Die Debatte über die Entmündigung von Britney Spears

Wer rettet Britney Spears?

Gegen die Entmündigung von Britney Spears formiert sich im Internet eine Bewegung, die den Popstar zur Emanzipationsikone stilisiert und ihre psychosozialen Probleme geflissentlich ignoriert. Dabei taugt die Geschichte der Sängerin vor allem als ein Gleichnis der Kulturindustrie.

Im Jahr 2007 veröffentlichte Britney Spears auf dem Album »Blackout« den von Pontus Winnberg und Klas Åhlund geschriebenen Song »Piece of Me«, der ob seines vorbehaltlosen Exhibitionismus zum Erschütterndsten gehört, was die Populärkultur in den vergangenen Jahrzehnten hervorgebracht hat. Darin stellt sich Spears als kulturindustrielles Traumprodukt und öffentliche Frau dar, deren Hintern millionenfach auf Magazinen prangt, deren Privatleben von der Mutterschaft über die Diät bis zur Depression unter Dauerbeobachtung der Öffentlichkeit steht und die noch aus ­ihrem körperlichen und psychischen Verfall ökonomischen Gewinn zu schlagen vermag.

Anzeige

»Piece of Me« ist nicht die Selbststilisierung ­einer Multimillionärin zum Opfer, sondern exekutiert, wie der Titel ausspricht, eine erbarmungslose Selbstzerstückelung: Ohne Rücksicht auf sich und die Industrie, die von ihr und von der sie profitiert, kotzt die Sängerin, deren Gestöhne sich in diesem Lied, punktiert durch peitschenhiebförmige Schlaggeräusche, als Stakkato der Schmerzensschreie erweist, ihrem Publikum die Bruchstücke ihrer Luxusexistenz vor die Füße, nur um sich noch besser und also schlechter darin einzurichten: »I’m Mrs. Lifestyles of the rich and famous / I’m Mrs. Oh my God, that Britney’s shameless / I’m Mrs. Extra! Extra! This just in / I’m Mrs. She’s too big now, she’s too thin«. Die Geste des Stars, der sich an diejenigen ­verschenkt, die ihm zujubeln, wird als masochistisches Selbstopfer erkennbar, bei dem es zwischen Erfolg und Erniedrigung, Orgasmus und Arbeit keinen Unterschied gibt.

Die kulturindustrielle Finte, wonach das »Indiviudum« als Ergebnis eines Zusammentreffens von Glück und Arbeit mit Ruhm und Reichtum belohnt werde, hat im Fall von Britney jeden schönen Schein eingebüßt.

Aus der Erkenntnis aber folgen nicht Rückzug, Rebellion oder Verweigerung, sondern endlose Sequels. Bei der »Piece of Me«-Tour, die von 2013 bis 2017 als gigantomanische Dauerveranstaltung in Las Vegas stattfand, reinszenierte Spears, umgeben von glamouröser und an­rüchiger Prominenz wie Lady Gaga, Beyoncé, Jennifer Lopez und Paris Hilton und unter Beteiligung von mehr als 1 000 Britney-Doppel­gängerinnen, den Ausverkauf ihres Lebens noch einmal in Endlosschleife.

Wer ein längeres kulturindustrielles Gedächtnis hat, dem mag »Piece of Me« wie die grausame und sachliche Reprise des Chansons »Poupée de cire, poupée de son« erscheinen, das Serge Gainsbourg mehr als 40 Jahre zuvor für France Gall geschrieben hatte und mit dem diese 1965 den Eurovision Song Contest gewann. Auch hier wird der weibliche Star als Kunstprodukt, als Puppe aus Wachs und Klang beschrieben, doch die durch den Zwang des Betriebs forcierte Selbststilisierung scheint Raum für Freiheit, für Koketterie und Charme zu bieten: Das kulturindustrielle Angebot, sich durch andere formen, ja neu erschaffen zu lassen, impliziert nicht allein die Gewalt, die sich jeder antun muss, der eine öffentliche Person ist, sondern auch die Verführung zum Rollenspiel und zur lebendigen Veränderung. Selbstverkunstung und Selbstbewusstsein schienen einander noch nicht auszuschließen, sondern womöglich zu begünstigen.

In »Piece of Me« ist diese Doppeldeutigkeit liquidiert, so dass dem Star einzig die Alternative zwischen Zerstörung durch Misserfolg und Zerstörung durch Karriere übrigbleibt. Darin schlägt sich nicht nur die Differenz zwischen der Massenkultur der sechziger Jahre und jener der Gegenwart nieder, sondern auch der Unterschied zwischen der angloamerikanischen und der westeuropäischen Populärkultur. Frankreich, das bis heute nichts daran findet, Exponenten der Unterhaltungsindustrie in den kulturellen Olymp zu erheben, hat die weiblichen Stars, die es hervorbrachte, stets paternalistischer, dadurch aber auch humaner behandelt als der von Kulturpathos völlig freie angloamerikanische Kulturbetrieb. Von Judy Garland über Marilyn Monroe und Janis Joplin bis zu Amy Winehouse hat sich dort ein Typus des weiblichen Stars ausgeprägt, der reicher und strahlender, aber auch depravierter erscheint als sein kontinentaleuropäisches Pendant – und meistens jünger stirbt. Unter den noch Lebenden verkörpert Britney Spears diesen Typus am deutlichsten.

Das Thema von »Piece of Me« ist der Zusammenhang von Erfolg und Entmündigung, der Spears’ eigenes Leben prägt – wenn sich denn von einem solchem sprechen lässt. Bereits vor neun Jahren versammelte sich eine Melange aus Fans, Frauenrechtlerinnen und Hobby-Medienkritikern unter dem Hashtag #FreeBritney, um ihren Star zu retten und auf dessen Situation aufmerksam zu machen. »If you need help, wear yellow in your next video«, hatte beispielsweise ein Fan gepostet und die vermeintliche »Antwort« der ­Angesprochenen in Form eines Fotos präsentiert, das die Künstlerin in ­einer gelben Bluse zeigt. Anlässlich eines im Juli erneuerten Unterhaltsprozesses wiesen die Rettungsbeflissenen so laut wie nie zuvor auf die Umstände hin, unter denen Spears seit fast 13 Jahren lebt und arbeitet.

Seit 2007, als sie infolge der Trennung von ihrem Mann, dem Tänzer Kevin Federline, der der Vater ihrer Söhne Jayden James und Sean ist, ­einen Zusammenbruch erlitt, lebte die heute 38jährige entmündigt unter der Vormundschaft ihres Vaters. Wie in der vergangenen Woche bekannt wurde, lehnte ein Gericht in Los Angeles den Antrag der Musikerin ab, Jamie Spears die rechtliche Vormundschaft zu entziehen. Sie soll vorerst bis einschließlich Anfang 2021 verlängert werden. Obwohl Spears weiterhin Alben veröffentlicht und auftritt – mit der »Piece of Me«-Tour verdiente sie Millionen –, hat sie keinen Zugriff auf ihre Konten, darf ihre Kinder nur unter Sicherheitsvorkehrungen sehen, kann ohne Zustimmung ihres Vormunds und ihrer Berater keine beruflichen Entscheidungen treffen und ohne Absprache weder verreisen noch einkaufen ­gehen. Ob die im Internet kursierenden Behauptungen zutreffen, es sei ihr untersagt worden, mit Sam Asghari, ihrem neuen Partner, Kinder zu bekommen, lässt sich ob all der kursierenden ­Gerüchte nicht überprüfen; sicher aber ist, dass sie wie keine andere Prominente die Konvergenz von Karriere und Selbstzerstörung verkörpert.

Die kulturindustrielle Finte, wonach das Individuum als Ergebnis eines Zusammentreffens von Glück und Arbeit mit Ruhm und Reichtum belohnt werde, hat im Fall von Britney jeden schönen Schein eingebüßt. Am Ende der Ochsentour, die sie 2013 in dem Song »Work Bitch« fast so grausam beschrieben hat wie in »Piece of Me«, steht nicht einmal die ­Illusion individueller Erfüllung, sondern nur die Plünderung des Ich, das nie etwas anderes als Plunder ­gewesen ist: keine Souveränität, sondern die Rückkehr in die väterliche Obhut, keine Selbstbestimmung, sondern die ökonomische und psychische Enteignung, kein jet-setting, sondern Isolationshaft in einem opulenten Freiluftgefängnis. Wenn ihre Follower in den Videos, die sie in ihrem riesigen Anwesen, aber niemals in der Außenwelt, beim Workout und beim Anprobieren von Kleidung zeigen, Botschaften vermuten, mit denen sie ihre Fans bittet, sie zu befreien, ist das zwar irre, besitzt aber eine gewisse Evidenz.

Seit Jahren scheinen ihre Auftritte in einem globalen Innenraum stattzufinden, abgeschlossen vom sozialen Leben, an dem sie kaum mehr teilnimmt. Trotzdem kommt es einer weiteren Entmündigung gleich, wenn Britney-Fans in ihr ein vom Patriarchat geknechtetes, gar einer Art Sharia unterstelltes Opfer sehen oder sie zur »Genossin« stilisieren, mit der Solidarität geübt werden müsse. Vielmehr hat sie sich über Jahrzehnte ebenso bewusstlos wie systematisch zu der Figur gemacht, als die sie nun vom Betrieb, dessen Geheimnis sie ausplaudert, verhöhnt wird. Von der im Alter der Pubertät getroffenen Entscheidung, sich Brustimplantate einoperieren zu lassen, die später entfernt werden mussten, bis hin zu dem selbst- und fremdschädigenden Sozialverhalten, das ihre Entmündigung begünstigte (im Zuge des Sorgerechtsstreits mit ihrem Ex-Mann verbarrikadierte sie sich im Januar 2008 samt ihrer minderjährigen Kinder in ihrer ­Villa), trägt ihre Biographie Züge ­einer Selbstzerstörung, die sie aktiv befördert hat.

Als France Gall über sich als Wachs in den Händen der anderen sang, haftete an diesem Bekenntnis zur freiwilligen Heteronomie der Schein des Besseren: die Idee, dass die ­Mimesis des Ich an die Welt ein freies Selbst erst ermöglichen könne. Indem die Kulturindustrie eine Kunstfigur wie Britney hervorbrachte, hat sie auch diesen schönen Schein entzaubert und das Bekenntnis zur Selbstverachtung zu ihrem eigenen Prinzip erhoben. Was bei Gall Großzügigkeit, Offenheit und eine Art artifizi­elle Naivität (verschlüsselt im Bild der Lolita) war, das hat der Betrieb in Britney endgültig auf den realistischen Kern reduziert: Der Star, der den Massen einst ein Leben in Luxus und Erfüllung vorspiegelte, ist gezwungen, sich selbst als die Schlampe bloßzustellen, zu der im fortgeschrittenen Kapitalismus jeder werden muss, der das falsche Allgemei­ne verkörpert. Geliebt werden kann nur, wer bereit ist, sich zu erniedrigen, während jeder, der die Erniedrigung auf sich nimmt, dafür verachtet wird. Allein dafür, dass sie in diesem Zirkel lebt und es ausspricht, verdient Britney Solidarität.