Gerhard Baader forschte über die Verbrechen der deutschen Ärzteschaft im Nationalsozialismus. Ein Interview mit dem Medizinhistoriker

»Diese Erbschaft ist weiter existent«

Die kritische Beschäftigung mit der Rolle der Medizin im Nationalsozialismus scheiterte in den sechziger Jahren nicht zuletzt am Widerstand der deutschen Ärzteschaft. Erst zwei Jahrzehnte später, als eine jüngere Generation von Historikern und Medizinern das Thema mit einer Kritik am bundesrepublikanischen Gesundheitssystem verband, konnten die Vernichtungsstrategien gegen die im National­sozialismus als »minderwertig« geltenden Menschen aufgearbeitet werden. Eine wichtige Station dabei war der vor 40 Jahren in Berlin abgehaltene Gesundheitstag. Der Medizinhistoriker Gerhard Baader gehörte zu den Initiatoren.
Dossier Von

Der Medizinhistoriker Gerhard Baader ist im Alter von 91 Jahren in Berlin gestorben. Baader wurde 1928 in Wien geboren. Im Nationalsozialismus musste Baader wegen seiner jüdischen Herkunft Zwangs­arbeit leisten. Nach der Befreiung studierte er zunächst klassische Philologie und Geschichte. Ab 1967 arbeitete er am Institut für Medizingeschichte an der Freien Universität. Baader forschte im Bereich der Geschichte der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit. Seit 1980 behandelt er die Sozialgeschichte der Medizin, ­besonders die Rolle der Medizin im Nationalsozialismus. Auch nach seiner Emeritierung gab er Seminare zum Thema Medizin im Nationalsozialismus.

 

Im Oktober 2019 sprach er mit Jungle World über die Aufarbeitung der Verbrechen der Medizin im Nationalsozialismus.

 

Alexander Mitscherlich und Fred Mielke veröffentlichen 1947 ­unter dem Titel »Das Diktat der Menschenverachtung. Der ­Nürnberger Ärzteprozess und seine Quellen« die Protokolle der Nürnberger Ärzteprozesse, einem der Nürnberger Nachfolgeprozesse, in dem 23 KZ-Ärzte und Verwaltungsbeamte angeklagt wurden. Wie reagierte die deutsche Ärzteschaft und allgemein die Öffentlichkeit darauf?

»Der sogenannte ›Nürnberger Code‹ wurde unter schwierigen Bedingungen erarbeitet, denn amerikanische Zeugen der Anklage (im Nürnberger Ärzteprozess) wie der Physiologe Andrew Conway Ivy haben selber in den Vereinigten Staaten vergleichbare Versuche durchgeführt.«

Als die Anklageschrift des Nürnberger Ärzteprozesses allgemein zugänglich wurde, hat Alexander Mitscherlich die Dokumentation gewissermaßen als Leseanleitung zu diesen Prozessakten geschrieben: »Das Diktat der Menschenverachtung«. Das führte zu großen Auseinandersetzungen in der Ärzteschaft. Mitscherlich wurde beschuldigt, den eigenen Stand zu beschädigen. Als dann der Prozess begonnen hatte und das Urteil gesprochen wurde, haben sich die deutschen Ärzte und die deutsche Ärztekammer dazu entschlossen, eine Dokumentation des Prozesses herauszugeben. Mitscherlich und andere wurden dann Vorsitzende dieser Kommission, und diese Ver­öffentlichung sollte allen deutschen Ärzten zugesandt werden. Ob dies geschehen ist, ist ungewiss. Fest steht, dass sie dem Weltärztebund vorgelegt wurden und dass sie das Entréebillet in den Weltärztebund sein sollte. Auf diese Dokumentation erfolgte jedoch keinerlei Reaktion seitens der Ärzteschaft. Es war, als wäre sie nie erschienen. Das, was man in den Kliniken jedoch hören konnte, waren die Äußerungen der Chefs: »In meiner Klinik darf der Name Mitscherlich nicht erwähnt werden.«

Mitscherlich war sehr frustriert. Unter die Leute kam das Buch eigentlich erst in seiner Neuauflage als ­Fischer-Taschenbuch im Jahr 1960. Und im Vorwort dieser Neuauflage schreibt er ganz klar: Das Problem stellt nicht nur dar, an bestimmten verbrecherischen Handlungen beteiligt gewesen zu sein; das kleinste Mitdenken, das kleinste Folgen als wunderbares Ergebnis unserer Sozialisation ist dasjenige, worum es ­eigentlich geht.

1946/47 wurde der Nürnberger Code in der Urteilsverkündung im Nürnberger Ärzteprozess formuliert. Er definierte Grund­sätze für medizinische oder physiologische Experimente an ­Menschen. Wie bewerten Sie diese Vereinbarung?

Der sogenannte »Nürnberger Code« wurde unter schwierigen Bedingungen erarbeitet, denn amerikanische Zeugen der Anklage (im Nürnberger Ärzteprozess) wie der Physiologe Andrew Conway Ivy haben selber in den Vereinigten Staaten vergleichbare Versuche durchgeführt. Somit war das ein schwieriger Drahtseilakt, der letztlich aber doch zur Verabschiedung der »ethischen Gesichtspunkte beim Versuche am Menschen« geführt hat, auf die wir uns heute noch in der medizinethischen Debatte stützen. Ich möchte auch ganz klar sagen: Auf diese stützen wir uns, und nicht auf den sogenannten Hippokratischen Eid.

Das amerikanische Militärgericht verurteilte sieben Ärzte zum Tod, fünf zu lebenslangen Haftstrafen, vier zu Haftstrafen zwischen zehn und 20 Jahren und sprach sieben Angeklagte frei. Wie würden Sie diesen Prozess bewerten?

Hier gab es gewissermaßen einen double bind: Einerseits gab es die ­Anklage wegen medizinischer Verbrechen an den zumeist nichtdeutschen Staatsbürgern, andererseits die Schwierigkeiten des Umgangs damit, weil man sich im Bereich einer ­reduktionistischen Medizin befindet.

Was verstehen Sie unter einer »reduktionistischen« Medizin?

Es ist eine Medizin, in der der Versuch als das einzig wirklich heuristische Mittel angesehen wird und in der gesellschaftliche oder sozialmedizinische Aspekte vollkommen un­berücksichtigt bleiben; trotz der Einigung auf den »Nürnberger Code«. Noch immer liegen die Unterlagen für einen zweiten Prozess im Institut Pasteur in Paris, dieser wurde nie eröffnet aufgrund des Widerstands der amerikanischen und vor allem der englischen Ärzteverbände, die damit ihre eigene Tätigkeit in Frage gestellt sahen. Das war die Situation nach 1945.

Wie ging es dann weiter? Wann setzte die Kritik an den Verbrechen der deutschen Ärzteschaft ein?

»Eine ernstzunehmende gesellschaftliche Auseinandersetzung hat überhaupt erst in den sechziger Jahren stattgefunden, das heißt 1968 und danach.«

Eine ernstzunehmende gesellschaftliche Auseinandersetzung hat überhaupt erst in den sechziger Jahren stattgefunden, das heißt 1968 und ­danach. Wir haben hier in Berlin begonnen, eine sogenannte Kritische Universität zu gründen, wir haben auch eine Arbeitsgruppe »Medizin ohne Menschlichkeit« gehabt, die dann letztlich aus vielen Gründen scheiterte. Ich bin damals schwer ­erkrankt, andere sind ausgeschieden, etwa Leute wie Halter vom Spiegel. Wir wollten es ganz groß aufziehen, wir wollten von den Grundlagen des deutschen Idealismus ausgehen, aber das geht natürlich, wenn man es so groß machen will, letztlich schief.

Wie stark waren die beruflichen Kontinuitäten in der deutschen Ärzteschaft nach 1945?

Die waren weitgehend vorhanden. Mehr als 50 Prozent der deutschen Ärzte waren Mitglieder der NSDAP. So eine Zahl muss natürlich interpretiert werden. Wenn wir uns die ganzen Leute anschauen – und zwar auch, dass sie sich gegenseitig decken –, wird nachvollziehbar, dass Leute wie Heyde als Krankenkassenärzte in Schleswig-Holstein tätig sein können. Dass die gesamte Umgebung Bescheid weiß und niemand etwas dabei findet und auch niemand etwas dagegen unternimmt. Das war die Situation, die wir in den ganzen Jahren hatten.

Ich hatte schon erwähnt, dass es Mitscherlich um das leiseste Nach­folgen, das leiseste Mitdenken als besonderes Zeichen der Aggressivität unserer Gesamtgesellschaft ging. Es waren 350 Ärzte, die in unmittel­bare Verbrechen verwickelt waren, davon 50 sogenannte Euthanasie­ärzte. Aber Mitscherlich hat das ganze Feld mitgemeint. Und zu der Zeit, als ich noch Vorträge vor deutschen Ärzten gehalten habe, ist es mir ­immer wieder passiert, dass ich zur Rede gestellt wurde, bevor ich zu meinem eigentlichen Thema sprechen konnte. Die Ärztevertreter ­haben sich immer zuerst auf diese 350 berufen. Alle anderen seien Ärzte gewesen, die unter schweren Bedingungen nach den Vorgaben des sogenannten Hippokratischen Eides in schwerer Zeit ihre Pflichten für Volk und Vaterland erfüllt hätten.

Man muss sich im Klaren sein, dass wir in Berlin eine relativ günstige Ausgangsposition hatten. Unser ­damaliger Chef Rolf Winau hat sehr bald nach dem ersten Gesundheitstag die Beschäftigung mit Medizin und Nationalsozialismus auch zu seiner eigenen Sache gemacht. An anderen Orten wurden Genossen und Kollegen, dafür, dass sie sich mit dem Thema eingelassen haben, mit beruflichen Einbußen, wenn nicht gar mit Berufsverboten bestraft.

Waren die Verharmlosungen und das Herunterrechnen auf 350 Ärzte, die als die aktiven Schuldigen betrachtet wurden, für Sie der Grund, im Jahr 1980 den Gesundheitstag als Gegenveranstaltung zum Ärztetag zu organisieren?

Als klar war, dass der Deutsche Ärztetag in Berlin stattfinden und der dortige Ärztekammerpräsident Wilhelm Heim die Präsidentschaft übernehmen würde, musste aus unserer Sicht irgendetwas geschehen. Wir hätten natürlich, und das haben wir auch gemacht, alternative Heilweisen auf der grünen Wiese anbieten können und alles wäre bestens gewesen, aber da sagten wir nein. »Medizin und Nationalsozialismus. Tabuisierte Vergangenheit – ungebrochene Tradition?« sollte das Thema sein.

Ich habe damals noch in meiner Naivität darauf bestanden, das Fragezeichen dahinter zu setzen. Wenn wir darauf zurückschauen, was wir damals bis heute an wissenschaftlicher Arbeit mit unseren vielen Kollegen geleistet haben, können wir ­sagen: Streicht das Fragezeichen weg. Ob es sich um Gewerbemedizin, Leistungsmedizin oder um Genetik handelt – und wenn es um Rassenhygiene geht, ist es sowieso klar, dass diese Erbschaft, die hier angetreten wurde, durch alle Jahrzehnte weiter existent ist.

Wenn heute die ersten Eingriffe in die Keimbahnen bei der Genschere stattfinden oder bei der Pränatal­diagnostik, sind dies die Erbschaften einer reduktionistischen Medizin. Es ist eine Medizin, die allein auf den Versuch als einzig heuristischem Mittel vertraut. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite ist es eben eine Medizin wie im Nationalsozialismus, die zwischen den Polen Heilen und Vernichten steht. Wobei man nicht sagen kann, dass es medizinische Zweckforschung gewesen ist.

Es war ein durchgehendes Konzept, das nach 1945 kein Ende gefunden hat. Denn die Alliierten waren sich ja gar nicht im Klaren, ob das, was die Deutschen gemacht haben, getaugt hat oder nicht. Infolgedessen sind sie auf Wissenschaftlerjagd gegangen, wobei die Amerikaner die Erfolgreicheren waren und die Russen als einzigen potenten Forscher Ardenne haben zu sich ziehen können. Sie ­haben sich im Kaiser-Wilhelm-Institut in Heidelberg zusammengesetzt, ihm ein Stück Papier gegeben und gesagt: »Schreibt nieder, was ihr ­gemacht habt.« Und das war das, was für sie von Interesse war.

Sie haben eingangs gesagt, dass Sie sich gezwungen gefühlt ­haben, zu handeln und deshalb den Gesundheitstag organisiert haben. Wie hat sich die Gruppe zusammengefunden?

Die kritische Medizin gab es zu diesem Zeitpunkt ja bereits und die Auseinandersetzung mit der Rolle der Medizin im Nationalsozialismus hatte begonnen. Das Argument mit seinen Bänden über soziale ­Medizin gehört in diesen Kontext, ebenso die Zeitschrift Dr. Marbuse, die zu dieser Zeit mehr oder weniger eine Studentenzeitschrift war. Dazwischen wollten wir uns ansiedeln mit dem Schwerpunkt Medizin- und Gesundheitspolitik. Wir saßen jede Woche im Mehringhof zusammen, den wir damals auch gekauft haben (lacht). Es gab damals im Mehringhof auch schon den Gesundheits­laden. Zusammengefunden haben wir uns alle in einem Hinterzimmer vom »Schwarzen Café«, als klar war, es muss was geschehen.

Welche öffentlichen Reaktionen gab es auf den Gesundheitstag?

»In unserer Leistungsgesellschaft ist vieles von diesen Dingen weiter existent. All diese Vorstellungen sind auch nicht erst im Nationalsozialismus entwickelt worden, vielmehr haben sie in dieser Zeit eine bestimmte Zuspitzung erfahren, vor der wir uns heute hüten sollten.«

Einerseits gab es die deutsche Ärzteschaft, die uns am liebsten geschlachtet hätte. Nicht wenige Kolleginnen und Kollegen, die am Gesundheitstag aktiv teilnahmen, mussten berufliche Einbußen in Kauf nehmen. Andererseits war es die Zeit, in der gesamtgesellschaftlich vieles in Bewegung gekommen ist. So konnte man das Thema auch nicht totschweigen. Klaus Dörner, der kritischer Psychiater zu der Zeit in Gütersloh war, hat 1982 alle, von denen er meinte, sie würden sich hierfür interessieren, eingeladen: Historiker, Theologen, Psychiater, und von diesen genau diejenigen, die damals der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie angehörten und als Oberärzte und bisweilen sogar als Krankenhausdirektoren in die psychiatrischen Anstalten eingerückt waren. Dann wurde der Arbeitskreis zur Erforschung der Zwangssterilisationen und der Nazi-Euthanasie ins Leben gerufen, bei dem es um zwei Themen ging: die Erforschung der Vergangenheit und die Auseinandersetzung mit den medizinethischen Voraussetzungen der Gegenwart. Da haben die jungen Kollegen damals genau gefragt: Wenn ich heute jemanden aus einer großen öffentlichen Anstalt in eine kleine Klitsche der Psychiatrie verlege, wodurch unterscheide ich mich damit von denen, die damals in den Tod verlegt haben?

Anzeige

Der Arbeitskreis hatte keine Satzung. Wir treffen uns zweimal im Jahr und mischen uns in alle medizinethischen Belange ein, ob es Pränataldiagnostik ist oder die Genschere oder ob es der begleitete Suizid ist. Wir schreiben Statements an alle Bundestagsabgeordnete und Minister und sind somit eine Institution, von der wir meinen, dass sie eine wichtige Rolle im Rahmen der medizinethischen Auseinandersetzung von heute im Lande spielt.

Beim Gesundheitstag waren auch Zeitzeugen und Opfer des Nationalsozialismus eingeladen, unter anderen die jüdischen Ärzte ­Georg Löwenstein und Konrad Hirsch.

Wir haben sie eingeladen, weil wir interessiert waren, was deren progressive Konzepte in der Weimarer Republik waren. Bevor sie darüber gesprochen haben, hat jeder von ihnen zuerst die Klage geführt, wie sie als Gutachter in Wiedergutmachungsfällen von ihren deutschen Kollegen behandelt wurden. Georg Löwenstein hat gesagt: »Es hat sich in Deutschland nichts verändert.« Für uns waren diese Einladungen etwas ganz Wichtiges, deshalb haben wir sie fortgeführt. Denn in der Weimarer Republik fielen medizinische Reformen und progressive Medizin auf fruchtbaren Boden. Ich bin auch nur zusammen mit Betroffenen auf Podien gegangen. Das ist eine Grundvoraussetzung und so halten wir es weiter.

Warum waren so viele Ärzte in NS-Organisationen organisiert?

Ich sage jetzt etwas sehr Ketzerisches, das ein sehr qualifizierter Kollege, der sich damit beschäftigt, nämlich Michael Kater, in der Diskussion ­gesagt hat, aber das hat er natürlich nicht so geschrieben: »Wenn es den Nationalsozialismus nicht gegeben hätte, die Ärzte hätten ihn erfunden.« Das ist insofern nicht vollkommen unrichtig, weil es das biologistische Konzept gewesen ist, es war die andersartige Blickrichtung auf die Lösung der sozialen Frage. Die Biologisierung der sozialen Frage seit dem Krupp’schen Preisausschreiben 1900 ist etwas gewesen, das auf der Tagesordnung stand, es waren die vielfachen Elemente dieser Ideologie.

Wir müssen auch von etwas Abschied nehmen: Wer meint, wissenschaftliche Erkenntnisse und Ideologie seien zu trennen, irrt; das gehört zusammen. Beides bedingt einander. Und diese Ausrichtung ist keineswegs auf den Nationalsozialismus beschränkt geblieben, Eugenik ist eine internationale Bewegung: Zwangssterilisation oder zumindest sogenannte freiwillige Sterilisation – wobei sich da natürlich auch immer die Frage stellt, was ist freiwillig? – gab es etwa auch in skandinavischen Ländern und sehr früh existierte ein Sterilisationsgesetz in den Vereinigten Staaten. Also haben wir es mit ­einer internationalen Bewegung zu tun. Das bedeutet aber auf der anderen Seite, dass ebenso wenig wie der Antisemitismus 1945 aufgehört hat, ebenso dieses Denken nicht aufgehört hat, es begleitet uns in der Realität bis zum heutigen Tag.

Was waren die Grundkonzepte der Medizin im Nationalsozialismus?

In den Jahrzehnten der Beschäftigung mit der Medizin im NS ist immer deutlicher geworden ist, dass das Konzept »Heilen und Vernichten« eines ist, was nicht nur für Menschenversuche, nicht nur für bestimmte Bereiche, sondern für die gesamte Medizin gilt. Und dass dies natürlich auch eine Medizin bedingt, für die nicht zwangsläufig immer das Wohl des Patienten im Mittelpunkt stehen wird, sondern das des »Volksganzen«.

Sie sagen: »Sozialdarwinismus ist die Übertragung von biologischen Kategorien auf das Modell der Gesellschaft.« Was genau ist daran so gefährlich?

Die deutsche Arbeiterbewegung mit Lassalle und Bebel hat ihr Gründungsdatum 1869. Es existiert in dieser Zeit das soziale Elend der Arbeiterklasse und es gibt Lösungsmodelle. So werden in dieser Zeit etwa die Krankenkassen zu einem sozialen Experimentierfeld der deutschen Arbeiterbewegung. Auf der anderen Seite wird zur selben Zeit, 1900, das Krupp’sche Preisausschreiben veranstaltet, in dem sich alle biologis­tischen Elemente gewissermaßen ­fokussieren, unter der Fragestellung »Was lernen wir aus den Gesetzen der Deszendenzlehre für die innerpolitische Entwicklung der Völker?« Ein noch ganz vorsichtig von Darwin formuliertes Gesetz, »Licht wird auch fallen auf die Geschichte der Menschheit«, wurde sehr bald sozialdarwinistisch uminterpretiert und sollte jetzt umgesetzt werden. Das ist das, was wir für die Biologisierung der sozialen Frage halten. Wobei man sich immer im Klaren sein muss, dass zwei Sachen parallel gehen: die Biologisierung der sozialen Frage und auf der anderen Seite die Ökono­misierung. Wenn wir die sogenannte »Euthanasie« betrachten, haben wir einerseits natürlich den Sozialdarwinismus, aber auf der anderen Seite heißt es: Wie effizient ist ein Mensch? Und da nur effizient sein kann, wer erblich hochwertig ist, muss der andere weg. Es ist auch so, dass in der ersten Phase der sogenannten »Euthanasie« noch die erbbiologischen Faktoren eine größere Rolle spielen, in der zweiten Phase geht es nur noch um Ökonomie. Heilen und Vernichten, das ging durch den gesamten medizinischen Alltag, das ist das ganz Entscheidende.

Das bedeutet, dass Patienten eingestuft und bewertet wurden, ob sie würdig sind, geheilt zu werden?

Sicherlich steckt das prinzipiell dahinter. Das wird nicht immer in der Realität durchgreifen, aber dahinter steht immer eine bestimmte Einschätzung des Menschen.

In Aufsätzen sprechen Sie häufig davon, dass die nationalsozialistische Medizin in der Tradition der »reduktionistischen Naturwissenschaft« steht. Was heißt das?

Da muss man zurückgehen in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als das ­medizinische Paradigma der Humoralpathologie, das seit der Antike entscheidend gewesen ist, abgelöst wird durch ein anderes, wir können sagen: die Virchow’sche Zellular­pathologie. Dieses Paradigma kommt ohne den Versuch nicht aus. Dann wurden die großen elektrischen Versuche gemacht. Wenn man diese Versuche, und nicht medizinisch-gesamtgesellschaftliche Phänomene, in den alleinigen Mittelpunkt des medizinischen Interesses stellt, dann öffnet man dem Missbrauch Tür und Tor. Zur Medizin im Nationalsozialismus muss man noch Folgendes sagen. Die Weimarer Republik ist auch eine Zeit des naturheilkund­lichen Denkens und Handelns gewesen. Die Rechten waren sind natürlich gewillt, ihre Vorstellungen umzusetzen. So hoffte der berüchtigte ­Julius Streicher, im Zuge der naturheilkundlichen Bewegung Gesundheitsminister zu werden. Es hofften die Naturärzte, dass ihr Weizen jetzt blühen wird – nicht alle, aber ein Großteil von ihnen. Heß war Homöopath und sie hofften, dass die Homöopathie jetzt überall aus dem Boden sprießen würde. Das ist die so­genannte »Neue Deutsche Heilkunde«. Die gibt es natürlich die ganze Zeit. Aber sie bekommt eine dienende Funktion. Durch das Hoßbach-Protokoll wird bereits für 1937 die Absicht belegt: Die Armee muss kriegsfähig werden, das Land muss kriegsfähig werden. Ein dem Krieg entsprechendes Gesundheitswesen lässt sich nur mit einer naturwissenschaftlichen Medizin aufbauen. Als wir begonnen haben, uns mit Medizin im Nationalsozialismus zu beschäftigen, haben viele Ärzte gesagt: »Medizin im Nationalsozialismus, das war die ›Neue Deutsche Heilkunde‹, aber wir waren doch die anderen.« Diese These konnte unsere Forschung widerlegen.

Auch heute finden sich homöopathische Ansätze in Verbindung mit rechtsradikalen Ideologien.

Sicher, aber das heißt natürlich nicht, dass die gesamte Naturheilkunde heute rechtsradikal ist, sondern dass es unter den Naturheilkundigen ­genauso Rechtsradikale gibt wie in der gesamten Gesellschaft und dass das auch seine Wurzeln im Nationalsozialismus hat.

Was hat sich seit 1945 an den Grundbedingungen verändert? Welche Bedeutung hat die ­re­duktionistische Naturwissenschaft heute?

Entscheidend ist die medizinethische Debatte. So wie diese Debatte heute geführt wird, hat sie wieder etwas mit Grenzüberschreitungen zu tun. Wenn es mit der Genchirurgie den ersten Eingriff in die menschliche Keimbahn gibt, wenn die Diskussion um aktive Sterbehilfe anhält, der Leistungsfaktor verabsolutiert wird und sozialmedizinische Ansätze fehlen, stehen wir vor einer Situation, über die man sagen muss: Es gibt kein Lernen aus der Geschichte. Es gibt nur ein Lernen in der Aus­einandersetzung mit der Geschichte.

Arbeitskraft, Leistungsfähigkeit und auch Fortpflanzungskraft sind Schlagworte, auf die Individuen in der Medizin im National­sozialismus reduziert wurden. Es sind aber auch Begriffe, die uns heute nicht fremd sind. Sind das also Elemente, die wir auch heute noch im Gesundheitswesen finden, oder gab es da eine radikale Veränderung?

Von der radikalen Veränderung würde ich überhaupt nicht sprechen. Sprechen würde ich von den Elementen, die weiter präsent sind. In unserer Leistungsgesellschaft ist vieles von diesen Dingen weiter existent. All diese Vorstellungen sind auch nicht erst im Nationalsozialismus entwickelt worden, vielmehr haben sie in dieser Zeit eine bestimmte Zuspitzung erfahren, vor der wir uns heute hüten sollten.

Auf dem Podium des Gesundheitstags 1980 erklärte der Historiker und Arzt Karl Heinz Roth über die NS-Zeit: »Es sollte das gesamte Subproletariat, alle Nicht-Anpassungsbereitschaft an die Leistungsnorm dieses Regimes, eliminiert werden. Und darin liegt die Modernität des nationalsozialistischen Gesundheitsprogramms bis heute, das an Aktualität nichts eingebüßt hat.« Würden Sie dies Aussage weiterhin unterschreiben?

Ja, würde ich weiterhin. Schauen Sie sich nur an, was in der Gesundheitsversorgung der Geflüchteten passiert.

Sozialwissenschaftler Stephan Leibfried sagte auf dem Podium: »Das ist, glaube ich, die Hauptfunktion der NS-Medizin. Sie hat die Sozialmoral der Medizin, die ohnehin labil war, definitiv für lange Zeit zerstört.« Wie sah diese ältere Sozialmoral der Medizin aus und welche Rolle spielt dabei der Hippokratische Eid?

Also den Hippokratischen Eid, das werden Sie schon gemerkt haben, stelle ich sehr weit nach hinten. Wenn wir uns um etwas kümmern müssen, dann ist es der Nürnberger Code. Wir müssen uns im Klaren sein, was der sogenannte Hippokratische Eid ist. Er ist das Zeugnis einer griechischen Sekte, die am Rande der Kernschriften des »Corpus Hippocraticum« steht. Und diese Schriften werden aufgewärmt in der römischen Welt, wo der Ärztestand sich aufwerten muss, weil er nämlich im Gegensatz zum Griechentum in der römischen Welt als niederer Beruf dasteht, als einer, der nur mit den Händen arbeitet. Und von diesem Augenblick an wird der Hippokratische Eid praktisch ein Gegenstand der ethischen Begründung ärztlichen Tuns. So bin ich da immer sehr sehr vorsichtig, das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist: Was Leibfried hier gemeint hat, ist die Zerstörung der Ansätze, die in der Weimarer ­Republik nicht allgemein, aber im Sozialstaat die Elemente einer anderen Medizin waren, die weder bio­logistisch verseucht war, noch sich nur im Leistungsbereich realisiert hat. Wir müssen auch wieder klar sehen, Karl Heinz Roth ist ein Sozialist, Leibfried ist Gewerkschafter, dem geht’s um Reformen. Es geht darum, das wiederaufzubauen, was es seinerzeit gegeben hat. Das spiele ich überhaupt nicht herunter. Das ist das, was wir auch jeden Tag machen. Aber wir müssen immer, auch bei uns, die wir innerhalb der Gesundheitsbewegung aktiv tätig sind, schauen, wo wir politisch stehen. Karl Heinz Roth sagte in schlichten Worten bei der Abschlussveranstaltung der Moabiter Ausstellung: Dieser Staat ist nicht reformierbar, und ich sage: Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Sie haben sich auch nach dem ­Gesundheitstag immer wieder für kritische Lehre an der Freien ­Universität, wo Sie immer noch lehren, eingesetzt. Sie gründeten beispielsweise eine Arbeitsgemeinschaft zum Thema Medizin im Nationalsozialismus und betreuten gemeinsam mit Wolfgang Wippermann das studentische Projekttutorium für interdisziplinäre Faschismusforschung. Wie sind Ihre politischen Positionen, also linke Positionen im Sinne des historischen Materialismus, auch im Anschluss an die Frankfurter Schule, an der Freien Universität aufgenommen worden?

Diese Projekttutorium haben nicht wir ins Leben gerufen, sondern die Studenten haben sie erkämpft. Uns haben sie versprochen: Weniger Studenten. Aber in allen Ecken der Rostlaube (Gebäude der FU Berlin, Anm. d. Red.) lagen sie herum. In der Mensa war gelebter Sozialdar­wi­nismus. Da haben wir gedacht: Um Himmels Willen, was wird das, und das wurde ein vollkommen politisches Semester. Und ich war bei manchen der Projekttutorien der betreuende Hochschullehrer. Beim Projekt für interdisziplinäre Faschismusforschung habe ich vorher gesagt, da will ich Mitglied sein und das war auch interessant. Es kamen alle großen Köpfe: Es kam Haug, es kam Krippendorff, sie haben alle Statements abgegeben. Es war großes Chaos, Studenten saßen da, und wir haben natürlich gedacht, das wird sich lichten, und das hat sich gelichtet, und wir haben dann unsere ­Arbeit begonnen.

Die Dinge, die wir machen wollten, waren: Erstens die Auseinandersetzung damit, wie das eigene Fach im Nationalsozialismus ausgesehen hat als Teil des regulären Unterrichts. Zweitens Gedenkstättenfahrten aus der Überlegung heraus, dass viele Lehramtsstudenten sein werden, und wenn die später mit ihren Klassen dahin sollen, müssen sie zuerst selber alle einmal emotional da durch­gegangen sein. Das Dritte war kühn: eine Clearingstelle für alle Antifa-Aktivitäten der Stadt, aus der ist später SOS Rassismus geworden. Und ­eigentlich haben wir das fünf Jahre durchgehalten, das war für uns alle ein sehr wichtiger Prozess. Wir haben, wenn es geheißen hat, da sind wieder Überfälle auf Asylbewerberheime geplant – das hat es auch schon ­damals gegeben – mehr Nächte dort verbracht, als uns gutgetan hat.

Und wir haben selbstverständlich auch die Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie geführt. Das war gewissermaßen das Instrument, mit dem wir gearbeitet haben. Damit standen wir im völligen Gegensatz zum FMI (Friedrich-Meinecke-Institut, Institut für Geschichts­wissenschaft an der Freien Universität Berlin; Anm. d. Red.), was natürlich jeder von uns auch zu spüren be­kam. Ich war relativ fein raus, mir konnten sie nur jeweils verweigern, dass ich Scheine unterschreiben darf.

Würden Sie sagen, dass der Antisemitismus nie verschwunden ist?

Wer mit klarem Blick durch die ­Gesellschaft geht, wird sehen, das ist die Realität. Es gibt diejenigen, die diese Dinge aussprechen, aber über die kann man sagen: Ach, das sind die Rechtsradikalen. Aber man muss sich auch im Klaren sein: Der Höhepunkt des Antisemitismus ist nicht Anfang der vierziger Jahre, sondern 1947 und 1948, da geht die Saat auf. Wir haben vor einer Woche bei ­einer Tagung just zu diesem Thema aus gegebenem Anlass eine Kon­ferenz vom Zentralrat der Juden in Frankfurt gehabt. Das sind die Dinge, die weiter gesellschaftliche Realität sind, und wo wir alle aufge­fordert sind, nicht nur Position zu beziehen, sondern zu handeln. Das ist aktiver politischer Kampf, den wir zu leisten haben und den wir auch leisten müssen.

Andere Child Survivors aus der Gemeindegruppe leben auch heute noch nur aus ihren Ängsten. Da bin ich noch ein relativ Privilegierter, weil ich aus dem politischen Bereich komme und weiß: Handlung, das ist das, was ansteht!


Interview: Bettine Rau und Ida Klann
Das Gespräch wurde im Oktober 2019 ­geführt.

 

Glossar

Hans Halter (Jahrgang 1938) ist Medizinjournalist, Autor und ­ehemaliger Reporter des Spiegel.

Werner Heyde (1902–1964) war Psychiater und als Leiter der ­medizinischen Abteilung der »Zentraldienststelle T4« und erster T4-Obergutachter einer der Hauptverantwortlichen für die »Euthana­sie«-Morde. Er arbeitete nach 1945 unter dem Pseudonym Fritz Sawade als Sportarzt.

Rolf Winau (1937–2006) war deutscher Medizinhistoriker und Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin an der Freien Universität Berlin, er forschte mit Gerhard Baader über Medizin im Nationalsozialismus.

Wilhelm Heim (1906–1997), Mitglied der NSDAP und SA, wurde 1943 SA-Standartenführer und war Oberarzt in verschiedenen Berliner Krankenhäusern. 1948 wurde er Chefarzt am Rudolf-Virchow-Krankenhaus und war bis zu seiner ­Pensionierung 1971 auch dessen Ärztlicher Direktor.

Manfred von Ardenne (1907–1997) war ein deutscher Naturwissenschaftler, er forschte zwischen 1933 und 1945 zu Kernphysik und Atomwaffen und arbeitete nach dem Krieg bis 1954 an der Entwicklung einer sowjetischen Atombombe.

In der »Operation Overcast«, einem US-amerikanischen militärischen Geheimprojekt, wurden von den USA nach 1945 deutsche Wissenschaftler und Techniker ­rekrutiert, um deren militärtechnisches Wissen zu nutzen und im Wettrüsten mit der Sowjetunion einen Vorsprung zu gewinnen. Die rekrutierten Forscher wurden weder wegen ihrer Mitgliedschaft in der NSDAP oder SS noch wegen Kriegsverbrechen belangt.

Die Familie Krupp finanzierte 1900 einen Wettbewerb zu der Frage­stellung: »Was lernen wir aus den Prinzipien der Deszendenztheorie in Beziehung auf die innenpolitische Entwicklung und Gesetz­gebung des Staates?« Der Rassehygieniker Ernst Haeckel war ­Vorsitzender der Jury, mit dem ersten Platz ausgezeichnet wurde ein Aufsatz des Rassehygienikers Wilhelm Schallmayer.

Julius Streicher (1885–1946) war, Gründer, Eigentümer und Her­ausgeber des antisemitischen ­Hetzblatts Stürmer, er wurde in den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt und 1946 hingerichtet.

Das sogenannte »Hoßbach-Protokoll« dokumentiert eine Geheimrede Adolf Hitlers vor einem ausgesuchten Kreis am 5. November 1937. Das Protokoll belegt Hitlers Pläne, möglichst bald durch einen Angriffskrieg das deutsche Gebiet zu vergrößern.

Wolfgang Wippermann (Jahrgang 1945) ist Historiker und außerplanmäßiger Professor an der Freien Universität Berlin, seine Forschungsschwerpunkte sind Faschismus, Antiziganismus, Antisemitismus und Kommunismus.

Wolfgang Fritz Haug (Jahrgang 1936) war Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin (1979–2001) mit dem Forschungsschwerpunkt Marxismus, er ist Mitbegründer und Herausgeber der Zeitschrift Das Argument.

Ekkehart Krippendorff (1934–2018) war Politikwissenschaftler und Professor an der Freien Universität Berlin. Als 1965 sein Beschäftigungsverhältnis an der FU Berlin aus politischen Gründen nicht verlängert werden sollte, kam es zu Studentenprotesten. 1970 wurde seine Habilitation an der FU Berlin ebenfalls aus politischen Gründen abgelehnt.

Child Survivor: In den siebziger und achtziger Jahren begannen sich kleine Gruppen von Überlebenden in einer Reihe von Gemeinden weltweit zu organisieren. Durch das internationale Netzwerk der Kinder von Holocaust-Überlebenden wurde 1984 in New York City eine der ersten internationalen Konferenzen abgehalten, an der mehr als 1 700 Überlebende und deren Kinder teilnahmen und ­wodurch vielfältige Zusammenschlüsse entstanden. Das erklärte Ziel war, ein besseres Verständnis des Holocaust und seiner Auswirkungen auf die heutige Welt zu schaffen und Kontakte zwischen den Überlebenden und den Kindern von Überlebenden zu knüpfen. Im Zuge dessen beschäftigten viele der Überlebenden sich das erste Mal ausgiebiger mit ihrer ­Vergangenheit, was bei vielen zu ­Retraumatisierungen führte.