Das geschichtsrevisionistische Staatsspektakel am Yasukuni-Schrein in Tokio

Kirschblüten im Yasukuni-Schrein

Alljährlich veranstalten am 15. August, dem Jahrestag der Kapitulation Japans, in Tokio rechte Politiker ein kriegsverherrlichendes Spektakel. Faschistische Gruppen sind auch dabei.
Reportage Von

Während es in Deutschland und Österreich Initiativen gibt, den 8. Mai als Feiertag einzuführen, wird das Kriegsende in Japan weiterhin betrauert. Alljährlich am 15. August, dem Jahrestag der Radioansprache des Kaisers Hirohito, in der er die Kapitulation ankündigte (die Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde folgte am 2. September), veranstaltet der japanische Staat am Tokioter Yasukuni-Schrein ein kriegsverherrlichendes Volksfest; faschistische Gruppierungen sind daran stets beteiligt. Gegenaktionen linker und antifaschistischer Gruppen sind hingegen Randerscheinungen.

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Die Augen des alten Manns leuchten auf, als er erfährt, dass er es mit Journalisten aus Deutschland und Österreich zu tun hat. Hastig zieht er eine Plakette hervor, auf der NS-Soldaten abgebildet sind. »Helden! Keine Verbrecher«, steht auf Deutsch darunter. Der Mann trägt eine Wehrmachtsuniform und auf die Frage, ob er die dazu passende Geste auch beherrscht, reckt er den Arm zum Hitlergruß hoch. Der Mann in der Wehrmachtsuniform gehört zu einer Gruppe, die ansonsten in Uniformen der Kaiserlich Japanischen Armee aus dem Zweiten Weltkrieg posiert und für Dutzende Schaulustige ein Selfie-Motiv abgibt. Auch einige in Phantasieuniformen gekleidete Mitglieder militanter neofaschistischer Gruppen sind zu sehen. Rund um den Yasukuni-Schrei stehen ihre Busse, reich verziert mit faschistischen Slogans und der Kyokujitsuki, der Kaiserlich Japanischen Kriegsflagge.

Tausende Schaulustige stehen teils stundenlang an, um am Yasukuni-Schrein der im Zweiten Weltkrieg getöteten japanischen Soldaten zu gedenken.

Auf dem Weg zum Schrein findet ein Schaulaufen der japanischen extremen Rechten statt: Kleinstparteien halten Kundgebungen ab und verteilen Flugblätter, rechtsreligiöse Gruppen agitieren für die Wiedereinführung der japanischen Vorkriegsverfassung. Auch uigurische Gruppen und die Sekte Falun Gong sind anwesend und versuchen, die bei den Yasukuni-Besuchern weitverbreiteten antichinesischen Ressentiments für ihre Zwecke zu nutzen. An Merchandising-Artikeln gibt es unter anderem T-Shirts mit Konterfeis des stilistisch ebenso avantgardistischen wie politisch zutiefst reaktionären Schriftstellers Yukio Mishima zu kaufen, der sich 1970 nach einem missglückten Putschversuch seiner Privatmiliz gegen die japanische Armee das Leben nahm und seitdem in der japanischen Rechten als Märtyrer gilt.

Nur wenige Meter daneben stehen Tausende teils stundenlang an, um am Yasukuni-Schrein der im Zweiten Weltkrieg getöteten japanischen Soldaten zu gedenken. Seit 1978 gehören dazu auch 14 bei den Tokioter Nachkriegsprozessen wegen Verbrechen gegen die Menschheit verurteilte hochrangige Offiziere und Politiker des Kaiser-Staats. Auf dem Schreingelände befindet sich ein Museum, das den japanischen Imperialismus glorifiziert. Im Museumsshop wird eine reiche Auswahl an rechtsextremer Literatur feilgeboten.

Uniform wie in der guten alten Zeit: Cosplay am Schrein

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Gregor Wakounig

Für ein Gedenken der Opfer des japanischen Faschismus ist im Schrein hingegen kein Platz, stattdessen findet sich dort eine Vielzahl von Denkmälern und Statuen etwa für Kamikaze-Piloten sowie für getötete Militärhunde und -pferde. Die Normalität, in der Familien gemeinsam mit militanten Neofaschisten den Tempel besuchen, wirkt umso befremdlicher, wenn man sich vor Augen hält, welche Rolle der Schrein für das staatliche Gedenken spielt. International sorgen zwar vor allem offizielle Schreinbesuche japanischer Politiker vom Ministerpräsidenten abwärts – dieses Jahr war der Umweltminister Shinjirō Koizumi von der mächtigen nationalkonservativen Liberaldemokratischen Partei (LDP) anwesend – für Schlagzeilen, doch ist die Beziehung zwischen dem offiziell säkularen Japan und dem Yasukuni-Schrein durchaus tiefgehend.

Der Yasukuni, was übersetzt so viel wie »friedliches Land« bedeutet, wurde 1869 als Gedenkschrein für die Gefallenen des japanischen Bürgerkriegs erbaut. Nach dem Ende einer über 200 Jahre dauernden Selbstisolation strebte Japan danach, einen Nationalstaat und ein Nationalbewusstsein nach dem Vorbild westlicher Kolonialmächte zu erschaffen. Die Naturreligion Shintō, die fortan als ideologisches Fundament des neuen japanischen Kaiserreichs galt, wurde unter staatliche Kontrolle gestellt. Shintō-Schreine wurden zu Werkzeugen nationalistischer Propaganda, in denen die Verehrung des Kaisers bzw. Tennō sowie ein militaristischer Märtyrerkult gefestigt wurde, der in den japanischen Kolonialismus und letztlich den Tennō-Faschismus mündete.

Der Yasukuni-Schrein galt von Anfang an als zentrales Symbol des japanischen Totenkults. In den dreißiger Jahren wurde »Auf dass wir uns am Yasukuni wiedersehen« zum Abschiedsgruß japanischer Soldaten, bevor sie in den Krieg zogen. »Zwei Kirschblüten«, ein martialisches Kriegslied aus dem Zweiten Weltkrieg, beschreibt die Geschichte zweier Kamikaze-Piloten, die »wie zwei Kirschblüten für die Heimat fallen« und sich dann »im Yasukuni, der Hauptstadt der Blumen«, als Tote erneut treffen. »Zwei Kirschblüten« ­wurde auch dieses Jahr von zahlreichen Teilnehmern der Yasukuni-Feier gesungen. Seit den neunziger Jahren wird jährlich auf dem Gelände des Schreins auch ein nach dem Lied benanntes Militärmusikfestival abgehalten.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs waren Besuche des Tennō im Yasukuni-Schrein etwas Selbstverständliches und auch Vertreter aus dem Ausland, wie etwa eine Delegation der Hitlerjugend im Jahr 1937, waren gern gesehen. Nach Kriegsende versuchte die US-amerikanische Besatzungsmacht mittels einer Direktive, die Trennung von Shintō und Staat einzuleiten. Zentrale staatliche Shintō-Organisationen wurden verboten, infolgedessen wurde 1946 die »Vereinigung der Shintō-Schreine« gegründet, die die landesweit rund 80 000 Schreine betreut. Auf dem Papier ist sie eine private Organisation, faktisch aber ist sie aufs engste mit dem Staat verwoben. So gehören zur Vereinigung etwa die Shinseiren (Politische Shintō-Allianz), eine Tochterorganisation, die dafür eintritt, dass der Shintō das ideologische Fundament der japanischen Staats­politik sein soll. Mit Japans bisherigem Ministerpräsidenten Shinzō Abe als Vorsitzendem sollte das nicht allzu schwierig sein.

Schweigeminute für die gefallenen japanischen Soldaten

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Gregor Wakounig

Personell und ideologisch eng mit der Vereinigung der Shintō-Schreine verbunden ist die Nippon Kaigi (Japan-Konferenz), eine rund 40 000 Mitglieder umfassende rechtsextreme Organisation, die japanische Weltkriegsverbrechen leugnet und für eine Änderung der Verfassung eintritt. Diese bezeichnet Shinzō Abe, selbst Mitglied von Nippon Kaigi, als vom »Nachkriegsregime« aufgezwungen. Nippon Kaigi hält seit 1986 jährlich am 15. August im Yasukuni-Schrein eine Veranstaltung ab, auf der namhafte Figuren der japanischen Rechten auftreten.

Dieses Jahr fand die Veranstaltung von Nippon Kaigi wegen der Pandemie nicht auf dem Schreingelände in einem Zelt, sondern im Schrein vor nur wenigen Dutzend geladener Gäste statt; per Livestream wurde sie im Internet übertragen. Als Rednerin trat etwa die Sonderministerin für Frauenförderung, Haruko Arimura (LDP), auf, eine Abtreibungs- und Verhütungsgegnerin. Sie sagte, man solle die Landesverteidigung »nicht nur einer professionellen Armee überlassen«, sondern auch den »Informationskrieg, psychologische Kriegsführung und wirtschaftliche Mittel gegen China ins Feld führen«. Die Journalistin und Schauspielerin Nami Katsuragi sprach von der »Wahrheit, die seit dem Ende des großen ostasiatischen Kriegs durch Geschichtsmasochismus vertuscht wird«, und meinte damit das Konzept des hakkō ichiu. Der Begriff bedeutet soviel wie »alle unter einem Dach« und war ein ab 1940 vom Tennō-Regime benutzter Propagandaslogan, der die angestrebte Herrschaft Japans über Ostasien bezeichnete. Heute gehört uns Japan und morgen die ganze Welt, sozusagen. Katsuragi zufolge ist hakkō ichiu ein Friedensslogan – eine Behauptung, die sie damit bekräftigte, dass sie aus einem 1945 von der US-Besatzungsmacht wegen militaristischer Propaganda verbotenen und vor kurzem vom Unterrichtsministerium neu verlegten Schulbuch vorlas.

Schärfer noch äußerte sich der für seine ultranationalistischen Filme bekannte Regisseur, Fernsehproduzent und Autor Naoki Hyakuta. »Wegen der Friedenssenilität und der linken Mediendiktatur kann Japan keine entschlossene Haltung gegen China und Nordkorea an den Tag legen. Doch die Verfassung ist der Grund, wieso wir unser Land nicht eigenhändig verteidigen können«, sagte er in Hinblick auf Artikel 9 der Verfassung, der es Japan verbietet, Streitkräfte zu unterhalten. Hyakuta richtete einen Appell an die Jugend, mit dem er eine Linie zur faschistischen imperialen Armee zog: »Ich glaube zu wissen, was die verstorbenen Sol­daten euch sagen würden: Früher haben wir unser Leben gegeben, um euch zu beschützen. Jetzt seid ihr an der Reihe: Ändert die Verfassung, beschützt ­Japan!«

Am Ende der Veranstaltung wurde die Ansprache des derzeitigen Kaisers Naruhito auf der offiziellen staatlichen Gedenkfeier in der Tokioter Budōkan-Halle übertragen. Diese Feier wurde 1952 als unpolitisches Gegengewicht zur Yasukuni-Feier eingeführt und ursprünglich von der japanischen Rechten abgelehnt. Waren die Reden in den Anfangsjahren um einiges zahmer als am Yasukuni-Schrein, scheinen Geschichtsrevisionismus und die Darstellung Japans als Kriegsopfer mittlerweile auch hier durch. Der heutige Friede und Wohlstand Japans sei dem »edlen Opfer der Kriegsgefallenen« zu verdanken, so Shinzō Abe, der dieses Jahr ebenfalls in der Budōkan-Halle auftrat. Zu einem Eklat war es in der Halle bereits 2016 gekommen, als ein Teilnehmer nach der Ansprache des Tennō den historisch belasteten »Banzai!«-Gruß rief und dieser unisono vom ganzen Saal unter lautem Applaus wiederholt wurde. Der Tennō dankte es damals mit einer Verbeugung.

»Die staatliche Feier sieht so aus wie eine, die überall auf der Welt gemacht wird. Im Falle Japans ist es aber so, dass man nicht offen zeigen darf, dass man das Japan vor 1945 befürwortet. Der japanische Faschismus verlor ja gegen die amerikanische Demokratie. Insgeheim befürwortet man den Faschismus aber, deswegen können seine Inhalte auch so einfach in die staatliche Gedenkfeier mit einfließen«, sagt Satoru Iwata*, Gründungsmitglied des Hantenren, eines Bündnisses autonomer, linksradikaler Gruppen, das seit den neunziger Jahren Demonstrationen gegen die August-Feier im Yasukuni-Schrein ausrichtet. »Man fährt doppelgleisig. Für das westliche Ausland gibt man sich geläutert, aber mit den ehemaligen Kolonien gibt es eine richtige Auseinandersetzung über die Kriegsschuld«, so Iwata weiter.

Gegen Tennō und Schrein: Demonstration des Bündnisses Hantenren

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Gregor Wakounig

Es ist eine überschaubare Schar an Antifaschisten, die sich trotz der Pandemie zur diesjährigen Demonstration zusammengefunden hat – an die 100 Menschen, die allermeisten davon weit über 50 Jahre alt. Es geht nicht nur gegen den Yasukuni-Schrein und die staatliche Gedenkfeier, sondern gegen das nach Meinung der Demonstranten immer noch bestehende faschistische Tennō-System und den japanischen Staat an sich.

Ein martialisches Polizeiaufgebot, mehrere Hundertschaften schwer gepanzerter Bereitschaftspolizei, beglei­tet die Demo, die somit einem Wanderkessel ähnelt. Entlang der Route sind fast durchgehend Tretgitter aufgestellt. Von Anfang an versuchen militante Faschisten die Demo anzugreifen, die Polizei geht dazwischen. Gegen Ende passieren die Demonstrierenden eine große Kreuzung. In den vergangenen Jahren war dies ein Hexenkessel, Tausende Rechtsextreme versuchten, die Absperrungen zu überwinden, und warfen mit Gegenständen. Dank der Pandemie fanden sich dieses Jahr nur etwa 200 Rechte ein, die die Demonstration mit lautstarken Rufen begrüßten: »Tötet den Hantenren!«

»Zwei Kirschblüten«, ein Kriegslied aus dem Zweiten Weltkrieg, beschreibt die Geschichte zweier Kamikaze-Piloten, die »wie zwei Kirschblüten für die Heimat fallen« und sich dann im Yasukuni-Schrein als Tote erneut treffen.

»Nach japanischer Geschichtsschreibung ist der 15. August nichts weiter als der Tag, an dem der Tennō das Kriegsende verkündet hat. Am 14. August hat Japan die Potsdamer Erklärung (in diesem Dokument legten die USA, Großbritannien und China am 26. Juli 1945 die Bedingungen für die Kapitulation Japans fest, Anm. d. Red.) unterzeichnet, und am Tag darauf wird in Japan der Tennō gefeiert. Die verrückte Idee, dass der Tennō gütigerweise den Krieg beendet und den Frieden gebracht hätte, hat sich in weiten Teilen Japans eingebürgert«, sagt Satoru Iwata vom Hantenren-Bündnis im Gespräch. »Der Yasukuni-Schrein hat sich im Nachkriegsjapan weniger als ideologisch-religiöses Problem etabliert, sondern eher als einfacher Touristenort, den man einmal im Jahr besucht. Deswegen gibt es auch keine richtige Debatte darüber. Dass die Gesellschaft von so einem Denken durchdrungen ist, ist natürlich ein Problem.« Auf die Frage, wieso kaum junge Leute an der Demonstration teilnähmen, sagt er nur, dass die Anti-Tennō-Bewegung von denjenigen ins Leben gerufen worden sei, die die Kriegsgräuel mitbekommen hätten. Das Bewusstsein weiterzugeben, sei schwierig, da »die Massenmedien allesamt Tennō-Propaganda machen und Unsummen dafür ausgeben, die Geschichte zu verdrehen«.

Dabei gäbe es in Tokio durchaus Potential für größere antifaschistische Proteste. Seit 2013 hat es vor allem die Gruppe Counter Racist Action Collective (CRAC) geschafft, Hunderte Menschen zu erfolgreichen Straßenblockaden gegen rassistische Aufmärsche zu mobilisieren. Auf die Frage, wieso man nicht auch an der Demo gegen den Yasukuni-Schrein teilnehme, antwortet der CRAC-Sprecher Yasumichi Noma, dass es politische Differenzen gebe. Hantenren sei linksradikal, die Mehrheit der CRAC-Mitglieder aber sei linksliberal.

Das Thema des Tennō-Systems betrachte CRAC angesichts der neoliberalen und rassistischen Politik der Regierung Abe als weniger wichtig. »Die Anti-Tennō-Be­wegung, Linksautonome und K-Gruppen-Sekten haben das Problem neuer rassistischer Gruppen sehr oft einfach ignoriert«, sagt Noma und meint damit Gruppen wie die Zaitokukai, die in Japans koreanischen Wohnvierteln auf offener Straße Koreanerinnen und Koreaner angriffen und von Gruppen wie CRAC mehrmals erfolgreich blockiert wurden. Im Gegensatz zu neofaschistischen Organisationen alter Schule stellt die Zaitokukai nicht den Tennō, sondern aggressiven antikoreanischen Rassismus in den Mittelpunkt ihrer Propaganda. »Die Neue Linke sieht das Tennō-System oberflächlich und fundamentalistisch als Wurzel dieses neuartigen Rassismus à la Zaitokukai. Aber diesen neuen rassistischen Gruppen ist der Tennō egal, worauf die Linke keine Antwort fand. Unsere Bewegung ist aus der Kritik an dieser dogmatischen Sichtweise der radikalen Linken entstanden, weswegen wir uns zwangsläufig vom Hantenren abgrenzen«, sagt Noma abschließend.

Interessanterweise beteiligen sich aber auch jene Gruppen, denen Noma Desinteresse am Tennō nachsagt, sehr wohl an den Yasukuni-Feierlichkeiten. Es sieht nicht so aus, als würde der antifaschistische Widerstand gegen eine der größten rechtsextremen Veranstaltungen der Welt in naher Zukunft stärker werden.

* Name auf Wunsch des Interviewten ­geändert