Martina Wieds Roman »Das Asyl zum obdachlosen Geist«

Mit Kierkegaard in einer Zelle

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1889, irgendwo in einem Sanatorium in Österreich. Dem ärztlichen Leiter wird ein neuer Patient vorgestellt. Es handelt sich um den jungen, hochgebildeten John von Kellingrath. Seine Ehefrau erklärt, er sei verrückt und müsse entmündigt werden. Dass sie Johns Einweisung betreibt, um an sein Vermögen zu kommen, scheint den Ehemann nicht sonderlich zu interessieren. John möchte nur ungestört in einer Zelle sitzen und die Werke Sören Kierkegaards übersetzen. Schon am ersten Abend versucht der neue Patient, die Nachtschwester zu erwürgen. Angeblich, weil sie ihn an seine verhasste Gattin erinnert. Oder wollte er lediglich erreichen, dass die schockierte Pflegerin kündigt, um dann ungestört seine rothaarige Geliebte einschleusen zu können? Denn kaum, dass die Stelle frei wird, bewirbt sich eine junge Rothaarige als Nachtschwester. Nun verliebt sich der Arzt in die Neue, entdeckt aber bald, dass etwas nicht mit ihr stimmt. Was wie ihr Haar scheint, sind nur Strähnen, die sie an ihre Schwesternhaube geklebt hat. Wenn sie nicht die Geliebte des Patienten ist, wer ist sie dann?

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Die österreichische Autorin Martina Wied schrieb diesen grotesken Roman in den Jahren 1925/26, er erschien 1934 als Fortsetzungsroman in der Wiener Zeitung, eine Buchausgabe folgte erst 1950 unter dem Titel »Kellingrath«. Nun erscheint er unter dem Titel »Das Asyl zum obdachlosen Geist« im Milena-Verlag. Es geht um das selbstgewählte Exil, innere Freiheit und Flucht vor den Zwängen des bürgerlichen Lebens – Themen, die Wied schon vor ihrer Flucht nach Großbritannien 1939 beschäftigt haben. Am Ende des Romans lässt sie die verkommene Gesellschaftsordnung zusammenbrechen: Eine Grippewelle legt ganz Österreich lahm und niemand darf das Krankenhaus betreten oder verlassen.

Martina Wied: Das Asyl zum obdachlosen Geist. Milena-Verlag, Wien 2020, 320 Seiten, 24,50 Euro