Ein Bericht aus Abomey-Calavi über den »lockdown« in Benin

In doppelter Hinsicht betroffen

Im westafrikanischen Benin hat die Regierung die Restriktionen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie ein wenig gelockert. Nun soll es Hilfen für die wirtschaftlich hart getroffene Bevölkerung geben.

Dass die Schulen ab Montag zumindest für die höheren Jahrgänge wieder öffnen sollten, fand Ishola O.* gut – obwohl in Benin mittlerweile 327 Covid-19-Infektionen und zwei Todesfälle aufgrund der Infektion registriert waren. »Die letzten Wochen habe ich kein Gehalt bekommen«, sagte der 40jährige aus Abomey-Calavi, der als Sportlehrer an einer Privatschule arbeitet; seine ganzen Ersparnisse seien aufgebraucht. Wie viel er normalerweise verdient, möchte er nicht sagen – ein normales Gehalt in seinem Beruf liegt aber bei umgerechnet circa 150 Euro im Monat.

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So wie Ishola O. geht es vielen Menschen im westafrikanischen Benin. Sie sind in doppelter Hinsicht von Covid-19 bedroht. Zum einen laufen sie Gefahr, sich mit dem Virus anzustecken, zum anderen gilt in einem Entwicklungsland ohne soziale Absicherung: Wer nicht arbeitet, bekommt auch kein Geld und kann kein Essen kaufen.

Benins nationale Studenten­vertretung FNEB verlangte Ende März, dass die Universität schon eine Woche früher geschlossen werde als von der Regierung vorgesehen.

Die von den Schutzmaßnahmen betroffenen Berufsgruppen sind zahlreich: Das Transportgewerbe ist betroffen, weil Busse und auch die Minibusse, in denen Passagiere oft dicht gedrängt sitzen, nicht mehr fahren dürfen. Die in Benin allgegenwärtigen Motorradtaxis fahren weiterhin, dürfen aber nur noch einen Passagier transportieren. Beschäftigte in der Gastronomie verdienen nichts, weil Bars und Restaurants geschlossen bleiben. Und Lehrkräfte an Privatschulen wie Ishola O. bekommen – anders als ihre Kollegen an staatlichen Schulen – kein Gehalt, wenn sie nicht unterrichten. Wie er berichtete, leben er, seine Frau und seine drei Kinder derzeit mehr schlecht als recht von der Viehzucht, die er nebenbei betreibt, und von den Verkäufen des ­Kiosks seiner Frau. Aber auch hier sind die Einnahmen geschrumpft.

Ob die Schutzregeln, die die Regierung den Schulen auferlegt hat, alle eingehalten werden können, bezweifelte Ishola O. allerdings. Er fand es gut, dass jetzt kostenlos Atemschutzmasken für Schüler und Lehrer zur Verfügung gestellt werden. Der vorgeschriebene Sicherheitsabstand von einem Meter zwischen den Schülern aber sei unrealistisch. »Um das durchzusetzen, sind unsere Klassenzimmer einfach zu klein«, so O. Dass Lehrkräfte seit einigen Tagen systematisch auf Covid-19 ge­testet werden, davon habe er schon gehört, er selbst sei aber noch nicht getestet worden.

Die Universitäten hingegen werden im Sommersemester den Unterricht online stattfinden lassen, sofern es sich um Lehrveranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern handelt – kleinere Kurse finden wie zuvor statt. Die Regierung hat Versammlungen von mehr als 50 Personen verboten und die Lehrveranstaltungen an beninischen Universitäten sind oft überfüllt – mehrere Hundert Studierende in einem Hörsaal sind keine Seltenheit.

Die Umstellung auf Online-Unterricht wird auch helfen, Ausschreitungen zu vermeiden. Ende März kam es bereits zu Protesten auf dem Campus der Universität Abomey-Calavi, der größten Hochschule Benins. Die nationale Studentenvertretung FNEB verlangte, dass die Universität schon eine Woche früher geschlossen werde als von der Regierung vorgesehen. Vertreter der FNEB forderten die Studierenden auf, die Hörsäle zu räumen. Als drei von ihnen daraufhin festgenommen wurden, kam es zu Protesten. Die Situation eskalierte, die Polizei beschoss die Demonstranten mit Tränengas, diese warfen mit Steinen. Der 21jährige Geographiestudent Théophile Djaho wurde von der Polizei angeschossen und starb später an seinen Verletzungen.

Auch andere Fälle von Polizeigewalt im Zusammenhang mit der Pandemie sind bekannt geworden. Ende März wurde ein Beniner von togolesischen Soldaten erschossen, der trotz der Grenzschließung versucht hatte, die beninisch-togolesische Grenze illegal auf dem Wasserweg zu überqueren. Kürzlich kursierte ein Video in den sozialen Medien, das zeigt, wie beninische Polizisten mit Schlagstöcken einen Motorradtaxifahrer und dessen Pas­sagierin verprügeln, weil diese keine Maske trug. Die Regierung entschuldigte sich und versprach, die Täter zu bestrafen.

Die Schulen sind seit Montag wieder geöffnet, doch Bars, Restaurants, Kirchen und Moscheen bleiben vorerst geschlossen. Die Maskenpflicht in der ­Öffentlichkeit besteht weiterhin. Vor Geschäften und öffentlichen Gebäuden wurden Wasserhähne oder Desinfektionsmittelspender eingerichtet – erst mit sauberen Händen darf man eintreten. Manchmal wird sogar Fieber ­gemessen, bevor Kunden der Zutritt erlaubt ist.

Erste Maßnahmen, um wirtschaftlich von den Pandemiemaßnahmen be­troffenen Beninern zu helfen, sind angelaufen. Am 4. Mai wurden auf der ­Facebook-Seite der Regierung zunächst drei Berufsgruppen aufgefordert, sich online zu ­registrieren, um in die erste Phase des Kompensationsprogramms aufgenommen zu werden: Beschäftigte im Transportgewerbe und in der Gastronomie sowie »Handwerker aller Art«, ein Begriff, der von der Regierung eher breit ausgelegt wird, so dass zum Beispiel auch Beschäftigte in Nagel- oder Kosmetikstudios darunterfallen. Doch das sind längst nicht alle Beniner, die wegen Covid-19 finanzielle Einbußen er­litten haben. Den anderen bleibt nur, zu hoffen, dass sie in einer späteren Phase des Programms berücksichtigt werden. Dazu zählen zum Beispiel Lehrkräfte an Privatschulen wie Ishola O. und Kulturschaffende.

Der Sänger und Musiker Jah Baba sitzt in dem Tonstudio des Kulturzentrums, das er in Cotonou betreibt, der größten Stadt Benins. Normalerweise finden hier Konzerte, Theateraufführungen und Poetry Slams statt, aber an diesem Tag ist das Zentrum leer. Zwölf Mitarbeiter habe er vor der Krise gehabt, sagt Jah Baba. »Als die Maßnahmen durchgesetzt wurden, haben wir uns gemeinsam zusammengesetzt und überlegt, was wir tun sollen.« Als einzige Option habe er die Löhne vorerst ­reduziert, um den Mitarbeitern, wenn die Krise vorbei ist, das Geld in Raten nachzuzahlen. Vier seiner An­gestellten hätten sich darauf eingelassen, die ­anderen acht sich dazu entschieden, zu Hause zu bleiben. Es tue ihm leid, aber ihm bleibe nichts an­deres übrig. Er selbst hatte eigentlich eine Tour mit seiner Band geplant. Die muss nun auch ausfallen und damit fehlt auch das Geld, das sie ihm eingebracht hätte.

Das Kompensationsprogramm der Regierung sieht Jah Baba skeptisch. Nicht nur, dass viele Berufsgruppen, die seit Beginn der Pandemie Ver­diensteinbußen erleiden, bisher unberücksichtigt blieben: »Als ich das Formular gesehen habe, dachte ich mir, die ganze Sache ist so konzipiert, dass man 75 Prozent aller Menschen ausschließt.« Viele Beniner haben keinen Zugang zum Internet, nach Angaben des »World Factbook« des US-Auslandsgeheimdiensts CIA von 2018 ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung nicht einmal alphabetisiert. Außerdem gibt es bürokratische Hürden. »Sie wollen zum Beispiel eine Steuernummer. Ein älterer Mensch, der vielleicht in einem Dorf lebt, hat möglicherweise keine, vielleicht weiß er nicht einmal, was das ist«, so Jah Baba. Und die Behörden wollen Rechnungen oder Verträge, um zu überprüfen, wie viel die Person normalerweise verdient – in einem Land, in dem Preise oft nur mündlich vereinbart und bar bezahlt werden, dürften dem nur wenige nachkommen können.

Vor einem Monat noch hatte Präsident Patrice Talon verkündet, ein regelrechter lockdown sei in einem armen Land wie Benin unrealistisch, da ein Großteil der Bevölkerung nicht die Ressourcen habe, um zu Hause zu bleiben und auf Einnahmen zu verzichten. Seitdem haben sich die Fallzahlen mehr als verzehnfacht. Dass die Schutzmaßnahmen trotzdem gelockert werden, mag auch damit zusammenhängen, dass am 17. Mai Kommunalwahlen stattfinden sollen. Es bleibt abzuwarten, ob die Regierung bei ihrer Haltung bleibt, wie die Situation nach den Wahlen aussieht und wie sich ein eventuell doch noch ausgerufener lockdown auf die Bevölkerung auswirken wird.

* Name von der Redaktion geändert.

 

Geschätzte Folgen
In der vergangenen Woche legte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine neue Studie zum weiteren Verlauf der Covid-19-Pandemie vor. Die Studie des WHO-Regionalbüros in Brazzaville, der Hauptstadt der Republik Kongo, kommt zu dem Ergebnis, dass im ersten Jahr der Pandemie zwischen 29 und 44 Millionen Menschen in Afrika infiziert werden könnten. Zwischen 83 000 und 190 000 davon könnten an der Krankheit sterben, warnte die Organisation. Die Schätzungen basieren auf Prognosemodellen und konzentrieren sich auf 47 afrikanische Länder mit einer Gesamtbevölkerung von einer Milliarde Menschen. Nicht berücksichtigt wurden Ägypten, Libyen, Tunesien, Marokko, Eritrea, Sudan, Süd­sudan, Somalia und Djibouti.

Auf dem gesamten Kontinent haben die Africa Centres for ­Disease Control and Prevention, die Gesundheitsorganisation der Afrikanischen Union, knapp 2 300 durch Covid-19 verursachte ­Todesfälle registriert. Zum Vergleich: In Europa, wo sich das Virus ­einige Wochen früher verbreitet hat, sind bereits über 150 000 Menschen gestorben. Südafrika hat die höchste Zahl bestätigter Infektionen – mehr als 10 000 bei 206 Todesfällen –, die meisten ­Todesfälle verzeichnen Ägypten (533) und Algerien (507).

Noch tödlicher als das Virus könnte allerdings der Hunger werden. 135 Millionen Menschen weltweit sind laut dem Welternährungsprogramm der UN von akuter Nahrungsknappheit betroffen. Wegen der Folgen der Pandemie könnten in diesem Jahr weitere 130 Millionen hungern, sagte Arif Husain, der Chefökonom des Welternährungsprogramms, der New York Times. JuHo