Die Graphic Novel »Trubel mit Ted« über einen Mann mit Asperger

Verschlossene Normalität

In Émilie Gleasons Graphic Novel »Trubel mit Ted« versucht die Hauptfigur Ted, sein Leben in den Griff zu bekommen, das durch sein Asperger-Syndrom ordentlich durcheinandergewürfelt wird.

Ted Gugus ist im Stress. Die Armbanduhr stets im Blick zieht er sich an, eilt zur Arbeit und später wieder zurück nach Hause. Ans Essen muss er erinnert werden und auch nachts findet er keine Ruhe. Sein Alltag ist einerseits penibel durchgeplant, andererseits durchzogen von Schrullen und eigenartigen Begebenheiten. So fordert er in der U-Bahn »seinen« Sitzplatz ein, schlingt Fast Food herunter und kniet pustend vor dem Klo. Ob er autistisch sei, »so wie in Rain Man«, fragt ihn eine Zufallsbekanntschaft einmal im Zug, woraufhin Ted erklärt, er bevorzuge den Begriff Asperger, denn »den benutzen die Leute wenigstens nicht als Beleidigung«. Auch der Name, den die Comic­zeichnerin Émilie Gleason ­ihrer Hauptfigur gibt, ist ein Hinweis auf die späteren Diagnose und entsprechende Therapieversuche, denen der schlaksige junge Mann ausgesetzt wird: TED ist das Akronym für »trouble en­vahissant du développement«, eine »tiefgreifende Entwicklungsstörung«.

Gleasons Experimentierfreude zeigt sich außer im ungestümen Umgang mit Sprache vor allem in den Zeichnungen: flächig und kontrastreich, knallig koloriert, ungerade umrandet oder gleich ganz ohne Rahmen.

Das ernste Thema und die im Laufe der Handlung immer drastischer werdenden Ereignisse sieht man dem Debüt der 28jährigen Autorin nicht sofort an. Der quietschgelbe Umschlag der Anfang Mai erschienenen deutschen Ausgabe und der nach familienfreundlicher Sitcom klingende Titel »Trubel mit Ted« (im Original »Ted – drôle de coco«, etwa »komischer ­Vogel«) lassen nicht vermuten, welche Abgründe sich hier nach und nach auftun. Mit seinem skurrilen Witz und den vielen unerwarteten Wendungen ist der Band ein wunderbares Beispiel für die narrative Kraft von Comics. Atemlos folgt man beim Lesen den Anstrengungen Teds, sein Leben wieder in klar definierte Bahnen zu lenken oder überhaupt zu begreifen, warum die Welt da draußen so viele Fallstricke für ihn ausgelegt hat.

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Vorbild für Ted ist Gleasons eigener autistischer Bruder. Einen Anspruch auf autobiographische Autorität erhebt Gleason im kurzen Nachwort aber keinesfalls: »Ich habe keine Ahnung von Neuropsychologie oder Genetik, ich kann nichts beitragen zur Forschung in Sachen Autismus.« Und so kommt »Trubel mit Ted« nie diagnostizierend daher, sondern versucht erfolgreich, spezifische Störungsbilder in ein künstlerisches Medium zu übersetzen. Die Graphic Novel erzählt von den Schwierigkeiten, die die Diagnose Asperger einer Familie bereiten kann. Zwischen liebevoller Zuneigung, Verständnis­losigkeit und schlichter Überforderung schwankend, quälen sich auch Teds Eltern und Schwester mit der Suche nach Erklärungen und dem Bemühen um Unterstützung. Letztlich hängen sie einer Vorstellung von Normalität an, die Ted schlicht verschlossen bleibt.

Beim altehrwürdigen Internationalen Comicfestival Angoulême, dem wichtigsten Comicfestival Europas, erhielt Émilie Gleason 2019 für »Ted – drôle de coco« den Preis für das beste Debüt. Im selben Jahr wurden mit Rumiko Takahashi (für ihr Lebenswerk) und Jen Wang (für ­ihren Transgender-Jugendcomic »The Prince and the Dressmaker«) zwei weitere Zeichnerinnen aus­gezeichnet. Die heftige Kritik, mit der sich die Festivalleitung 2016 konfrontiert sah, scheint demnach zumindest dazu beigetragen haben, dass die männlich dominierte ­Comicszene sich allmählich verändert. Takahashi ist in 46 Festival­jahren erst die zweite Frau, die für ihr Lebenswerk prämiert wurde. 2016 hatte die Jury es tatsächlich geschafft, in dieser Kategorie 30 Männer und keine einzige Frau zu nominieren. Boykottaufrufe und Protest gegen die Scheuklappenpolitik der Jury folgten und berühmte Zeichner wie Daniel Clowes, Riad Sattouf und Joann Sfar sagten aus Solida­rität ihre Teilnahme ab. Man würde Gleason unterschätzen, wenn man ihre Ehrung in Angoulême auf den überfälligen Kurswechsel redu­zierte – erfreulich ist sie aber allemal. Dass der Zürcher Comicverlag Edition Moderne nun so schnell auch eine deutschsprachige Ausgabe von »Trubel mit Ted« vorlegt, mag auch mit der öffentlichkeitswirk­samen Auszeichnung zusammen­hängen.

Christoph Schulers Übersetzung ins Deutsche vermittelt eindrucksvoll Teds Hastigkeit und seine auch in der Sprache ausgedrückten ur­eigenen Ordnungssysteme. Das für Ted nicht nachvollziehbare verliebte Geturtel zwischen seiner Schwester und ihrem neuen Freund hört sich für ihn nach inhaltslosem »Blibb blabb plicka plonk! Ahahahrgabaa« an, das wütende Schimpfen des ­Vaters wird während einer Panik­attacke Teds zu einem zittrig ge­letterten »HÖRAOUF DICH SO KÜNNDÜSCH SUBENEHMN UNSETSDICHSUMIRJEPST!«. Vor allem in Überforderungssituationen bersten die einzelnen Buchstaben und ­Worte vor Energie und fegen über Sprechblasengrenzen hinweg wie der langbeinige Ted durch die Stadt.

Gleasons Experimentierfreude zeigt sich außer im ungestümen Umgang mit Sprache vor allem in den Zeichnungen. Flächig und ­kontrastreich, knallig koloriert, ungerade umrandet oder gleich ganz ohne Rahmen unterstützen die variantenreichen Panels das extrem hohe Erzähltempo. Viel gibt es in den Ecken zu entdecken, manche Details werden erst später verständlich. Die Fülle an visuellen Reizen und die verzerrten Dimensionen machen immer wieder deutlich, dass Wahrnehmung hier als etwas Subjektives und Fragiles gezeigt wird.

Die unkonventionelle Form und die psychedelische Bildsprache ­machen »Trubel mit Ted« manchmal zu einer sperrigen Lektüre, die aber immer wieder überraschend komisch sein kann. Humor entsteht zum ­Beispiel aus Teds Unfähigkeit, »normale« Prioritäten zu setzen. So findet er sich am Ende eines ohnehin stressigen Tages allein bei einem brüllend lauten Punkkonzert im ­Jugendzentrum wieder, weil er zufällig einen Flyer entgegengenommen und dies als Verpflichtung zur Anwesenheit verstanden hat. Verglichen mit späteren Ereignissen im Elternhaus und in einer geschlossenen therapeutischen Einrichtung ist diese missliche Situation vergleichsweise harmlos. Die Konzertszene spitzt das bekannte Problem zu, ­eigentlich gar keine Lust auf eine bereits zugesagte soziale Aktivität zu haben, und vermag so eine Vorstellung davon zu vermitteln, wieso Ted sich so sehr auf Regelmäßigkeit und Strukturen stützt.

Weil Teds durchgetaktetes Leben in Paris durch die Sperrung seiner täglich benutzten Metrolinie aus den Fugen gerät, verbringt er im zweiten Teil des Comics seine Zeit im Elternhaus. Im Zuge des immer chaotischer werdenden Besuchs rücken auch die Perspektive seiner Eltern und die der jüngeren Schwester in den Vordergrund. »Ich hatte es ganz einfach satt, meinen Bruder als Grinch zu sehen, meine Eltern jeden Tag weinen zu hören und mich über diese Situ­ation zu ärgern, die ich weniger zu verstehen als zu ertragen versuchte«, schreibt die Autorin zum autobiographischen Einfluss auf die Kapitel im Elternhaus. Sie erzählt von schrägen, aber harmlosen Missverständnissen, spart aber auch emotionale Ausbrüche und Gefühle von Hilf­losigkeit bis Wut nicht aus.

Die bei aller Verzweiflung immer liebevollen Bemühungen der Familie, mit Teds unvorhersehbarem Verhalten umzugehen, erschweren auch die Beziehungen der anderen Familienmitglieder zueinander. Welcher Arzt ist der richtige, wie viel an Medikamenten kann man dem Sohn zumuten, wie weit muss die eigene Einschränkung zum Wohl des Kindes gehen, wäre nicht doch diese alternative Therapie der bessere Weg? Die kraftraubende Suche der Angehörigen nach einer Möglichkeit, Teds Symptome zu lindern, erinnert an »Epileptic« von David B., einen Graphic-Novel-Klassiker, der eine vergleichbare familiäre Situation zum Thema hat. Dessen Mischung aus Einfühlsamkeit und nachvollziehbarer Frustration zeichnet auch Émilie Gleasons Arbeit aus.

»Trubel mit Ted« ist eine großartige persönliche Studie, die es schafft, komplexe Themen in einen bunten Strudel aus Bildern und Sprache zu verpacken. Ohne pädagogischen Zeigefinger und Anspruch auf Allgemeingültigkeit zeigt sie auf unterhaltsame wie berührende Weise, wie es aussehen mag, wenn Mitmenschen und Umwelt eine Normalität voraussetzen, der man selbst nicht entsprechen kann.

Émilie Gleason: Trubel mit Ted. Aus dem Französischen von Christoph Schuler. Handlettering von Michael Hau. Edition Moderne, Zürich 2020, 128 Seiten, 24 Euro