Vor 100 Jahren entstand Paul Klees »Angelus Novus«

Der Engel wird 100

1920 schuf Paul Klee die Aquarellzeichnung »Angelus Novus«, die Walter Benjamin zu Reflexionen über das Wesen der Geschichte inspirierte. Das heute im Israel-Museum in Jerusalem aufbewahrte Bild hat auch seine Besitzer und Bewahrer beeinflusst.

»Diesseitig bin ich gar nicht fassbar«, schrieb Paul Klee 1920 in der Zeitschrift Der Ararat. »Denn ich wohne grad so gut bei den Toten, wie bei den Ungeborenen.« Diese »geistige Wirklichkeit«, die für den 1879 ge­borenen, 1940 gestorbenen Maler in den Jahren des Ersten Weltkriegs immer bedeutsamer wurde, war religiös konnotiert, verwies zugleich aber auf jene Sphäre, die die Surrealisten als »Zwischenwelt« interes­sierte: »Dorthin«, so Klee, »vermögen die Kinder, die Verrückten, die Pri­mitiven noch oder wieder zu blicken.« Diese Zwischenwelt war in Klees Bildern bevölkert von Engeln, die das Geschehen auf der Erde betrachten. Mehr als 80 Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde mit Engelsfiguren sind von Klee erhalten. Diese Engel seien ironisch und tragisch zugleich, hat sein Enkel Alexander Klee einmal angemerkt, sie seien nicht nur spirituell zu verstehen, sondern auch als ein Mittel, Abstand zu wahren, den Blick aus der Distanz auf das Weltgeschehen zu richten.

1918 entstand der »Angelus decendens«, ein farben­froher Engel, der mit ausgebreiteten Flügeln zur Erde hinabsteigt und die Dunkelheit des Ersten Weltkriegs vertreibt; ein Gegenstück zum zwei Jahre später entworfenen, ungleich düstereren »Angelus Novus«.

1906 zog Paul Klee nach München, freundete sich mit Franz Marc und Wassily Kandinsy an und wurde Mitherausgeber des einflussreichen ­expressionistischen Almanachs »Der Blaue Reiter«. 1916 erhielt Klee seine Einberufung zur Armee, zuvor hatte er vom Tod seines Freundes Franz Marc an der Front erfahren. Während seiner Soldatenzeit wurde er als Künstler bekannter, der Galerist Herwarth Walden stellte ihn 1916 und 1917 aus. In dieser Zeit begann Klee auch, sich intensiver mit der Figur des Engels zu beschäftigen. 1918 entstand der »Angelus decendens«, ein farbenfroher Engel, der mit ausgebreiteten Flügeln zur Erde hinabsteigt und die Dunkelheit des Ersten Weltkriegs vertreibt, ein Gegenstück zum zwei Jahre später entworfenen, ungleich düstereren »Angelus Novus«, jener Engelsfigur mit überragender Bedeutung im Werk Paul Klees. Vor allem Walter Benjamins Interpretation des Aquarells als »Engel der Geschichte« ist hier zu nennen. Die nur 31 mal 24 Zentimeter große Aquarellzeichnung mit Tusche und Ölkreide ist dank Benjamins Auseinandersetzung zu einem der bekanntesten Werke Klees avanciert. Unwillkürlich denkt man beim Betrachten des Engels an den Sturm, der »vom Paradiese« her weht und »sich in seinen Flügeln verfangen hat«, wie Benjamin zu dem Kunstwerk ausgeführt hat.

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Während seiner 100jährigen Geschichte hat das Bild nicht nur Walter Benjamin inspiriert und seine Schriften geprägt, es hat auch seine Besitzer und Bewahrer auf eine besondere Weise beeinflusst. Heute befindet es sich im Depot des Israel-Museums in Jerusalem und kann nur auf Anfrage betrachtet werden. »Das Bild beginnt, sich zu zersetzen«, erklärte mir eine Museumsmitarbeiterin vor ­einigen Jahren, als sie mich in die Depoträume begleitete. Kein Wunder, dass das Aquarell mittlerweile angegriffen ist; nicht viele Bilder ­haben eine vergleichbare Kontinente übergreifende Geschichte: Es wurde versteckt, verschifft und eingenäht in ein Jackett über Ländergrenzen geschmuggelt.

Walter Benjamin erwarb das Bild im Frühling 1921 in der Galerie Hans Goltz für 1 000 Reichsmark, als er seinen Freund Gershom Scholem in München besuchte. Dieser erinnert sich 1972 in einem Essay: »Er brachte mir das Bild mit der Bitte, es aufzubewahren, bis er in Berlin, wo große persönliche Schwierigkeiten in seinem Leben eingetreten waren, wieder eine feste Behausung haben würde.« Bis November 1921 hing es in Scholems Münchner Wohnung und inspirierte ihn im Juli des Jahres zum Gedicht »Gruß vom Angelus«, das er Benjamin zum Geburtstag schickte: »Ich bin ein unsymbolisch Ding / Bedeute was ich bin / Du drehst umsonst den Zauberring / Ich habe keinen Sinn«. Dies hielt Walter Benjamin jedoch nicht davon ab, nach einem Sinn in dem Aquarell zu ­suchen und dem Bild eine weitere Bedeutung einzuschreiben. Schon lange vor dem 1940 verfassten Text »Über den Begriff der Geschichte« hatte er sich mit dem Werk beschäftigt, als »Meditationsbild und Memento einer geistigen Berufung«, wie Scholem erzählt.

Paul Klee mit seiner Katze Fripouille im Atelier in Possenhofen, 1921

Bild:
picture-alliance / akg-images

1922 plante Benjamin eine Zeitschrift mit dem Titel »Angelus ­Novus«, der das Flüchtige der Gegenwart zum Ausdruck bringen sollte, wie er in einem Text über das nie realisierte Projekt ausgeführt hat: »Werden doch sogar nach einer talmudischen Legende die Engel geschaffen, um, nachdem sie vor Gott ihren Hymnus gesungen, aufzuhören und in Nichts zu vergehen. Dass der Zeitschrift solche Aktualität ­zufalle, die allein wahr ist, möge ihr Name bedeuten.« Auch in verschie­denen kürzeren Texten der zwanziger und dreißiger Jahre fand Klees Bild Erwähnung. Insbesondere in Zeiten existentieller Not kam Benjamin auf den »Angelus Novus« zurück. Den Sommer 1933 verbrachte er auf Ibiza, bevor er sich im September endgültig entschied, nach Paris ins Exil zu gehen. »Ich pflücke Blumen am Rand des Existenzminimums«, schrieb er von dort in einem Brief. In dieser Situation blickte Benjamin auf sein Leben zurück und stellte in dem kurzen Text »Agesilaus Santander« ausgehend von Klee Über­legungen zu seiner Herkunft, seiner jüdischen Identität und seinem Leben als Schriftsteller an. Der »Angelus Novus« war ihm dabei ein Sinnbild all dessen, was er verloren hatte: »Der Engel aber ähnelt allem, wovon ich mich habe trennen müssen: den Menschen und zumal den Dingen. In den Dingen, die ich nicht mehr habe, haust er.«

Das Aquarell musste Benjamin bei seiner Flucht aus Deutschland zurücklassen. Erst 1935 konnte eine Freundin es von Berlin nach Paris bringen, wo Benjamin zwischen 1933 und 1940 an 13 unterschiedlichen Orten lebte und am nicht vollendeten Pas­sagen-Werk arbeitete. Nach Kriegsausbruch wurde er im Herbst 1939 für drei Monate in einem Internierungslager im mittelfranzösischen Nevers festgehalten, nach seiner Rückkehr begann er, mit Unterstützung des mittlerweile in New York ansässigen Instituts für Sozialforschung seine Flucht aus Europa vorzubereiten und einen letzten Text zu verfassen: »Über den Begriff der Geschichte«.

»Der Krieg und die Konstellation, die ihn mit sich brachte, hat mich dazu geführt, einige Gedanken niederzulegen«, schrieb er im April 1940 an Gretel Adorno. »Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen«, heißt es in der neunten These in »Über den Begriff der Geschichte«. Es sei ein »Engel der Geschichte«, der zwischen Vergangenheit und Zukunft festhängt: »Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann.« Ausgehend von Klees Aquarell entwickelte Benjamin das Denkbild des »Engels der Geschichte«, das ihn zu Reflexionen über das Verhältnis von Geschichte, Tradition, Marxismus und Messianismus führte. Der Text verbindet Fortschrittskritik mit Kritik der Geschichtsphilosophie, einer Absage an die Idee eines »Weltgeistes«, der den Gang der Geschichte bestimmt. Stattdessen entfaltet sich vor den Augen des »Engels der Geschichte« eine »einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert«. Erlösung aus der Kata­strophe bringt, je nach Hintergrund der zahllosen Interpreten des Textes, ein Messias oder die Revolution: »Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse«, heißt es anderswo in »Über den Begriff der Geschichte«.

Als Benjamin im Juni 1940 gemeinsam mit seiner Schwester Dora nach Marseille aufbrach, um dort das von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer organisierte Einreisevisum in die USA abzuholen, hatte er das Aquarell von Klee nicht im Gepäck. Der »Angelus Novus« verblieb auch in Paris, als Benjamin aufgrund der geschlossenen Grenzen im September aufbrach, um über die Pyrenäen illegal nach Spanien zu gelangen. Aus Angst vor einer Auslieferung an die Deutschen nahm er sich in der Nacht vom 26. auf den 27. September 1940 im spanischen Grenzort Portbou das Leben.

Der »Angelus Novus« überdauerte die Zeit der deutschen Besatzung Frankreichs. Mitte der dreißiger Jahre hatte Benjamin Georges Bataille kennengelernt, der damals Bibliothekar an der Nationalbibliothek war und Benjamin pornographische ­Bücher für seine Recherche zu einem Essay besorgte. Mit dem 1897 geborenen Schriftsteller, an dessen inoffiziellem Collège de Sociologie Benjamin auch einen Vortrag halten sollte, verband ihn ein Interesse an der Grenzüberschreitung. In seinem Text über den Surrealismus hatte Ben­jamin etwa von der »Lockerung des Ich durch den Rausch« geschrieben, nach der auch Bataille suchte. Als Benjamin 1940 Paris verließ, vertraute er Bataille seine Aufzeichnungen zum Passagen-Werk, persönliche Unter­lagen sowie den »Angelus Novus« an. Bataille versteckte alles in der Nationalbibliothek, vermutlich ohne alle Standorte zu notieren. Noch 1981 entdeckte Giorgio Agamben dort verloren geglaubte Aufzeichnungen Benjamins, darunter viele Sonette und Gedichte. Das Aquarell und die Manuskripte übergab Bataille 1945 dem gemeinsamen Freund Pierre Missac, der sich bereit erklärt hatte, für die Verschiffung des Nachlasses von Benjamin an Adorno zu sorgen. Missac publizierte nach dem Krieg zahlreiche Texte zu Benjamin und verfasste kurz vor seinem Tod 1986 ­einen Essay zu den geschichtsphilosophischen Thesen, der in seiner asso­ziativen Struktur an Benjamins Herangehensweise erinnert, keine Texte der »Kontemplation, sondern im Gehen« zu verfassen.

Als Missac das Material 1947 über die US-Botschaft in Paris zu Adorno nach New York bringen ließ, war noch nicht bekannt, dass Benjamin in einem Testament von 1932 Gers­hom Scholem, der 1924 in das britische Mandatsgebiet Palästina aus­gewandert war, als Erben des Bildes eingesetzt hatte. Daher hing das Bild bis zu Adornos Tod 1969 in seiner Wohnung, zuerst in New York, später in Frankfurt am Main. In einem Brief an Scholem schrieb Adorno einmal in Zusammenhang mit dem Bild: »Noch möchte ich hinzufügen, dass mich die Vorstellung von den allzu vergänglichen Engeln aufs tiefste und merkwürdigste berührt hat.« Doch nicht nur der Engel hat ihn »berührt«, auch die mit dem »Engel der Geschichte« verbundene Kritik der Geschichtsphilosophie Benjamins ist in seinem Werk spürbar, wenn er etwa gemeinsam mit Horkheimer in der »Dialektik der Aufklärung« schreibt, die Vernichtungsfähigkeit des Menschen verspreche »so groß zu werden, dass tabula rasa gemacht ist. Entweder zerfleischt sie sich selbst, oder sie reißt die gesamte Fauna und Flora mit hinab, und wenn die Erde dann noch jung genug ist, muss auf einer viel tieferen Stufe die ganze Chose noch einmal anfangen.«

1961 setzte sich Adorno mit Benjamins Sohn Stefan wegen des Bildes in Verbindung und bekam von ihm die Erlaubnis, das Bild bis zu seinem Tod zu behalten. 1969 kam es auf der Trauerfeier für Adorno im Hause Siegfried Unselds zu einem Eklat, als Scholem, der inzwischen das Testament von 1932 gelesen hatte, Stefan Benjamin um den »Angelus Novus« bat. Dieser erkannte das Testament nicht an und bestand auf der Herausgabe des Bildes durch Gretel Adorno. Drei Jahre dauerte der Streit zwischen Benjamins Sohn und Scholem, währenddessen blieb das Bild in Gretel Adornos Frankfurter Wohnung. Erst als Stefan Benjamin 1972 starb, kam es zu einer Einigung: Unseld verständigte sich mit Stefan Benjamins Witwe auf eine Übergabe des Bildes. Anlässlich einer Feierlichkeit zum 80. Geburtstag Benjamins in Frankfurt war Scholem für den Vortrag »Walter Benjamin und sein Engel« eingeladen, anschließend überreichte Unseld ihm das Aquarell. Scholem schmuggelte es eingenäht ins Futter seines Jacketts nach Israel: »Ich machte mir Sorgen wegen des israelischen Zolls. Ist dir klar, was ich dort hätte bezahlen müssen?« lässt Carl Djerassi in seinem Theaterstück »Vier Juden auf dem Parnass« Scholem diese bizarre Episode der Geschichte des Bildes erklären.

Seit 1989 befindet sich der »Angelus Novus« im Israel-Museum in ­Jerusalem. Dass er heute zu fragil ist, um ausgestellt zu werden, fügt der Geschichte des zerbrechlichen Engels, den Walter Benjamin im Aquarell ­gesehen hat, eine weitere Facette hinzu. Allerdings ist das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Repro­duzierbarkeit nicht auf seine Existenz im Depot beschränkt; es ist heutzutage so präsent wie niemals zuvor.