Das Pop-Phänomen Poppy unter der Lupe

Die unerträgliche Cuteness des Seins

Die Youtuberin Poppy hat ein Metal-Album veröffentlicht, das wie kaum ein anderes popkulturelles Produkt die Omnipräsenz der Ironie illustriert.

Diese digitale Erfolgsgeschichte beginnt mit Zuckerwatte: Das Video »Poppy Eats Cotton Candy« erschien im Herbst 2014 auf Youtube und zeigte genau das – eine junge, auf Mädchen gestylte Frau mit fast weißem Haar isst pastellfarbene Zuckerwatte vor einem pastellfarbenen Hintergrund. Zwei Monate später folgte ein zehnminütiges Video, in dem sie immer wieder mit kindlicher Halbflüsterstimme den Satz »I am Poppy« in die Kamera spricht. Die Lippenbewegungen sind nicht ganz synchron, alles wirkt ein bisschen wie aus einer anderen Welt. Zehn Minuten lang klärt sie uns darüber auf, dass sie Poppy, also Mohnblume, heißt. Sonst passiert nichts. Die Klickzahlen liegen im zweistelligen Millionenbereich.

Tumblr steht vor allem für eine bestimmte Ästhetik, die Poppy wie sonst vielleicht keine popkulturelle Figur verkörpert: Intime Statements stehen neben einem Schnappschuss oder kontextloser Kunst, Found-Footage-Horror neben Porno neben Fotos
von Cupcakes.

Ob es an der Kuriosität lag oder am irgendwie beklemmenden Sex-Appeal – jedenfalls war ein Youtube-Hype geboren und Dutzende weiterer Clips folgten: Schminkvideos von einer Minute Länge, in denen eine bis zur Unverständlichkeit verzerrte Stimme die Namen der Beauty-Produkte vorträgt, und kurze Schnipsel, in denen Poppy beteuert, keinem Kult zu frönen, oder eine Basilikum­pflanze interviewt. Die Ästhetik ähnelt sich fast immer: irgendwie süß, pastellfarben, außerirdisch. Poppys Inszenierung erinnert an die zahlloser Influencer, und doch ist es bei ihr etwas anderes. Die ausgestrahlte Ruhe beunruhigt und lässt doch nicht los: Das Phänomen Poppy führte zu unüberschaubaren Reddit-Diskussionen, in denen nach geheimen Hilferufen in ihren Clips gesucht, vor allem aber über ihre »wirkliche« Identität gerätselt wird. Mittlerweile gibt es Videos, in denen Kinder auf Poppy reagierten (»Spooky!«), denen Videos folgten, in denen Poppy auf Kinder reagierte, die auf Poppy reagierten.

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Die Frage wurde laut, ob Poppy nicht eigentlich ein Projekt des Videoproduzenten Titanic Sinclair ist, der ein ähnliches Vorhaben bereits mit der Sängerin Mars Argo gestartet hatte. Doch verhallte diese Frage. Zwar wurde Poppys bürgerlicher Name bekannt – Moriah Rose Pereira –, doch ansonsten blieb die Oberfläche undurchdringlich.

Poppy macht nicht nur Clips für Youtube, sondern auch Musik. 2015 erschien ihr erster Song »Everybody Wants to Be Poppy«, in dessen Musikvideo sie vor zwei Mannequins herumtanzte und sang: »I’m not here to tell you what to say or be/Why is everybody just like me?« Alles glatt, sowohl optisch als auch musikalisch – und dennoch auf eine Art beklemmend, die schwer in Worte zu fassen ist: Vielleicht ist es ihre roboterhafte Aussprache, vielleicht sind es die weichen, kontrastarmen Farben der Videos.

Es läge nahe, in der Bubblegum-Optik samt Influencer-Sprachmüll ohne inhaltlichen Bezug auf irgendetwas (»You’re gonna be okay!«, »The Internet makes sense to me!«) einen Kommentar zu Social-Media-Persönlichkeiten und ihre Inszenierungen zu erkennen. Und doch drängt sich beim Betrachten des Kanals, auf dem über 450 Videos hochgeladen sind, ein anderer Eindruck auf – nämlich dass ein Phänomen wie Poppy überhaupt nicht mehr mit den klassischen Konzepten der Ironie und des Kommentars zu erfassen ist. Es ist ein Eindruck, der sich durch ihr neuestes Album verstärkt.

Denn auf »I Disagree«, das bereits im Januar dieses Jahres erschien, bricht Poppy wenigstens auf den ersten Blick mit dem Cutie-Image. Nachdem schon auf ihrem zweiten Album »Am I a Girl?« von 2018 der Song »X« enthalten war, der relativ generische Metal-Riffs mit Beach-Boys-Retro-Folk und »Midsommar«-Ästhetik kombinierte, hat sie nun zum ersten Mal ein komplettes Metal-Album aufgenommen. Jedoch eines, das quer zu sämtlichen derzeitigen Entwicklungen innerhalb des Genres steht – und das derart, dass sich die Frage aufdrängt, welche Bedeutung Genregrenzen hier überhaupt noch haben.
Mit »I Disagree« begibt sich Poppy in einen musikalischen Kosmos, von dem man hätte denken können, er sei mit den nuller Jahren verschwunden. Poppys Album erinnert in Komposition und Produktion verdächtig an die Nu-Metal-Alben der Jahrtausendwende und kombiniert diesen immer nur auf den drastischen Effekt zielenden Klang mit süßen

J-Pop-Passagen. Diese Kombination ist nicht ganz neu. Als Vorgängerprodukt könnte hier die japanische Band Babymetal gedient haben, in der drei Frauen – Su-Metal, Moametal und Yuimetal – zu harten Riffs teilweise hochkomplexe Choreographien auf der Bühne tanzen, natürlich mit Zöpfen und kurzen Röcken: Metal für Manga-Fans. Daraus ist inzwischen ein ganzes Genre entstanden, genannt Kawaii Metal.
Doch während bei Babymetal die Bezüge und auch der Reiz der ganzen Show so klar wie unangenehm sind, gibt Poppy ein Rätsel nach dem anderen auf. Die Metal-Bezüge sind antiquiert und bewegen sich irgendwo zwischen angestaubtem Nu Metal und Industrial. Die Pop-Bezüge wiederum knüpfen in Klang und Optik an die älteren pastellfarbenen Videos Poppys an. Glatter Dream Pop und aggressive Riff-Ausbrüche funktionieren wunderbar nebeneinander, das Eigenartige ist aber vor allem, dass diese Klangästhetik vielleicht besser zu den surrealen und beklemmenden Influencer-Videos ihrer früheren Karriere passt als der Bubblegum-Pop, der insbesondere ihr erstes Album »Poppy.Computer« von2017 prägte.

Es dürfte die Generation Tumblr sein, die mit dieser Musik angesprochen werden soll. Tumblr war die erste große Microblogging-Plattform und entwickelte sich in den zehner Jahren zu einer Brutstätte für obskure Internet-Subkulturen wie die »Otherkin«, die davon überzeugt sind, von mythischen Wesen oder Comicfiguren abzustammen beziehungsweise mit ihnen seelisch verbunden zu sein. Vor allem steht Tumblr aber für eine bestimmte Ästhetik, die Poppy wie sonst vielleicht keine popkulturelle Figur verkörpert: Intime Statements stehen neben einem Schnappschuss oder kontextloser Kunst, Found-Footage-Horror neben Porno neben Fotos von Cupcakes.

Wer sich einmal ein paar Stunden durch Poppys Youtube-Kanal klickt, hat schnell das Gefühl, den Kaninchenbau aus Lewis Carrolls »Alice im Wunderland« betreten zu haben, der einen mitten hinein in diese disparat organisierte Tumblr-artige Welt führt, in der alles immer schon Zitat gewesen ist und alles pro­blemlos nebeneinander steht – von Depressionen bis daddykink. Das Prinzip von Tumblr war für die allermeisten User gerade nicht, etwas Selbstproduziertes, seien es Texte oder Fotos, zu präsentieren, sondern irgendwo in den Weiten des Internets Aufgelesenes neu zu arrangieren, in einem digitalen Setzkasten nach eigenem Geschmack.

Wie ästhetisch und inhaltlich Disparates ohne Probleme vereint werden konnte, so verschwanden auch klare Konventionen, die bestimmen, was ernst und was ironisch sein sollte. Je weiter man sich in die Gefilde von Tumblr begab, desto dringender stellte sich die Frage, welche Bedeutung Ironie hier überhaupt noch hat. Alles wird mit dem gleichen Blick betrachtet, irgendwie distanziert und gleichzeitig hochempfindlich. Alles ist gleich ironisch und damit gleich ernst. Im Stadium ihrer Omnipräsenz verliert Ironie jede Bedeutung.
Wahrscheinlich muss man sich dieses Verhältnis zur Welt vor Augen führen, wenn man Poppys Songs hört oder sich durch ihre Videos klickt. Es geht hier weder um Kritik noch um Subversion. Der musikalische Krach verweist auf nichts, sondern behauptet nur eine Intensität, wie auch die zahllosen frei schwebenden Zeichen in den Videos auf ebenso wenig verweisen wie die Lyrics der Songs: »Poetry, Poetry, Poetry/Ecstasy, Ecstasy, Ecstasy«, singt Poppy in »X«; in »Concrete«, dem Opener von »I Disagree«, folgt »But I need the taste of young blood in my teeth« auf »I tried to eat ice cream/I tried to drink tea«, bevor der Refrain mit J-Pop-Synthie-Explosionen und der Zeile »Chewy chewy, yummy yummy yummy« einsetzt.

Es ist vielleicht die richtige Kunstform für die Tumblr-Kids, die ihre Jugend in den zehner Jahren verbrachten und jetzt gerade in den Feuilletons paternalistisch unter dem Begriff »Generation Z« zusammengefasst werden: Musik für die Kinder der Rezession, die keinen Grund mehr haben, an Popkonventionen festzuhalten. Ihnen hat Poppy mit »I Disagree« eine Hymne geschrieben: »Let it all burn down/Burn it to the ground/We’ll be safe and sound/When it all burns down.« Das Video erhielt auf Youtube 11 000 Kommentare. Der beliebteste stammt von User Rolf. Er schreibt: »This song makes me wanna break into my neighbor’s house, toast all their bread and put it back in the bag.«

Poppy: I Disagree (Sumerian)