Premierminister Boris Johnson ­erwartete ein phantastisches Jahr, dann infizierte er sich mit Covid-19

Der Superspreader

Der britische Premierminister Boris Johnson ändert seine Strategie in der Pandemiebekämpfung. Er selbst hatte sich in der vergangenen Woche mit dem neuartigen Coronavirus infiziert.

»Das wird ein phantastisches Jahr für Großbritannien«, schrieb Boris Johnson in seinen Neujahrsgrüßen am 2. Januar auf Facebook. Der Premierminister posierte mit zwei emporgereckten Daumen. Das etwas alberner Motiv ist sein Markenzeichen. Der blonde Wuschelkopf sieht auf dem Foto allerdings auffallend ordentlich aus; er wollte sich offenbar halbwegs staatsmännisch präsentieren. 2020, im Jahr es EU-Austritts, sollte Great Britain wieder great werden. Ein phantastisches Jahr eben.

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Nur zwölf Wochen später liegt Johnson selbst auf der Intensivstation des Londoner des St Thomas’ Hospital. Er ist mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert. Auch sein Gesundheitsminister Matt Hancock, der Thronfolger Prinz Charles und über 25 000 weitere Britinnen und Briten sind bereits infiziert. Allerdings werden bislang nur Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern getestet, was eine sehr hohe Dunkelziffer vermuten lässt. Für Krankenhauspersonal gibt es bislang keine Tests. Wie die Ärzteorganisation Royal College of Physicians mitteilte, ist jeder vierte Mediziner des staatlichen Gesundheitsdienstes NHS (National Health Service) inzwischen »krank oder in Isolation«.

Johnson hatte keinen Plan für die Bekämpfung der Pandemie. Ignoranz scheint mittlerweile eine Säule britischer Politik zu sein. Schon als Außenminister zeigte Johnson sich immer wieder unvorbereitet und ahnungslos, wie nicht wenige Diplomaten und Behördenbedienstete kritisierten. In der derzeitigen Krise haben diese Defizite jedoch tödlichere Folgen.

Großbritanniens erste Strategie gegen die Pandemie war es, die sogenannte Herdenimmunität anzustreben: Wenn ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung, im Fall von Covid-19 etwa 60 bis 70 Prozent, gegen eine Krankheit immun ist, kann sich diese nicht mehr ausbreiten, wodurch auch die nicht immunen Individuen geschützt sind. Anders gesagt: Lieber gar nichts machen, dann wird sich schon alles selbst regeln. »Als ich von Großbritanniens Herdenimmunität-Coronavirusplan gehört habe, habe ich ihn für Satire gehalten«, sagte der Epidemiologe William Hanage von der Universität Harvard dem Guardian.

Auf den ersten Blick handelte es sich um eine verblüffend bequemen Plan, um dem Vereinigten Königreich die wirtschaftlichen Folgen drastischer Maßnahmen wie Kontaktverbote und Ladenschließungen zu ersparen. Man hätte allerdings Hunderttausende Tote in Kauf nehmen müssen, um die Wirtschaft zu retten.

Dominic Cummings, Boris Johnsons Chefberater und Architekt der erfolgreichen »Brexit«-Kampagne, beschrieb der Sunday Times zufolge seine Strategie bei einem Planungstreffen Ende Februar so: »Herdenimmunität, die Wirtschaft schützen, und wenn das bedeutet, dass einige Rentner sterben, Pech.« Die Regierung dementierte die Äußerungen Cummings’; dieser befindet sich mittlerweile mit Covid-19-Symptomen in Isolation.

Die Lässigkeit und Arroganz Johnsons und Cummings‘ sind auch Ausdrucks ihrer Privilegiertheit. Beide besuchten elitäre Internate und studierten an der prestigeträchtigen Universität Oxford. Sie entstammen einer Klasse, deren Angehörige von frühester Kindheit an von allem Ungemach abgeschirmt werden und erfahren, dass nicht sie, sondern nur die Armen, die Ausländer, die anderen leiden. Doch die Pandemie schert sich nicht um Klassenpri­vilegien, das erleben Johnson und Cummings nun selbst, auch wenn eine Infektion aufgrund sozialer und medizinischer Ungleichheit die Ärmsten am härtesten trifft.

Erst Mitte März änderte die Regierung ihren Kurs. Seit Montag vergangener Woche herrscht auch in Großbritannien eine weitgehende Ausgangssperre. Johnson wandte sich in einem Brief an die Briten, der in den kommenden Tagen an 30 Millionen Haushalte versendet werden soll. Die Regierung treffe nun die richtigen Vorbereitungen, schreibt er. Je besser die Regeln befolgt würden, desto weniger Menschen würden ihr Leben verlieren. Er schloss auch eine weitere Verschärfung der Maßnahmen nicht aus.

Großbritanniens wechselhafte Strategie gegen die Pandemie wirft viele Fragen auf. Wie der Premierminister sich anstecken konnte, lässt sich allerdings sehr leicht beantworten. In einer ernsten Rede an die Nation mahnte Johnson alle Bürgerinnen und Bürger, zu Hause zu bleiben. Nur zwei Wochen zuvor hatte er bei einer Pressekonferenz noch angegeben, in einem Krankenhaus Anfang März mit an Covid-19 Erkrankten allen Anwesenden die Hände geschüttelt zu haben. Auch nach Beginn der Ausgangssperre nahm er weiterhin persönlich an den Prime Minis­ter’s Questions teil, der traditionellen Regierungsbefragung im Parlament. Mittlerweile sind mehrere Minister infiziert.

Jetzt beruft sich die britische Regierung auf den Geist des »Blitz« im Zweiten Weltkrieg – ein Siegermythos von entschlossenen Bürgerinnen und Bürgern, die im Krieg ihr Leben weiterführten. Die sogenannte »stiff upper lip« der Briten, ihre unerschütterliche Haltung während einer Krise, wird als Tugend gefeiert: »Keep calm and carry on«, lautet die Parole. Es sollte ein phantastisches Jahr für Großbritannien werden, doch es könnte stattdessen in die Geschichtsbücher als eines der tragischsten eingehen.