Maskenproduktion in Berlin

Aus allen Nähten

In Berlin produzieren mittlerweile kleinere Schneidereien, Modelabels und Theaterwerkstätten Atemmasken. Das lohnt sich finanziell oft nicht, doch viele Hersteller wollen Hilfe leisten.
Reportage Von

Nazli Kirci ist eine Optimistin. Die 69jährige blickt aus dem Fenster ihrer Schneiderei auf die leere Reichenberger Straße in Berlin-Kreuzberg. Nicht einmal eine Pandemie kann ihre Stimmung dämpfen: Seit Mitte April näht Kirci Gesichtsmasken.

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Vergangene Woche wurde in der Bundesrepublik die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln und im Einzelhandel eingeführt. Die Nachfrage wächst bereits seit Wochen und übersteigt vielerorts das Angebot. Daher stellen viele Betriebe nun Masken her – ob kleinere Schneidereien wie die Kircis, renommierte Modedesignerinnen oder große Theater. Das Augsburger Sozialunternehmen Manomama produziert rund 10 000 Masken pro Tag. Diese dürfen, wie die meisten anderen Masken auch, nicht als »Atemschutzmasken« bezeichnet werden, da es sich nicht um medizinische Produkte handelt. Deshalb verwenden Manomama, Kirci und andere Hersteller Begriffe wie »Gesichtsmaske«, »Alltagsmaske« oder »Mund-Nasen-Bedeckung«.

Kirci sagt etwas auf Türkisch, ihre Tochter Ceyda übersetzt: »Es ist unser großes Glück, dass wir in Kreuzberg sind. Die Leute kommen schon irgendwie.« Kirci wurde 1951 in Bilecik geboren, einer kleinen Stadt zwischen Istanbul und Ankara. Von ihrer Großmutter erbte sie eine Winselmann-Nähmaschine aus deutscher Herstellung, die den Zweiten Weltkrieg in einer Grube voller Wertsachen heil überstand. Für Kirci ein Zeichen des Glücks. Mittlerweile ziert die Nähmaschine das Schaufenster ihrer Kreuzberger Schneiderei.

»Es gab Tage, an denen ich nicht mal einen Euro eingenommen habe. Die ersten zwei Wochen waren hart.« Nazli Kirci, Schneiderin

1972 zog Kirci nach Berlin. Sie folgte ihrem Mann, der zwei Jahre zuvor ausgewandert war, um bei Siemens im Dynamowerk in Berlin-Spandau zu arbeiten. Seitdem ist Kreuzberg ihr Lebensmittelpunkt. Zunächst arbeitete sie in einer Textilfabrik in der Kochstraße, von 1974 bis 1985 in der Fabrik von Delmod International am Paul-Lincke-Ufer. »Viele Textilfabriken haben damals geschlossen. Die Stadt ist gewachsen und die Arbeitskräfte hier wurden teurer. Heute werden Kleider billiger in Polen oder in der Türkei hergestellt«, sagt Kirci. 2000 ging ein persönlicher Traum in Erfüllung: Kirci eröffnete ihren eigenen Laden. 20 Jahre später ist ihre Schneiderei eine Institution in ihrem Viertel und möglicherweise über dieses hinaus bekannt: Nazli Kirci war eine Protagonistin in der Dokumentation »24h Berlin – Ein Tag im Leben« (2009) und spielte 2015 in einer Szene des Kinofilms »Er ist wieder da« mit.

Die Coronakrise erlebte Kirci anfangs als Schock. »Als die Pandemie ausgebrochen ist, blieben auf einmal die Kunden aus. Viele Sachen mussten noch abgeholt werden, also habe ich weiter aufgemacht. Aber es kam keiner. Es gab Tage, an denen ich nicht mal einen Euro eingenommen habe. Die ersten zwei Wochen waren hart.« Ihr Satz wird unterbrochen, ein Kunde kommt herein: ein Punk Ende 40, der zwei zu seiner Lederjacke passende schwarze Masken abholt, die ihm sichtlich gefallen. »Dann kam die Idee mit den Masken«, fährt Kirci fort. Eine Kundin wollte eine Maske bestellen, so etwas hatte Kirci aber noch nie genäht. Dafür hatte sie keine Muster. »Meine Nachbarin arbeitet im Krankenhaus und hat uns eine Maske als Vorlage gegeben. Kunden drucken aber auch selber Anleitungen zu Hause aus und bringen sie mit.« Die Stoffe kauft sie auf dem benachbarten Wochenmarkt am Neuköllner Maybachufer, wo sie seit über 30 Jahren Stammkundin ist.

Ob es sinnvoll ist, Atemmasken in der Öffentlichkeit zu tragen, wird viel diskutiert. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation gibt es bislang keine Beweise dafür, dass Alltagsmasken deren Träger vor einer Infektion mit Sars-CoV-2 schützen. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt, »in bestimmten Situationen im öffentlichen Raum« eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Das könne »ein zusätzlicher Baustein sein, um die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Covid-19 in der Bevölkerung zu reduzieren – allerdings nur, wenn weiterhin Abstand (mindestens 1,5 Meter) von anderen Personen, Husten- und Niesregeln und eine gute Händehygiene eingehalten werden«. Medizinische Masken sollten medizinischem und pflegerischem Personal vorbehalten bleiben. Alltagsmasken sollen nicht den Träger, sondern die Personen, denen er begegnet, vor einer Infektion schützen. Sie nicht nur in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einzelhandelsgeschäften zu tragen, ist ein Akt der Solidarität.

Kircis Masken kosten fünf Euro und bestehen zu 100 Prozent aus Baumwolle. »Dieser Stoff ist am besten«, sagt sie. Ungefähr 20 Stück kann sie am Tag nähen. »Das ist finanziell keine große Hilfe, doch eine große Motivation für mich. Ich bin zuckerkrank und brauche einen geregelten Tagesablauf. Und ich will nicht zu Hause rumsitzen und fernsehen. Ich will Menschen helfen und ihnen eine Freude machen. Gerade bedeutet das, Masken zu nähen.« Ihr Angebot kommt gut an. Zu Ostern hätten viele Kunden Masken gekauft, um diese zu verschenken. Ein Kunde wolle 50 Masken für seinen Betrieb kaufen. Doch bislang sind kleinere Bestellungen die Regel. Kirci sagt, sie habe keine Angst vor der Zukunft, sondern Hoffnung, dass alles bald wieder normal werde. »Ich habe treue Kunden«, sagt sie. Durch die Soforthilfe des Berliner Senats sei wenigstens die Miete für die nächsten drei Monate gesichert.

 

Jede Maske hat eine Botschaft

Was größere Hochzeitsfeiern, Galas und Bälle angeht, dürfte es allerdings noch eine Weile dauern, bis wieder Normalität einkehren wird. Bis Ende August sind Großveranstaltungen untersagt. Für die Designerin Kaska Hass ist das ein großes Problem. 2010 eröffnete die gebürtige Osnabrückerin ein Studio für zeitgenössische Mode und Haute Couture in Berlin, seit 2014 mit Sitz am Engelbecken in Kreuzberg. Hass’ lichtdurchflutetes Atelier ist voller Schaufensterpuppen in ausgefallenen Abendkleidern. Ihr Schwerpunkt ist handgefertigte Hochzeitsmode, die sich vom traditionellen Brautkleid unterscheidet. Doch derzeit bleiben viele Aufträge aus. So fing Hass an, Gesichtsmasken zu nähen – zunächst aus Paillettenstoff, doch schnell entschied sie sich für dauerhaftere Stoffe und mehrere Schichten.

»Es ist nicht nur ein Stoff vorm Mund. Das Design ist mehrlagig, die Materialien sind GOTS-zertifiziert und ich achte darauf, dass sie atmungsaktiv und hautfreundlich sind. Innen gibt es einen kleinen Filter. Ich habe auch einen Nasenhalter eingebaut, damit die Maske nicht wegrutscht«, sagt Hass. GOTS steht für »Global Organic Textile Standard«. Mit dem Siegel versehene Kleidungsstücke bestehen zu mindestens 70 Prozent aus biologisch erzeugten Naturfasern. Hass warnt, bei selbst­gemachten Masken aus Reststoffen und alten T-Shirts müsse man auf­passen. Häufig seien die Farbstoffe giftig. Wenn man die Maske den ganzen Tag direkt vor dem Mund platziere, könne das schädlich für die Gesundheit sein.

Mode spielt für Hass auch in Zeiten von social distancing eine wichtige Rolle. »Es ist eigentlich furchtbar, dass man sein Gesicht jetzt schützen muss. Aber wenn eine Maske ästhetisch ansprechend ist, dann ist sie auch leichter zu tragen. Sie zeigt eine Seite der eigenen Persönlichkeit. Ein Kleidungsstück, egal wie groß oder klein, hat immer eine Botschaft. Hier ist aber erst mal die Botschaft: ›Ich will andere schützen.‹« Derzeit gehen ungefähr zehn Bestellungen pro Tag ein, vor allem von Anwohnern aus dem Kiez, die die Masken im Schaufenster gesehen haben.

Für die Herstellung einer Maske braucht Hass etwa eine Stunde. Eine Maske kostet zwölf Euro, zwei Stück bekommt man für 20 Euro. Das sind eher symbolische Beträge. »Wenn ich das wirklich berechnen würde, müsste ich da andere Preise setzen. Die Materialien sind teuer. Ungefähr 30 Euro pro Maske würde das kosten. Aber das kann ich allein vom Gefühl her nicht verlangen«, sagt Hass. Auch sie ist auf die Soforthilfe des Berliner Senats angewiesen. Sie versucht, mit ihren Kunden online zu kommunizieren. »Man müsste aber natürlich eigentlich zu mir kommen, weil das alles Couture ist. Ich fertige die Outfits für die Person genau an.«

»Wenn eine Maske ästhetisch ansprechend ist, dann ist sie auch leichter zu tragen.« Kaska Hass, Modedesignerin

Ähnlich wie die Hochzeitsbranche verzeichnet auch die Berliner Clubszene derzeit Einbußen. Das technoaffine Modelabel NAKT erlebt allerdings einen unerwarteten Boom. Das erzählt sein Gründer Moritz Danner im Wohnzimmer seiner Wohnung in Berlin-Friedrichshain, das auch als Werkstatt und Vertriebszentrum der Marke dient. Vor der Krise wollte das Label in ein eigenes Studio ziehen, doch während der Pandemie finden keine Besichtigungen statt. Nebenan sitzen zwei Mitarbeiterinnen: Die eine näht Masken, die andere packt sie ein. Im Hintergrund wummern elektronische Klänge aus einem Lautsprecher. An der Tür klebt ein Schild: »no photos, no GHB«.

Danner kommt ursprünglich aus München und ist vor sieben Jahren zum Studium in die Hauptstadt gezogen. Seit zwei Jahren betreibt der 26jährige NAKT. Mittlerweile arbeiten acht Menschen für das Label. »Wir sind ganz klar eine Technomarke. Für uns bedeutet das Extravaganz und Freizügigkeit. Wir kreieren Designs vor allem für starke Frauen, die sich zeigen möchten. Wir sind in vielen Clubs vertreten und kooperieren mit vielen DJs und Künstlern«, sagt Danner. In seiner Kollektion treffen gewagte Bodies bestehend aus nur wenigen Riemen auf Harnische im industriellen Design. »Wir orientieren uns an der Technoszene, und da viel Schwarz getragen wird, produzieren wir natürlich viele schwarze Teile. Das verkauft sich am besten.«

Inzwischen gehören auch Gesichtsmasken zur Kollektion des Labels. »Das war eigentlich nicht als unser Rettungspaket gedacht, sondern eher als eine Coronamaske, die zu unserem style passt. Unser erstes Modell ›Keep Smiling‹ ist mit einer Kette versehen, die wie ein Lächeln aussieht. Es ist wichtig, in diesen Zeiten positiv zu bleiben.« Die Masken, die 20 Euro pro Stück kosten, bestehen aus einer Schicht Neoprenstoff, ähnlich wie ein Taucheranzug. »Der ist natürlich für Krankenhäuser nicht medizinisch geeignet, aber er ist auf jeden Fall wasserbeständig, was praktisch ist.« Die Masken sind ein Hit: Um die Nachfrage zu bewältigen, beauftragt das Label auch freiberufliche Designerinnen und Designer, Masken zu Hause anzufertigen. »Wir würden es nicht schaffen, alle hier zu machen.«

Die Verkaufszahlen von anderen Waren des Labels sind stabil. »Leute bestellen weiter ihre Partyklamotten. Das hätten wir nicht gedacht«, sagt Danner. So musste das Unternehmen niemanden in Kurzarbeit schicken und keine Soforthilfe beantragen. Das Label hat sogar eine neue Person angestellt. Doch Danner weiß, dass die Clubkultur, die als Inspiration der Marke dient, gefährdet ist. »Die Clubs sind definitiv am Ende der Schlange, wenn es darum geht, was wann wieder aufmachen darf.« Um den Clubs zu helfen, hat das Label 25 Prozent seiner Gewinne an die Hilfskampagne »United We Stream« der Berliner Clubcommission gespendet. Derzeit arbeitet NAKT an einem »Save Club Culture«-Pullover. Von den Erlösen geht die Hälfte an die Kampagne. »Wir leben und sterben mit den Clubs«, sagt Danner.

 

Tipps aus dem Universitätsklinikum

Auch die Berliner Theater trifft die Pandemie hart. Doch trotz des Vorstellungsverbots passiert hinter den Kulissen einiges. Die Kostümabteilungen der großen Häuser nähen Masken für diverse Einrichtungen. Ulrike Köhler leitet die Kostümabteilung der Berliner Volksbühne. Seit 1992 arbeitet die 54jährige im Haus. Damals übernahm ein junger Regisseur namens Frank Castorf die Intendanz. Die Pandemie ist allerdings nicht die schlimmste Krise in Köhlers langer Amtszeit. »Das war der Intendantenwechsel von Castorf zu Chris Dercon«, sagt Köhler. 2017 wurde der belgische Kurator Intendant der Volksbühne. Er wollte das traditionsreiche Ensembletheater radikal umstrukturieren. Acht Monate später legte Dercon sein Amt nieder, die Proteste gegen seine Ernennung waren erfolgreich. Derzeit leitet Klaus Dörr das Haus. Zur Spielzeit 2021/2022 soll René Pollesch die Leitung übernehmen, ein Stammregisseur der Castorf-Jahre. Zuletzt war also wieder Ruhe eingekehrt in der Volksbühne – bis die Covid-19-Pandemie ausbrach und alle weiteren Vorstellungen der laufenden Spielzeit abgesagt werden mussten.

Köhler und ihr zehn Personen starkes Team nähen Gesichtsmasken in einer Werkstatt im fünften Stock des Theatergebäudes. »Meine schönste Erkenntnis in der Coronazeit ist, dass Wissen immer Nichtwissen beinhaltet. Jeder, der denkt zu wissen, weiß einfach auch ganz viel nicht. So kriegt man verschiedenste Meinungen zum Thema Masken«, sagt Köhler. Ob es sinnvoll sei, eine Maske zu tragen, will sie nicht entscheiden. »Aber wenn das auch nur minimal hilft, dann machen wir mit.«

Nach eigener Recherche und Rücksprache mit einem befreundeten Arzt am Universitätsklinikum Jena entschied Köhler sich für ein Design aus 100 Prozent Baumwolle. Statt Bändern aus Gummi verwendet sie solche aus Stoff, damit man die Maske bei 95 Grad waschen kann. Früher habe man solche Masken in Krankenhäusern getragen, so der Arzt. Sie seien aber inzwischen für medizinische Zwecke verboten worden, weil sich Speichel in der Maske sammle und diese dadurch zur Bakterienschleuder werde. »Wenn man diese Masken seriös tragen will, muss man sie daher alle zwei bis drei Stunden wechseln und auskochen«, erklärt Köhler.

Mittlerweile hat die Volksbühne mehr als 1 000 Masken produziert, und zwar für Pflegeheime sowie eine Wohneinrichtung für psychisch kranke Menschen. Köhler sagt: »Wir haben die Menge geliefert, die nötig ist, damit sie die Masken wechseln können. Die haben wir erst mal gespendet, weil das Material aus einem alten Bestand war. Wir mussten aber Stoffe nachbestellen und nehmen jetzt drei Euro pro Maske – den Materialpreis. Als Angestellte eines Stadttheaters werden wir ja weiterhin bezahlt.«

Auch viele kleinere Betriebe, die derzeit Masken nähen, wollen helfen. Aufgrund der steigenden Nachfrage nach medizinischen Masken wird deren Produktion global zu einem lukrativen Geschäft. Andere nähen einfache Gesichtsmasken nicht unbedingt aus Profitinteresse, sondern vor allem, weil die Menschen sie brauchen. Wie sinnvoll es medizinisch ist, eine Maske zu tragen, wird immer noch diskutiert, doch liegt nahe, dass die Bedingung für weitere Lockerungen beim Infektionsschutz eine Ausweitung der Maskenpflicht sein dürfte. Masken sind nicht nur Mode. Sie werden noch lange eine Notwendigkeit bleiben.