Der Brandenburger Gruß und andere Grüßunfälle

Grüßen, bis der Arzt kommt

Der Brandenburger Gruß des Andreas Kalbitz.
Die preisgekrönte Reportage Von

Es ist ein Schlag in die Magengrube für viele in der AfD: Andreas Kalbitz, Anführer des rassistischen und antisemitischen »Flügels«, Ex-Mitglied der Republikaner, gern geladener Gast der Heimattreuen Deutschen Jugend und des RBB, außerdem aktuell Opfer eines gnadenlosen Parteiausschlussverfahrens, soll nicht nur ein glühender Rechtsextremist, sondern auch ein schlechter Mensch sein: Nachdem er seinem Brandenburger Parteifreund und Dennis Arschloch zur Begrüßung auf die Milz geboxt hat, geht ein Riss durch diese und die Partei. Die Personalie Kalbitz wächst sich zum Problem aus: »Alkoholkonsum und Kalbitz‘ aggressive Art« machen ­sogar dem Kommentator auf tagesschau.de Sorgen.

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Das Hohngelächter über Kalbitzens besonders deutschen Gruß will nicht verstummen – und lenkt doch davon ab, dass ähnlich burschikose Zärtlichkeiten in der deutschen Parteienlandschaft durchaus nicht die Ausnahme sind. Der Grußforscher Hanno Dach lehrt an der Uni Erlangen Salütologie: »Tiefschläge dieser Art sind leider kein exklusives Problem der radikalen Rechten.«

Besonders bekannt sei die sogenannte »Godesberger Umarmung«, die in der SPD nach wie vor zum Initiationsritus im Bundesverband gehört. »Dabei geht ein Seeheimer auf seine innerparteilichen Gegner zu, legt ihnen die Hände auf die Hüften und schlägt dann mit knappen, harten Schlägen die Nieren zu Klump. Wer dann noch stehen kann, wird Staatssekretär!« Dach verweist auf das männerbündlerische Element, besonders bei CDU und FDP: »Merkel hat in der CDU den Pistolengruß eingeführt – was uns wie eine bedrohliche Geste vorkommt, ist aber eine zahme, humanisierte Variante des sogenannten Strauß’schen Schießens, wo ein beliebter Parteikollege beim gemeinsamen Jagdausflug Opfer eines so titulierten ›Grüßunfalls‹ wird.«

In der FDP hingegen sei der so­genannte »Thüringer Schulterschluss« populär: »In einer Situation, die wie eine faschistische Machtergreifung aussieht, sucht ein FDPler sofort seitlich Körperkontakt zur Macht – um sich am nächsten Tag auf Twitter davon zu distanzieren.« Ob die Affäre Kalbitz taugt, die toxische Grüßkultur unter Berufspolitikern zu ver­ändern, weiß Dach nicht zu sagen: »Ich würde mir wünschen, dass wir bald wieder zu gesitteten Verhältnissen zurückkehren – zum guten alten Dolch in den Rücken etwa.«

 

Aus der Urteilsbegründung: Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.