bestehende Theorien Beispiele zu suchen. Der Wissenschaftler müsse sich teilnehmend dem Menschen nähern, deren Leben er erforsche, und, wie es der Ethnologe Bronisław Malinowski forderte, »unterm Moskitonetz hervorkriechen«. Als solch teilnehmender Beobachter erst habe der Forscher die Möglichkeit, die unbekannte Kultur wirklich zu verstehen.

Ob im Völkerkundemuseum oder als Körper- und Schädelvermesser von Neueinwanderern tätig: Immer wieder konnte Boas anhand empirischen Materials gängige Theorien und Ansichten widerlegen. 


Anfangs wollte Boas Naturwissenschaftler werden, wie seiner jüngst erschienen Biographie mit dem Titel »Schule der Rebellen« zu entnehmen ist. Darin zeichnet Charles King, Professor für internationale Politik an der Georgetown University, das plastische Bild eines neugierigen und unkonventionellen Forschers, der sich vom romantischen Träumer zu einem Ethnologen mit politischen Überzeugungen wandelt.

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Boas wurde am 9. Juli 1858 als Sohn einer deutsch-jüdischen Stoffhändlerfamilie in der westfälischen Kleinstadt Minden geboren. Er schwärmte für die Abenteuer des Robinson Crusoe, beobachtete mit Leidenschaft die Erscheinungen der Natur, schleppte Steine und tote Tiere nach Hause. Später studierte er an mehreren deutschen Universitäten Physik, Geographie und Mathematik, duellierte sich in Burschenschaften und wollte sich nach einer halbherzigen Promotion als seriöser Wissenschaftler beweisen.

Er fasste 1883 den Plan, auf dem nordkanadischen Baffin Island die Bewegungsmuster der Bevölkerung zu kartographieren. Während des 15monatigen Aufenthalts entdeckte er sein Interesse an den Menschen, deren Routen er zunächst hatte erforschen wollen. Von Forschungsgegenständen wurden sie für ihn zu Zeugen ihrer Kultur, deren Märchen, Erlebnissen und Gefühlsschilderungen er lauschte. Boas erkannte, dass er es nicht mit geschichtslosen Wesen von primitivem Charakter zu tun hatte, wie die Vertreter seiner Zunft behaupteten. Sein Weltbild begann sich zu verändern. Nachdem er in Berlin über arktisches Eis habilitiert hatte, emigrierte er 1886 in die USA, wo er seine deutsche Verlobte Marie Krackowitzer heirate. Als Mitarbeiter in Museen und für Wissenschaftszeitschriften machte Boas sich einen Namen. 1899 erhielt er eine Professur für Anthropologie an der Columbia University in New York, wo er bis zu seiner Emeritierung 1936 lehrte und forschte.

Ob im Völkerkundemuseum oder als Körper- und Schädelvermesser von Neueinwanderern tätig: Immer wieder konnte Boas anhand empirischen Materials gängige Theorien und Ansichten widerlegen. Warum zum Beispiel sollte man an Rassetypen festhalten, wenn sich diese nach Tausenden Vermessungen als unhaltbar zeigen? Immer klarer gelangte Boas zu der Überzeugung, dass der Grundfehler der bisherigen Ethnologie darin bestand, die Menschen mittels Vorannahmen zu diskriminieren. »In der Ethnologie dreht sich alles um Individualität«, schrieb Boas einmal. Dies war ein revolutionärer Ansatz, schließlich war es zu seiner Zeit gängige Lehrmeinung, dass das gesamte Verhalten von Gruppen und Individuen vererbt sei – eine Vorstellung, die noch heute in der Idee von einer kulturellen Identität überdauert. Aus einem Korsett von Normen und Verhaltensweisen könne sich ein Individuum angeblich nicht lösen. Die immer wieder aufflackernde Debatte über eine deutsche Leitkultur ist letztlich ein Ausdruck dieser Vorstellung. Richtig ist jedoch, dass die Umwelt den Menschen zwar prägt, dies geschieht aber durch Sozialkontakte, nicht durch Abstammung.

Boas vertrat Positionen des Kulturrelativismus, ein Begriff, der im heutigen Sprachgebrauch für einen fehlgeleiteten Multikulturalismus steht. Ihm ging es aber nicht um die Verneinung universeller Menschenrechte. Boas wies jedoch entschieden den Anspruch der Weißen zurück, die Krönung der Zivilisation zu sein und daher andere herabwürdigen und ausbeuten zu dürfen. Die Ethnologie müsse aufhören, so Boas, den Kolonialismus zu legitimieren. Die Schärfe, mit der er Positionen attackierte, die er für falsch hielt, brachte ihm zahlreiche Gegner ein und war seiner Karriere nicht förderlich. Doch er ließ sich nicht beirren in einer Zeit, in der die Wissenschaft die Rassentrennung und die eugenische Zwangsterilisiation von Menschen mit »schlechtem Erbgut« legitimierte.

Die Wissenschaft, so kritisierte er, erhebe die westliche Kultur zur universellen Norm, was die Minderwertigkeit aller anderen impliziere. Boas mischte sich auch in die Politik ein. Für Aufsehen sorgte sein offener Brief an Reichspräsident Paul von Hindenburg: Nur wenige Wochen nach der Machtüberübernahme der Nationalsozialisten appellierte er am 27. März 1933 an das deutsche Staatsoberhaupt, sich gegen die unheilvolle Entwicklung in Deutschland zu stemmen. Er hoffe, dass diese lediglich »Fiebersymptome eines kranken Volkskörpers sind, der, obwohl aufs tiefste verwundet, genesen wird, dass eine Zeit kommen wird, in der das Deutschland, das ich kenne und liebe, wieder entstehen wird«. Deutlich warnte er vor dem Aufstieg Hitlers, berief sich dieser doch auf Boas’ wissenschaftlichen Gegenspieler Madison Grant. Dessen Bestseller »Der Untergang der Großen Rasse« nannte Hitler seine »Bibel«.

Um »Onkel Franz«, wie Studierende Boas nannten, entstand an der Columbia-Universität eine »Schule der Rebellen«. Viele seiner Kollegen und Schüler teilten das (wissenschafts-)politische Engagement Boas. Nicht zuletzt fühlten sich Wissenschaftlerinnen von Boas Arbeiten ermutigt, eine Karriere anzustreben, etwa die Anthropologin Ruth Benedict. Zora Neale Hurston begann, die Folklore der schwarzen Bevölkerung zu erforschen. Margaret Meads Studien zur Pubertät in anderen Kulturen dienten dazu, die vorherrschende verklemmt-spießige Morallehre zu entkräften und ihre eigene Polyamorie zu verstehen.

Charles Kings empfehlenswertes Buch ist sowohl eine Biographie als auch eine Wissenschafts- und Ideengeschichte. Mit Kritik spart der Autor nicht, etwa als Boas gegen seine eigene Überzeugung Vorurteile gegen die schwarze Bevölkerung in den USA reproduziert. Auch Vertrauensmissbrauch und Karrierismus werden thematisiert. Vor allem schildert das Buch sehr detailliert die wenig bekannten Hintergründe für die Diskussion der Gegenwart über Sex, Race und Gender und den Beitrag, den die moderne Anthropologie um Franz Boas, Margaret Mead und Claude Lévi-Strauss dafür geliefert haben.

Als Franz Boas 1942 in den Räumen der Columbia-Universität verstarb, war ein junger Mann zugegen, der schon bald als populärster Ethnologe der Nachkriegszeit die Kultur der anderen verteidigen sollte: eben Claude Lévi-Strauss. Steckt darin die Symbolik der Übergabe eines Staffelstabes? Charles King erspart den Lesenden in seiner Darstellung allzu viel Pathos und Spekulation und hält sich lieber an die Grundsätze der »Schule der Rebellen«: »Wenn wir glaubten, wir würden die Menschen da draußen studieren, stellten wir in Wirklichkeit Behauptungen über die Menschen hier auf – über uns und unsere Nachbarn, über unseren Sinn für das Normale, das Offensichtliche und den Standard.«

Charles King: Schule der Rebellen. Übersetzung aus dem Englischen von Nikolaus de Palézieux. Hanser, München 2020, 480 Seiten, 26 Euro