Der ehemalige Weltfußballer Ronaldinho sitzt in Paraguay im Gefängnis

Kicken hinter Gittern

Warum das brasilianische Fußballidol Ronaldinho und sein Bruder mit gefälschten Pässen nach Paraguay reisten, ist immer noch unklar. Die Andeutungen der Staatsanwaltschaft legen kriminelle Machenschaften nahe.

Als er Anfang März der Haftrichterin vorgeführt wurde, versteckte der frühere Weltfußballer Ronaldinho seine Handgelenke unter einem rosa Pullover – die zahlreichen Journalisten und Fotografen vor dem Gerichtssaal in Paraguays Hauptstadt Asunción sollten die Handschellen nicht sehen. Sein Bruder Roberto de Assis Moreira und er sollen mit gefälschten Pässen nach Paraguay eingereist sein. Nach der Anhörung stand fest, dass die beiden während der laufenden Ermittlungen in Untersuchungshaft bleiben würden.

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Die Verhaftung des brasilianischen Fußballidols zieht auch politische Kreise. Der frühere Außenminister Paraguays, Rubén Melgarejo Lanzoni, trat als Berater für geopolitische und internationale Angelegenheiten im Innenministerium zurück, nachdem bekannt geworden war, dass die Geschäftsfrau Dalia López, die in den mutmaßlichen Skandal um Ronaldinho eine zentrale Rolle spielen soll, eine mit ihm geschäftlich verbundene Anwaltskanzlei beauftragt hatte.
Paraguays Präsident Mario Abdo Benítez forderte von Innenminister Euclides Acevedo eine lückenlose Aufklärung »ohne Rücksicht auf Verluste«. Zugleich aber sagte er, dass er Unbehagen wegen Ronaldinhos Verhaftung empfinde. »Ich kann nicht leugnen, dass mir das, was mit dem Fußballstar passiert, große Schmerzen bereitet. Meine Kinder wollen ins Gefängnis, um Fotos mit ihm zu machen«, so Abdo Benítez im paraguayischen Fernsehen.

Brasilianer benötigen für eine Einreise nach Paraguay keinen Pass, weshalb gemutmaßt wird, die beiden könnten in eine Geldwäscheaffäre verstrickt sein.

Zuvor hatte Brasiliens Justizminister Sérgio Moro, der wegen seiner Verurteilung des ehemaligen Staatspräsidenten Luiz Inácio Lula da Silva einen Ruf als Hardliner genießt, Paraguay um Erklärungen zur Verhaftung Ronaldinhos gebeten, der auch als »Tourismusbotschafter« der Regierung von Jair Bolsonaro tätig ist. Zudem veröffentlichte Moro eine offizielle Notiz, in der er bestätigte, dass er Kontakt zu den paraguayischen Behörden gehalten habe, versicherte aber, »die Souveränität Paraguays und die Unabhängigkeit der Justizbehörden« zu achten.

Vieles ist in dem Fall weiterhin unklar, es gibt etliche Spekulationen. Fest steht, dass Ronaldinho und sein Bruder Roberto de Assis Moreira, ebenfalls ein früherer Fußballprofi, Anfang März mit gefälschten Pässen von Brasilien nach Paraguay eingereist waren. Dort wollte Ronaldinho eigentlich Werbung für seine kürzlich erschienene Biographie machen und ein Spielcasino eröffnen. Die falschen Ausweise seien ihnen bei ihrer Ankunft von einem Unternehmer übergeben worden, sagten die Brüder der Polizei. Zunächst sah es so aus, als würde die Angelegenheit schnell geklärt. Ronaldinho und sein Bruder machten gegenüber den Ermittlern eine umfassende Aussage und wurden bald wieder auf freien Fuß gesetzt. Mit einer Geldstrafe schien der Fall erledigt.

Doch dann kam die überraschende Wendung: Die Staatsanwaltschaft ­erhob plötzlich doch Anklage gegen die beiden wegen der »Verwendung eines staatliche Dokumentes mit gefälschtem Inhalt«, ein Gericht ordnete Untersuchungshaft wegen Fluchtgefahr an. »Es handelt sich um eine schwere Straftat gegen die Interessen der Republik«, sagte die zuständige Richterin Clara Ruiz Díaz.

Eine in der Öffentlichkeit diskutierte Frage ist, warum Ronaldinho und sein Bruder überhaupt mit gefälschten paraguayischen Pässen ins Nachbarland einreisten. Brasilianer benötigen für eine Einreise nach Paraguay keinen Pass, weshalb gemutmaßt wird, die beiden könnten in eine Geldwäscheaffäre verstrickt sein. Dem Staatsanwalt Federico Delfino zufolge sind 16 Personen darin verwickelt, gegen drei wurde bereits Anklage erhoben. Zudem seien Ermittlungen gegen mehrere Beamte und Privatleute eingeleitet worden, teilte die Staatsanwaltschaft mit; gegen einen Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde wurde Haftbefehl erlassen. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Verdächtigen zu einer kriminellen Bande gehören, die sich auf die Fälschung von Ausweisdokumenten spezialisiert hat.

Dafür spricht ein von den Behörden veröffentlichtes Detail. Dem Antikorruptionsminister René Fernández zufolge wurden im Dezember umgerechnet 12 000 Euro unter dem Namen der Brüder auf ein Bankkonto transferiert, das der Abwicklung von Einbürgerungsanträgen dient. Im Januar habe jemand versucht, das Geld abzuheben. Das Geld befinde sich aber immer noch auf dem Konto. Mehr gab Fernández nicht preis.

Den Trip der Brüder hatte Dalia López bezahlt, eine zwielichtige Unternehmerin. Die Polizei fahndet zurzeit nach ihr. Sie soll Ronaldinho zu einer Benefizveranstaltung für ihre Stiftung Fraternidad Angelical (Engelsbruderschaft) eingeladen und die gefälschten Pässe beschafft haben. Gegen López wird bereits seit längerem wegen Steuerhinterziehung und Geldwäsche ermittelt.

Ronaldo de Assis Moreira, so Ronaldinhos bürgerlicher Name, und sein Bruder sollen jedoch von alldem nichts gewusst haben. »Ronaldo und Roberto wussten nicht, dass die Pässe gefälscht waren. Sie dachten, sie seien in Ordnung, deshalb haben sie sie ja freiwillig vorgezeigt«, sagte ihr Anwalt Sérgio Queiroz. Die Dokumente seien ihnen angeboten worden, um die Geschäftstätigkeit im Land zu erleichtern, weshalb sie sie akzeptierten. Queiroz’ Kollege Adolfo Marín sagte der brasilianischen Tageszeitung Folha de S. Paulo: »Er (Ronaldinho) wusste nicht, dass er ein Verbrechen begeht, weil er nicht verstanden hat, dass es sich um gefälschte Dokumente handelte. Er ist ein Dummkopf.«

Aber auch in Paraguay gilt der Grundsatz: Dummheit schützt vor Strafe nicht. Die Untersuchungshaft ist wohl die dunkelste Episode in einem Jahrzehnt voller Höhen und Tiefen im Leben des früheren Fußballstars. Als sich Ronaldinho nach seiner Zeit bei AC Mailand 2011 vom europäischen Fußball verabschiedete – in seiner Glanzzeit hatte er den FC Barcelona zu zwei spanischen Meistertiteln und dem Sieg in der Champions League geführt, 2005 war er zu Europas Fußballer des Jahres sowie 2004 und 2005 zum Weltfußballer des Jahres gewählt worden –, rechnete alle Welt damit, er werde zu dem Verein seiner Jugend, Grêmio Porto Alegre, zurückkehren. Doch der Fußballer unterschrieb trotz fortgeschrittener Verhandlungen mit Grêmio bei Flamengo Rio de Janeiro. Die Fans in Porto Alegre haben ihm das nie vergeben. Ronaldinhos Zeit in Rio de Janeiro war geprägt von einem Regionalmeisterschaftstitel und vor allem den Partys, die er in seiner Villa veranstaltete. Sein Bruder Roberto, nach dem frühen Tod ihres Vaters so etwas wie Ronaldinhos Ersatzvater und Berater, löste wegen ausstehender Gehaltszahlungen den Vertrag mit Flamengo nach nur 16 Monaten wieder auf. Ronaldinho unterschrieb bei Atlético Mineiro, wo er an seine Glanzzeiten anknüpfen konnte. Von den Anhängern gefeiert, führte er den Club zur Vizemeisterschaft und 2013 zum ersten und bisher einzigen Gewinn der Copa Libertadores, der südamerikanischen Champions League. Später verschlug es ihn für eine Saison zum mexikanischen Provinzclub Querétaro, bevor er nach Brasilien zurückkehrte, diesmal zu Fluminense Rio de Janeiro. Nur neun Mal trug er das Trikot von »Flu«, ohne einen Treffer zu erzielen.

Nach dem Ende seiner Profikarriere geriet der zweimalige Weltfußballer allerdings erst recht in Schwierigkeiten. Viele sagen, sein Bruder Roberto habe ihn auf einen falschen Pfad geführt oder er habe sich bei den Clubwechseln und seinen Geschäften geirrt. 2015 wurden die Brüder wegen des illegalen Baus einer Zuckermühle in einem Naturschutzgebiet zu einer Geldstrafe von umgerechnet etwa 1,6 Millionen Euro verurteilt. Wegen nicht gezahlter Bußgelder in einem anderen Verfahren wurde dem ehemaligen Fußballer Ende 2018 dann der Pass entzogen. Zudem laufen Untersuchungen gegen ihn wegen seiner Beziehungen zu einem Unternehmen für Kryptowährung. Auch seine Unterstützung für Brasiliens rechtsextremen Präsidenten Bolsonaro rief viel Kritik und Ablehnung hervor.

Am 21. März wurde Ronaldinho 40 Jahre alt. Seinen Geburtstag verbrachte er hinter Gittern. Bei allen Widrigkeiten bleibt ihm immer noch der Fußball. Bei einem Spiel in der Haftanstalt in Asunción habe der ehemalige Weltfußballer fünf Tore erzielt und sechs Vorlagen geliefert, berichteten lokale Medien. Die Gefangen hatten vorher ausgelost, wer Ronaldinho in seiner Mannschaft haben durfte. Ein Gefängniswärter hatte ihm Fußballschuhe geliehen. Ronaldinhos Team gewann mit 11:2 und sicherte sich den Sachpreis: ein 15 Kilogramm schweres Ferkel.