Carl Melchers im Gespräch mit dem Dokumentarfilmer Florian Opitz über die Eigenarten der reichsten Deutschen

»Vor die Kamera wollten die wenigsten«

Florian Opitz ist Filmregisseur, Autor und Journalist. Seit 1998 macht er Dokumentarfilme für Kino und TV zu politischen, sozialen und historischen Themen. 2019 erschien seine Dokumentation »Ganz oben – Die diskrete Welt der Superreichen«, der bis zum 28. August 2020 in der Mediathek des Senders Arte verfügbar ist.

Warum wollten Sie einen Film über die reichsten Deutschen ­machen?

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Weil wir hierzulande eine sehr verzerrte Vorstellung von Reichtum haben und es hunderte Dokumentarfilme gibt, die Armut zum Thema haben, aber kaum welche, die sich mit dem Gegenstück beschäftigen. Denn wo Armut ist, gibt es auch immer Reichtum und das gilt natürlich auch für Deutschland, einem der reichsten Länder der Erde. Wir haben kaum eine Vorstellung davon, wie Reichtum hierzulande aussieht. Deutsche Medien bedienen sich dann immer amerikanischer Bilder und Klischees, um Reichtum zu visualisieren, denn in den USA und anderen Ländern wird Reichtum offensiver präsentiert. In Deutschland verstecken sich die wirklich Reichen eher.

»Der typische deutsche Superreiche hat eine große Villa in Hamburg mit einem großen Rosenbusch und einem Zaun darum herum, aber vor dem Haus parkt im Zweifel ein Volkswagen.«

War es ein Problem, mit den reichen Deutschen in Kontakt zu kommen?

Ja, es hat lange gedauert und ich habe sicherlich mit über hundert solcher Reicher gesprochen – persönlich, am Telefon oder mit deren Mitarbeitern. Nur vor die Kamera wollten die wenigsten. Sie hatten Angst, schlecht wegzukommen, stigmatisiert zu werden oder Opfer von Kriminalität zu werden.

Und wie macht man diese lichtscheuen Reichen ausfindig?

In den USA erstellt man gerne Rankings von Superreichen, da gibt es das berühmte Forbes Ranking der reichsten Menschen der Welt oder der USA. In Deutschland macht das einmal im Jahr das im Spiegel-Verlag erscheinende Manager-Magazin.

Dessen Arbeit dafür habe ich mit der Kamera begleitet und so neben meinen eigenen Gesprächen mit den Reichen eine Menge über dieses scheue Milieu erfahren. Die Informationen für ein solches Ranking gibt es nicht vom Statistischen Bundesamt. Man muss sich anderer Quellen bedienen. Man braucht Kontakt zu den Reichen selbst oder zu deren Ver­mögensverwaltern. Außerdem macht das Magazin eigene Recherchen.

Wie präzise sind die Informationen über diese Vermögen dann überhaupt?

Das sind letztlich sehr konservative Schätzungen, der Chefredakƒteur des Manager Magazins vermutete damals schon, dass diese Vermögen vermutlich noch größer seien.ƒ

Und wie kommen die reichsten Deutschen zu ihrem Reichtum?

Die meisten Superreichen in Deutschland sind Unternehmer oder stammen aus Unternehmerfamilien. Einige ­wenige haben ihren Reichtum erst in den letzten zwei Jahrzehnten erworben, nur in Deutschland sind das im Vergleich zu den USA sehr wenige. Es gibt hier eben kaum Start-up-, Internet- oder Tech-Milliardäre. Auch Mode­ratoren, Sportler oder Stars aus der Unterhaltungsszene werden hier reich, aber selten superreich. Auch ein Chefarzt mit drei Privatkliniken schafft es nicht unbedingt unter die reichsten Deutschen.

Aber es gibt hier diese klassischen Unternehmer, die nach dem Krieg während des sogenannten Wirtschaftswunders oder in den sechziger, sieb­ziger Jahren zu Reichtum gekommen sind. Solche Unternehmen sind in Deutschland oft Discounter wie Aldi, Lidl, Rossmann oder DM, die mit der deutschen »Geiz ist geil«-Mentalität zu Geld kamen.

Die Reichen sind also größtenteils Unternehmer?

Ja – oder es sind Erben. Unter dem Reichtum in Deutschland ist sehr viel »altes Geld«, die Industriellenfamilien, die ihren Reichtum schon viele Jahrzehnte, ja teilweise auch schon Jahrhunderte lang haben. Ihr Geld ist über die Jahre z. B. in Familienstiftungen immer weiter vermehrt worden, durch Firmenbetei­ligungen, Aktienvermögen und natürlich Immobilien. Es gibt deutsche ­Familiendynastien, den gehören ganze Straßenzüge in New York oder riesige Ländereien oder Wald in Skandinavien oder Südamerika. Da kann man sich natürlich vorstellen, wie deren Vermögen gewachsen ist in den letzten 20 Jahren.

Ihr Film porträtiert Protagonisten dieser drei Gruppen – es sind alles Männer.

Reichtum ist in Deutschland stark männlich dominiert. Ich filme oft zu Wirtschaftsthemen. Es ist auffällig, wie wenige Frauen man dabei trifft, aber auch dass die wenigen Frauen, die man in diesem Milieu antrifft, sich nicht gerne interviewen lassen, nicht ins Rampenlicht wollen. Gerne hätte ich die Protagonisten des Films paritätisch zu besetzen. Wir haben auch einige Unternehmerinnen angesprochen, die aber alle nicht vor die Kamera wollten. Die Männer sind wohl ein bisschen eitler. Selbst Erbinnen, die eine durchaus kritische Einstellung zu ihrem Erbe haben, vergleichsweise bescheiden leben und sehr fortschrittliche Projekte mit ihrem Geld fördern, wollten nicht vor die Kamera treten.

Gibt es noch andere deutsche Besonderheiten?

Deutscher Reichtum ist sehr regional verteilt. Man findet ihn gerne in der Provinz. Die Rede ist dabei oft vom deutschen Mittelstand und von Familienunternehmen. Das hört sich immer schön und schützenswert an. Als Familienunternehmen bezeichnet man aber auch Konzerne wie Rossmann oder Bosch. Manche haben deutschland- oder weltweit mehr als 100 000 Mit­arbeiter und machen Milliardenumsätze. Es gibt Lobbyverbände wie den Verband der Familienunternehmer in Deutschland, die dafür sorgen, dass man diese Unternehmen in der Politik pfleglich behandelt und keine oder ­wenig Erbschafts- und Vermögenssteuern bezahlt werden müssen.

Viele dieser mittelständischen Unternehmen, deren Familien oder Gründer überproportional zu den reichsten Deutschen gehören, bleiben unter dem Radar der Öffentlichkeit, obwohl es oft in ihrem Bereich Weltmarktführer sind. Rossmann und Aldi kennt man da natürlich eher. Aber von vielen der Unternehmen habe ich zum ersten Mal gehört, als ich mich damit beschäftigt habe. Dazu gehören zum Beispiel Zulieferfirmen von Autoteilen.

Haben Sie etwas über politische Einstellungen dieser Leute erfahren?

Gegen eine Umverteilung des Vermögens sind die meisten. Auch ein Herr Otto und ein Herr Rossmann, die durchaus viel Geld spenden und sich als Philanthropen betätigen, wollen eigentlich keine höheren Steuern und fühlen sich von solcherlei Ansinnen eher ungerecht behandelt. Beide spenden gerne– wollen aber auch bestimmen, wofür ihr Geld ausgegeben wird. »Raffgierig« oder wie Dagobert Duck seien sie auf keinen Fall.Aber wenn es darum geht, eine Erbschaftssteuer oder eine Vermögenssteuer einzuführen, dann sind sie ganz schnell bei dem großen Schreckgespenst Sahra Wagenknecht.

An anderer Stelle sagt im Film der Vermögensberater Christian von Bechtolsheim, man wolle keine Verhältnisse wie in den USA oder in ­Lateinamerika. Was meint er damit?

Es gibt da so eine Art ungeschriebenen Gesellschaftsvertrag. In der alten Bundesrepublik hatte man sich den sozialen Frieden erkauft, indem auch Arbeiter und Angestellte relativ gut verdienten und zu einem gewissen Wohlstand kommen konnten. Unternehmer und deren Familien waren zwar damals schon reicher, aber man hat diesen Reichtum eher dezent gezeigt. Man stand damals auch im System­wettbewerb mit der DDR. Und das führte eben auch bei den Reichen zu der Einstellung, dass man eben seinen Reichtum, der ja trotz allem in Deutschland teilweise viel größer ist als in anderen Ländern, nicht so offen zeigt. Nicht so protzt.

Ein wichtiger Satz, den ich mir vom Chefredakteur des Manager Magazins gemerkt habe: Der typische deutsche Superreiche hat eine große Villa in Hamburg mit einem großen Rosenbusch und einem Zaun darum, aber vor dem Haus parkt im Zweifel ein Volkswagen. Das ist in Großbritannien, den USA oder in Russland ganz anders.
 

Florian Opitz
Florian Opitz