Guided by Voices hat ein neues Studioalbum aufgenommen

Perfekte Imperfektion

Robert Pollard ist produktiv: Seine Band Guided by Voices, ein Urgestein des Lo-Fi, veröffentlicht ihr 31. Studioalbum. Eine ältere Veröffentlichung der Band, »Alien Lanes« von 1995, feiert derweil Jubiläum. Tobin Sprout, ein ehemaliges Mitglied von Guided by Voices, hat ebenfalls eine neue Platte aufgenommen.

Ein schlichter, eingängiger Basslauf gesellt sich zu einem rudimentären Schlagzeugbeat, während im Hintergrund das brummende Störgeräusch eines wohl schlecht geerdeten Verstärkers zu hören ist. Dann stößt die erste verzerrte Schrammelgitarre hinzu und Robert Pollard skandiert inbrünstig: »Disarm the settlers/The new drunk drivers/have hoisted the flag«. Mit dieser »salzigen Ehrensalve«, nämlich dem Song »A Salty Salute«, beginnt das Album »Alien Lanes«, mit dem die Band Guided By Voices aus ­Dayton in Ohio 1995 ihren größeren Durchbruch feierte. Es handelt sich dabei um einen Meilenstein der Lo-Fi-Bewegung, die Anfang bis Mitte der neunziger Jahre die Entwicklung des nordamerikanischen Indierock maßgeblich prägte. Das Album ist zudem so zeitlos, dass es nun, zum 25jährigen Jubiläum seines Erscheinens, auf farbigem Vinyl noch einmal neu aufgelegt wird.

Die Plattenfirma Matador stellte Guided by Voices einen Vorschuss von 100 000 US-Dollar zur Verfügung, um das Album »Alien Lanes« aufzunehmen. Stattdessen kostete die Produktion zehn Dollar, wie Bandgründer Robert Pollard zur Jubiläumsausgabe süffisant anmerkt.

»Alien Lanes« umfasst ganze 28 Stücke in nur 41 Minuten Spielzeit. Mindestens die Hälfte davon sind makellose Hits – makellos, was das Songwriting betrifft, denn all die Lo-Fi-typischen Hintergrundklänge und vermeintlichen Fehler dürften die Tracks für das Radio und selbst für das übliche Publikum von Alternativrock weiterhin zu sperrig machen.

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Die Lieder auf »Alien Lanes« gehen nicht ineinander über, wie es beispielsweise bei neun Songs auf der zweiten Seite von »Abbey Road« der Beatles (1969) der Fall ist. Auch handelt es sich weder um ein Konzeptalbum wie »Ogdens’ Nut Gone Flake« von den Small Faces (1968) noch um eine Rockoper wie »Tommy« (1969) oder »Quadrophenia« (1973) von The Who, allesamt musikalische Vorbilder Pollards. Aber ähnlich dem vorherigen, 1994 erschienenen Album »Bee Thousand« von Guided by Voices folgen die Tracks auf »Alien Lanes« mit so kurzen Pausen auf­einander, dass sie wie eine Song-Collage wirken, die gerade durch die abrupten Kontraste ihren besonderen Charakter erhält. Kurzum, jede ­Harmonie, jedes Störgeräusch, jeder Tonartwechsel, jeder überwältigende Refrain und jeder unmittelbar darauf folgende Bruch gehören genau da hin, wo sie platziert wurden. Und auch die ganz kurzen Songs unter einer Minute Länge sind unerlässliche, leiten sie doch zu den Glanzstücken von zwei Minuten Länge über, ohne aber bloße Intermezzi zu sein.

Guided by Voices gründeten sich 1983. Frontmann war immer der High-School-Lehrer Robert Pollard, der im Laufe der Zeit mit einigen wechselnden Begleitmusikern spielte. Ursprünglich waren Guided by Voices eine lokale Kneipenband. Vielleicht stammen daher ihre für eine Indieband recht ungewöhnlichen Rockposen, inklusive der Gitarren-Windmühle im Stile Pete Townshends und eines quer über die Bühne springenden Bassisten. Pollard steht im Zentrum, das Mikrophon in der einen, eine Bierflasche in der anderen Hand.

Von 1992 bis 1997 war die Besetzung beständig: neben Pollard der Schlagzeuger Kevin Fennell, der Bassist Greg Demos, der Gitarrist Mitch Mitchell und vor allem der Gitarrist und Sänger Tobin Sprout, der als zweiter Songwriter mit großem melodischen Talent zu den Platten dieser Zeit etwa ein Viertel der Stücke beitrug. Sprouts Lieder sind bisweilen etwas melancholischer als die überschäumenden Powerpop- und Garagerocksongs von Robert Pollard. Als Gegenpart zu dessen manischem Songwriting – Pollard ist Urheber von über 1 500 Stücken – trug gerade die Zusammenarbeit mit dem damals bereits 40jährigen ­Sprout dazu bei, dass »Alien Lanes« neben »Bee Thousand« als vielsei­tiges Meisterwerk der Band gelten muss.

Mit simplem technischem Equipment aufzunehmen, war im Übrigen eine bewusste ästhetische Entscheidung der Gruppe. Seit den achtziger Jahren ermöglichte der Tascam-Vierspurrekorder vielen Musikeigenbrötlern oder DIY-Idealistinnen, ihre Musik ohne Zugang zu einem professionellen Studio aufzunehmen. Bei den frühen Werken von Singer-Songwritern wie Daniel Johnston, Cat Power oder Smog mag die Wahl der Mittel von den Möglichkeiten bestimmt gewesen sein. Bei anderen wichtigen Lo-Fi-Bands wie Sebadoh oder eben Guided By Voices war dies aber nur bedingt der Fall. Ihre neue Plattenfirma Matador stellte der Band sogar einen Vorschuss von 100 000 US-Dollar zur Verfügung, um das Album »Alien Lanes« aufzunehmen. Stattdessen kostete die Produktion zehn Dollar, wie Robert Pollard in den liner notes zur ­Jubiläumsausgabe süffisant anmerkt. Seine Stelle als Lehrer hatte er erst kurz zuvor aufgegeben.

Für das Nachfolgealbum »Under the Bushes Under the Stars« von 1996 ging die Band dann doch in ein richtiges Studio. Die 24 Stücke sind ­etwas länger und abgeschlossener, aber dadurch fällt der Unterschied zwischen Knüllern und Füllern auch viel deutlicher auf. Wieder finden sich zahlreiche starke Songs darauf, dennoch kann es nicht an die beiden vorherigen Alben anknüpfen. Danach stieg Tobin Sprout aus, um sich stärker der Malerei und seinem neugeborenen Kind zu widmen. Und abgesehen von Greg Demos und ­natürlich Pollard selbst wechselte die komplette Besetzung. Von 2010 bis 2014 gab es eine Reunion in der klassischen Besetzung.

Die Band liebt das kleinteilige Format, nicht nur auf diesem Foto. Das Album »Alien Lanes« enthält gleich 28 Songs

Bild:
S. A. Hitchcock

Pollard hatte in der Zwischenzeit sieben weitere Platten als Guided by Voices und elf Soloalben veröffentlicht, oftmals gute Platten mit einzelnen großen Hits darauf, aber nicht mehr von solch perfekter Imperfektion wie Mitte der neunziger Jahre. Die Fans blieben nicht zuletzt aufgrund der hervorstechenden Live-Auftritte immer treu. Und nicht selten gehörten andere Größen des Rockzirkus zu den leidenschaftlichsten Anhängern. Als die Strokes 2002 ihre dritte Single »Someday« veröffentlichten, baten sie Pollard und Band, im Musikvideo als gegnerisches Team in einer fiktiven Quizshow aufzutreten. Am Ende des Videos sieht man die Bandmitglieder gemeinsam trinken und feiern. Speziell dem Debüt der Strokes, »Is This It« von 2001, hört man einen gewissen Einfluss von Guided By Voices an.

Noch mehr Aufmerksamkeit dürfte die Band dadurch erfahren haben, dass 2009 ihre Powerpop-Hymne »Glad Girls« von »Isolation Drills« (2001) sehr prominent in der Fernsehserie »How I Met Your Mother« eingesetzt wurde. Ansonsten führt Pollards enormer Output von bis zu drei neuen Alben pro Jahr dazu, dass diese eher weniger Aufmerksamkeit erhalten. Parallel zur Neuauflage von »Alien Lanes« erscheint mit »Mirrored Aztec« auch ein weiteres Guided-by-Voices-Album, das 31. und bereits das zweite in diesem Jahr, ein weiteres ist für November an­gekündigt. Um es kurz zu machen: Pollards Songs sind gut, aber man muss nicht jedes Album besitzen.

Unerwartet klingt dagegen das neue Soloalbum von Tobin Sprout, »Empty Horses«, das sich stärker an Americana- und Folkrock-Traditionen orientiert. Die sehr persönlichen Texte handeln vorrangig von Zweifeln, Ängsten und einer Hinwendung zur Religion. »Breaking Down« ­beschreibt die Anzeichen ­eines bevorstehenden Zusammenbruchs und die gleichzeitige Suche nach ­einem Ausweg: »There’s a road/That keeps building in my head/For so long now/And I just can’t shake it«.

Die Hälfte der Lieder sind nur sparsam von Klavier oder Akustikgitarre begleitet und bei den Songs in Bandbesetzung klingen Vorbilder wie Giant Sand oder sogar Neil Young an. Dass sich Sprout bei seinem achten Solowerk sowohl musikalisch als auch bei der Auswahl der zehn meist kurzen Lieder auf das Wesentliche beschränkt, kann jedoch auch als ein Resultat seiner früheren Beteiligung an den bewusst reduzierten Aufnahmen von Guided by Voices betrachtet werden.

Auf die Covid-19-Pandemie hat Pollard auf seine Art und Weise reagiert. Wenn die ausgewiesene Liveband Guided By Voices nicht vor Publikum auftreten oder gar touren darf, dann muss eben eine andere Möglichkeit her. Also kündigte er nicht weniger als eine Welttournee an, in Form von einem einzigen, aufwendig inszenierten Konzert am 17. Juli, an dem man für 25 US-Dollar live und zeitversetzt online teilhaben konnte und bei dem die Band nicht weniger als 53 Songs spielte. Die Show wurde über die Seite der Non-Profit-Organisation Noonchorus gestreamt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Musikschaffende in Zeiten der Pandemie zu unterstützen. Das Konzert stellte offenbar einen Einnahmerekord auf. Der wird auch dringend benötigt; Pollard erwähnt in einem Interview mit dem Rolling Stone nach der »Welttournee«, dass einige seiner Bandkollegen zurzeit auf Arbeits­losengeld oder anderweitige Unterstützung angewiesen sind, während er immerhin regelmäßige Einkünfte durch Tantiemen hat. Kein Wunder, bei dem Œuvre.

Guided by Voices: Alien Lanes – 25th Anniversary Edition (Matador)
Guided by Voices: Mirrored Aztec (Guided By Voices Inc.)
Tobin Sprout: Empty Horses (Fire ­Records)