Zum Tod des Anarchisten Stuart Christie

Beinahe ein Held

Stuart Christie wurde durch sein versuchtes Attentat auf Franco bekannt. Am 15. August ist er im Alter von 74 Jahren gestorben. Gabriele Haefs, die seine Autobiographie ins Deutsche übersetzt hat und bis zuletzt mit ihm in Kontakt stand, erinnert an den Anarchisten und Gründer des Magazins »Black Flag«.

Im August 1964 wurde in einem Café in Madrid ein 18jähriger Schotte festgenommen, der drauf und dran gewesen war, die Welt von dem faschistischen Diktator Franco zu befreien. Spanische Antifaschisten, die im Vereinigten Königreich im Exil lebten, hatten Geld gesammelt und den jungen Stuart Christie mit Sprengstoff ausgestattet nach Spanien geschickt. Das äußerst dilettantisch vorbereitete Attentat auf Franco misslang allerdings gründlich. Der Attentäter in spe war nicht einmal des Spanischen mächtig gewesen. Eine Sprache, die er dann während seiner Haft im berüchtigten Gefängnis Carabanchel unter widrigen Umständen lernte. In einem Prozess (bei dem er kaum etwas verstand, da er ja noch kein Spanisch konnte) wurde er zu 20 Jahren Haft verurteilt, und das war eine vergleichsweise mildes Urteil, denn auf Attentatsversuche auf den »Caudillo« stand eigentlich die Todesstrafe.

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Aber Franco wollte es sich mit Großbritannien nicht verderben. Zudem hatten die dortigen Nachrichtendienste seine Gefolgsleute rechtzeitig über die Reisepläne des jungen Schotten informiert. Die Exilspanier in Großbritannien dagegen hatten sich auf die offizielle britische Verlautbarung verlassen, derzufolge der britische Nachrichtendienst nie und nimmer mit dem franquistischen zusammenarbeiteten würde. Stuart Christie lernte im Gefängnis fließend Spanisch und war in späteren Jahren ein beliebter Zeitzeuge in spanischen Talkshows. Nach dreieinhalb Jahren wurde er von Franco persönlich begnadigt und aus der Haft entlassen. Die von »Liebe und Fürsorge geprägten Briefe« von Stuarts Mutter sollen ihn angeblich sehr gerührt haben. Ausschlaggebend waren jedoch andere Faktoren. Prominente Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre und Bertrand Russell hatten sich für eine vorzeitige Entlassung eingesetzt. Zudem brauchte Spanien Devisen, weshalb der Tourismus florieren musste. Da machte sich ein Gnadenerweis gut. So jedenfalls erklärte sich Stuart Christie seine überraschend schnelle Freilassung. Auch seine unrühmliche Kooperation mit den spanischen Behörden dürfte den glimpflichen Ausgang der Geschichte erklären.

Der Fall hatte gewaltiges Aufsehen erregt. Schon bald nach Christies Verhaftung entstanden die ersten Legenden. Er selbst schrieb später: »Fast zwei Wochen lang brachten die Zeitungen überaus bizarre Geschichten über den anarchistischen Mörder im Kilt, der Franco hatte töten und einen Großteil der Bevölkerung von Madrid, wenn nicht von ganz Spanien, dahinmetzeln wollen. Eine spanische Zeitung ließ mich in voller Hochlandmontur die Grenze überqueren, mit sgian dubh (kurzem Dolch, der in die Socke gesteckt wird, Anm. d. Red.), Federkappe und allem. Vermutlich hatte ich den sgian dubh Franco in seinen Schmerbauch rammen wollen. (…) Als diese Geschichten in Buenos Aires eintrafen, hatte ich mich als Frau verkleidet (eine Fehlübersetzung von la falda escocesa (Schottenrock, Anm. d. Red.).« Die Sache mit dem Schottenrock erklärte er so: Zwar habe er einen Kilt mit auf die Reise genommen, den aber befestigte er beim Trampen wie einen Wimpel an seinem Rucksack, weil er sich als Schotte größere Chancen auf eine Mitfahrgelegenheit ausrechnete.

Wie aber kam ein Junge aus der schottischen Arbeiterklasse, Sohn einer Friseurin und eines Fischers, überhaupt zum Anarchismus? Dass seine Oma ihn zum Anarchisten gemacht hatte, wie er in seiner Autobiographie »Granny Made Me an Anarchist« (2004) behauptet, ist nur ein Teil der Wahrheit. Tatsächlich hatte die alte Dame mit Anarchie nichts am Hut, sie schärfte dem Enkel jedoch ein, dass jeder etwas ändern könne und dass sich in dem von Klassengegensätzen beherrschten Vereinigten Königreich etwas ändern müsse. Stuart, der nach der Trennung seiner Eltern bei der Großmutter aufwuchs, ging zur Schule, bis er 15 war, den Besuch einer weiterführenden Schule konnte sich die Familie nicht leisten.

Er begann eine Ausbildung als Zahntechniker und kam bald mit der lebendigen Glasgower Folkszene in Berührung, in der viel über Politik diskutiert wurde. Der Kalte Krieg und der Rüstungswettlauf prägten die Debatten. Als die Nato plante, in Schottland nukleare Langstreckenraketen zu stationieren – sogar einige Hebrideninseln sollten deshalb entvölkert werde, ein geplanter Standort befand sich zudem in unmittelbarer Nachbarschaft zu Glasgow –, kam es zu Demonstrationen und Platzbesetzungen. Stuart engagierte sich in der schottischen Sektion der britischen Antikriegskampagne Committee of 100. Zudem war er frustriert: Weder die Labour-Partei noch die Gewerkschaften schienen ihm ernsthaft an der Überwindung des Kapitalismus interessiert; deshalb wandte er sich den Anarchisten zu und kam dort in Kontakt mit Exilspaniern, die die Hoffnung nicht aufgegeben hatten, Franco zu Fall zu bringen.

Wenn Stuart Christie später gefragt wurde, ob der Tyrannenmord gerechtfertigt sei, war seine Antwort immer dieselbe: Ja, wenn sich durch den Mord wirklich etwas ändern würde; nein, wenn sich wie im Fall des portugiesischen Diktators António de Oliveira Salazar durch ein Attentat nichts ändern würde. Salazar betreibe keinen ausgeprägten Personenkult, sondern vervollkommne in aller Stille ein repressives System, das auch ohne ihn funktioniere. Christie begann, die grundlegenden Schriften des Anarchismus zu studieren und veröffentlichte Bücher zu der Frage, wie der Anarchismus im Großbritannien der Gegenwart aussehen könnte. Seine Schriften und die seiner spanischer Weggefährten veröffentlichte er in seinem eigenen Verlag Cienfuegos Press. Zusammen mit Albert Meltzer gründete er das Magazin Black Flag und engagierte sich in der Gefangenenhilfsorganisation Anarchist Black Cross insbesondere für politische Gefangene im franquistischen Spanien.

Als die linksradikale Stadtguerillagruppe The Angry Brigade in England Anfang der Siebziger Bombenattentate auf Banken, Botschaften, einen Sendewagen der BBC und die Wohnhäuser konservativer Parlamentsmitglieder verübte, geriet Stuart Christie in Verdacht. Wer Diktatoren in die Luft sprengen will, legt auch Banken in Schutt und Asche, so müssen die Vertreter der Sicherheitsbehörden gedacht haben. Stuart wurde in Untersuchungshaft gesteckt und nach 18 Monaten freigesprochen, da ihm nicht die geringste Verbindung zu den Aktionen der Angry Brigade nachgewiesen werden konnte. Was sich nachweisen ließ, war hingegen, dass ein übereifriger Polizist in Stuarts Auto eine Handvoll Zünder platziert hatte, um für handfeste Beweise zu sorgen. Stuart Christie ging so in die britische Nachkriegsgeschichte ein: Niemals zuvor hatte ein Unschuldiger länger in Untersuchungshaft gesessen als er. Über seine Haft in Londoner Gefängnissen sagte er später mit seinem speziellen Humor: Wenn er die Wahl hätte zwischen einem spanischen Gefängnis unter General Franco und einem englischen unter Edward Heath, dem damaligen konservativen Premierminister, würde er jederzeit das spanische vorziehen. Allein schon, weil dort das Essen so viel besser gewesen sei.

Mit den Jahren wurde Stuart Christie zwar ruhiger, er publizierte aber weiterhin zum Anarchismus und war ein gefragter Gesprächspartner in Großbritannien und in Spanien. Zudem pflegte er seine Website, die eine Fundgrube ist für alles, was mit Anarchismus und mit der schottischen Folkszene zu tun hat, der immer noch seine Liebe galt. Seine Ehefrau und Weggefährtin Brenda Christie, die im Juli 2019 starb, hat er nur um ein Jahr überlebt. Erst wenige Wochen vor seinem Tod am 15. August wurde bei ihm ein aggressiver Krebs diagnostiziert. Es ging so schnell, dass sein Tod sogar für seine alten Freunde überraschend kam. Was bleibt, sind seine Bücher.

Stuart Christie: Meine Oma, General Franco und ich. Aus dem Englischen von Gabriele Haefs. Nautilus, Hamburg 2014, 416 Seiten, 24,90