Eine Kritik am Film »Cuties«

Gar nicht niedlich

Der französische Film »Cuties« über ein senegalesisches Mädchen, das mit Freundinnen tanzt, hat eine heftige Kontroverse ausgelöst. Eine Petition gegen seine Veröffentlichung auf Netflix wurde bereits über 600 000 Mal unterzeichnet.

Die Debatte über den Film »Cuties« (deutsch: die Süßen, die Niedlichen; im französischen Original: »Mignonnes«) begleitete diesen nicht von Anfang an. Am 23. Januar feierte er beim Sundance Film Festival Premiere, die Kritiken fielen positiv aus. Die Regisseurin Maïmouna Doucouré erhielt sogar eine Auszeichnung. Am 19. August lief der Film in den französischen Kinos an. Noch immer blieb die Empörung aus. Erst ein vom Kinoplakat abweichendes Filmposter des Streaming-Portals Netflix, das »Cuties« in sein Programm nahm, löste einen Eklat aus. Es bildeten sich zwei Lager: diejenigen, die den Film abgesetzt wissen wollten, noch bevor er auf dem Streaming-Portal zu sehen war, und diejenigen, die ihn verteidigten und ihn für eine gelungene Gesellschaftskritik hielten.

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Der Film spielt in Paris. Die 11jährige Amy ist mit ihrer Familie aus dem Senegal dorthin gekommen. In ihrer neuen Schule lernt sie gleichaltrige Mädchen kennen, die über Sex reden, Bilder von sich im Internet veröffentlichen und in knappen Outfits tanzen. Amy wird Teil der Clique, ­deren Mitglieder sich »Cuties« nennen.

Fasst man den Film so zusammen, wie ihn die Regisseurin verstanden wissen will, dann beschreibt er, welchen Gefahren die sozialen Medien Kinder (besonders junge Mädchen) aussetzen und dass diese versuchen, ihr Bedürfnis nach Aufmerksamkeit (die in der Familie eventuell Mangelware ist) dort zu stillen, wo ihre Körper der Sexualisierung und Objekti­fizierung ausgesetzt sind. Die Geschichte soll also als abschreckendes Beispiel, als eine Art Warnung fungieren.

Die meiste Zeit tragen die Bilder nichts zur Entwicklung der Geschichte bei. Die Sexualisierung der Kinderkörper dient hier als Mittel, um genau diese Sexualisierung zu kritisieren.

Diejenigen, die »Cuties« kritisieren, werfen dem Film die Hypersexualisierung von Kindern vor. Diese Leute scheinen vornehmlich aus dem rechten und / oder rechtskonservativen Lager zu kommen. Diejenigen dagegen, die die darstellerischen Mittel des Films angesichts seiner intendierten Aussage verteidigen, stammen anscheinend vornehmlich aus dem linken und linksliberalen Milieu. Auffällig ist, dass positive Rezensionen vor allem inhaltlich argumentieren, während diejenigen, die gegen den Film auf die Barrikaden gehen, meist nur Ausschnitte kennen und sich vorrangig an der Form abarbeiten.

Beiden Lagern scheint der Film als Vorwand zu dienen, um der Gegenseite moralische Verwahrlosung vorzuwerfen. Das rechte Lager wirft Linken vor, Pädophilen Tür und Tor zu öffnen, das linke Lager betrachtet Kritik an dem Film als rechtsextreme Schmierenkampagne, die rassistisch und sexistisch motiviert sei, weil die Regisseurin eine schwarze Frau ist.

Doucouré selbst, die auch das Drehbuch geschrieben hat, begegnete den Gegnern des Films sogar mit Verständnis: Ihr gehe es genau um die Kritik, die diese vorbrächten. Deswegen hoffe sie, wie sie in Interviews äußerte, dass eben diese Menschen sich den Film anschauten. Es gehe ihr um eine Welt, in der keine Hypersexualisierung von Kindern mehr stattfindet.

Handelt sich also alles bloß um ein Missverständnis? Keineswegs. Ein Großteil der Einwände gegen dem Film richtet sich nicht dagegen, dass dieser negative Aspekte von sozialen Medien und eine Sexualisierung von weiblichen (Kinder-)Körpern problematisiert. Kritisiert wird vielmehr die Wahl der Mittel, konkret die Präsentation der minderjährigen Darstellerinnen. Dieser Vorwurf ist nicht übertrieben. Die Filmbilder sind explizit – minderjährige Körper wurden für diesen Film sexualisiert. Dies erreicht die Regisseurin bewusst, etwa durch die ­Choreographie der Tänze, die Kameraführung, die Schnitte, (Zoom-)Effekte und die Geräuschkulisse (heftiges Atmen). Es gibt minutenlange Aufnahmen, die einfach nur Ausschnitte sexualisierter Körperstellen der jungen Mädchen zeigen. Die meiste Zeit tragen diese Bilder nichts zur Entwicklung der Geschichte bei. Die Sexualisierung der Kinderkörper dient hier als Mittel, um genau diese Sexualisierung zu kritisieren. Besonders auffällig ist, dass die jungen Darstellerinnen während ihrer lasziven Tänze direkt in die Kamera schauen, ein ungewöhnlicher Bruch im Film, der die problematische Sexualisierung der Mädchen noch verstärkt. Die extreme Kontroverse, die dieser Film ausgelöst hat, ist ein guter ­Beleg dafür.

Solche Aufnahmen machen es unmöglich, den Schutz der Darstellerinnen zu gewährleisten. Die Notwendigkeit dieses Schutzes haben die Regisseurin und alle, die diesen Film mit seiner expliziten Bildsprache für unproblematisch halten, anscheinend aus den Augen verloren.

Unabhängig von der Intention des Films grenzt seine ästhetische Form letztlich an Kinderpornographie. Die Schauspielerinnen, zum Beispiel die Hauptdarstellerin Fathia Youssouf Abdillahi, spielen nicht bloß Minderjährige – sie sind Minderjährige. Um eine Kritik an der Hypersexua­lisierung von weiblichen (Kinder-)Körpern auszudrücken, wäre eine solche Bildsprache nicht notwendig gewesen. Ein guter Film zeichnet sich unter anderem durch die Kunst aus, manches nicht explizit zeigen zu müssen. Ein fähiger Filmemacher arbeitet mit der Imagination des Zuschauers, um Emotionen hervorzurufen und zum Nachdenken anzuregen. Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, erwachsene Darstellerinnen zu engagieren, um die Rollen der Kinder zu spielen. Oder man hätte das Thema in einer Dokumentation abhandeln können. Dort hätte man die Jugendlichen, welche die Regisseurin nach eigenen Angaben zu ­Recherchezwecken befragt hat, über ihre Erfahrungen berichten lassen können.

In einem Interview mit Netflix sagte Doucouré, es sei ihr in dem Film darum gegangen, zwei Modelle von Weiblichkeit gegenüberzustellen: einmal die Weiblichkeit der traditionellen Mutter der Protagonistin Amy, die ein islamisches, senegalesisches Frauenbild repräsentiert, und einmal die Weiblichkeit einer Gruppe elfjähriger, aufreizend gekleideter Mädchen, die sich »die Niedlichen« nennen und das westliche, französische Frauenbild repräsentieren.

Die Protagonistin Amy könne, so Doucouré, das Leid ihrer Mutter fühlen, deren Mann im Film eine Zweitfrau heiratet, sehe aber gleichzeitig, dass ihre Mutter nichts unternimmt, um ihrem repressiven Umfeld zu entkommen. Sie beginne deswegen innerlich eine Revolte und wolle ihre eigene Freiheit durch das aufreizende Tanzen erreichen. Die Frage, die man sich der Regisseurin zufolge stellen soll, lautet: Ist das echte Freiheit – besonders wenn man ein Kind ist? Die Antwort darauf laute selbstverständlich nein. Die Protagonistin verstehe am Ende, dass sie ihren eigenen Weg wählen kann, führt Doucouré aus. Die tatsächliche Frage von »Cuties« laute demnach: Können Frauen wirklich entscheiden, wer sie sein wollen – also ohne sich über aufgezwungene Vorbilder zu definieren? Sie selbst sei wie ihre Hauptfigur in einer muslimischen Familie aufgewachsen und respektiere und liebe die muslimische Kultur. Ihr sei es wichtig gewesen, den Islam nicht einseitig negativ darzustellen.

In »Cuties« habe sie den Islam aus den Augen der Mutter der Protagonistin dargestellt, die denkt, dass sie alles akzeptieren müsse, was ihr ­widerfährt. Aber man sehe auch ­einen Imam, der zu ihr geht und ihr sagt: »Nein, in unsere Religion ­haben Frauen Rechte. Du musst das nicht alles ertragen, wenn du es nicht ertragen willst.« Doucouré betont, ihr sehr wichtig gewesen, diesen wahren, aber oft vergessenen Aspekt des Islam zu zeigen.

Tatsächlich stellt sich die Frage, wer beziehungsweise was in diesem Film wie dargestellt wird. Auf der einen Seite wird eine Gruppe Pariser Schulmädchen komplett überzeichnet: Sie tragen grotesk knappe Kleidung und auffälliges Make-up, bewegen sich kokett, sind »stutenbissig« und suchen permanent die Aufmerksamkeit und Bestätigung älterer Jungs. Auf der anderen Seite sind die Männer niemals gewillt, sich auf die Avancen der sich feilbietenden Mädchen einzulassen. Im Gegenteil: Sie scheinen vielmehr irritiert von ihnen zu sein. Die Männer nehmen hier die Rolle der Arglosen ein, zum Beispiel in einer Szene, in der die Mädchen auf einem Sportplatz herumstehen und auf eine Gruppe älterer, männlicher Teenager treffen. Die Mädchen genießen sichtlich die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird. Als einer der Jungen die Mädchen nach ihrem Alter fragt, rutscht der Protagonistin Amy die Wahrheit heraus. Daraufhin verlieren die Jungen das Interesse. Die anderen Mädchen rügen Amy für das Aussprechen der Wahrheit und bläuen ihr ein, beim nächsten Mal gefälligst zu lügen. In einer anderen Szene versuchen die Mädchen, einen älteren Jungen aus ihrer Schule zu verführen, indem sie ihm vulgäre Nachrichten schreiben. Als dieser merkt, dass die Nachrichten von Amy und ihren Freundinnen stammen, reagiert er verärgert und verweist darauf, dass diese ja »viel zu jung« seien. Die extremste Szene ist die, in der Amy versucht, ihren Cousin zu verführen, um ihr Handy wiederzubekommen. Sie zieht sich aus, legt lasziv den Finger an den Mund und kommt ihm ­näher. Der Cousin reagiert mit Aversion, schubst das Mädchen weg und fragt sie verärgert, ob sie spinne. In all diesen Szenen sind die Mädchen offensiv und die Jungs abgeneigt.

Das islamische Umfeld wird hingegen ambivalent gezeichnet. Einerseits tritt ein verständnisvoller Imam auf, der anscheinend das feministische Potential des Islam repräsentieren soll; auf der anderen Seite steht die Figur der Tante, die schon zu Beginn des Films, als Amy und ihre Mutter verschleiert in die Moschee gehen, predigt, dass Frauen ihren Männern gehorchen müssten. In einer anderen Szene, in der Amy überraschend ihre erste Periode bekommt, freut sich die Tante darüber, dass Amy nun erwachsen sei, und weist darauf hin, dass sie selbst in diesem Alter schon fast verheiratet gewesen sei. Der Film thematisiert jedoch an keiner Stelle sexuelle Gewalt, die direkt von Männern ausgeht.

Die letzten Minuten des Films zeigen, wie Amy tanzend auf der Bühne steht und begreift, dass das nicht ist, was sie wirklich möchte. Sie beginnt zu weinen und verlässt die anderen Mädchen noch während des Auftritts, um sich in den Arm ihrer Mutter zu flüchten. Diese schützt sie vor den anklagenden Worten der Tante. Während die Mutter bei der Hochzeit ihres Mannes mit dessen zweiter Frau ist, geht Amy in normaler Kleidung raus zum Seilspringen.

Die Aussage des Films könnte man folgendermaßen interpretieren: Zwar gibt es repressive Züge in islamischen Familien, aber im Ernstfall bietet die Familie doch eine schützende Gemeinschaft.

»Cuties« sei, so die Regisseurin, ein zutiefst feministischer Film mit ­einer aktivistischen Botschaft. Doch am Ende läuft der Film auf eine falsche Alternative hinaus: Er stellt eine völlig übertriebene Darstellung westlicher Mädchen einer untertriebenen Darstellung patriarchaler ­Familienverhältnisse gegenüber. In der islamischen Familie gibt es im Film zwar auch Probleme, aber mit sexueller Gewalt scheinen diese nichts zu tun zu haben.

Der Film scheint auch eine Reaktion auf die feministischen Debatten in Frankreich zu sein, die dort seit über 30 Jahren ausgefochten werden und sich nicht zuletzt um das Kopftuch und ein Kopftuchverbot in öffentlichen Einrichtungen drehen. Der Philosoph Alain Badiou polterte 2004 in seinem Text »Behind the Scarfed Law, There Is Fear« gegen diejenigen, die für ein Kopftuchverbot eintraten, und unterstellte ihnen, die in ihren Augen unterdrückte muslimische Frau dafür bestrafen zu wollen, ­unterdrückt zu sein. Weiter schreibt er: »Das Kopftuchverbot ist ein rein kapitalistisches Gesetz. Es verfügt die Enthüllung der Weiblichkeit. Mit ­anderen Worten: Es ist obligatorisch, den weiblichen Körper nach Markt­paradigmen zirkulieren zu lassen.« Hier schwingt die Behauptung mit, die Hypersexualisierung und Verwertung weiblicher Körper sei ein rein westliches Phänomen.

Auch »Cuties« reproduziert diese falsche Gegenüberstellung, anstatt sie zu hinterfragen. Der Film führt die Selbstobjektifizierung der Mädchen vor, die nicht nur tanzen, sondern wie Amy auch freizügige Fotos von sich in sozialen Medien teilen. Doch auch die Verschleierung von Frauen basiert auf einer Sexualisierung ihrer Körper. Dass für Frauen in westlichen Ländern die Wahl ihrer Kleidung, egal wie diese ausfällt, keine rechtlichen Konsequenzen hat, ist ein Unterschied ums Ganze zu ­islamischen Ländern, in denen Verstöße gegen die Kleiderordnung hart bestraft werden.

So hat der Film zwei Schwächen: Da, wo er Mechanismen und Dynamiken von sozialen Medien kritisieren will, perpetuiert er diese nur, am Ende bleiben nahezu kinderpornographische Bilder übrig. Und während der Film die Hypersexualisierung von Frauen in westlichen Gesellschaften (paradoxerweise gerade durch die Übertreibung) scharf ver­urteilt, scheitert er bei dem Versuch einer Kritik am islamischen Milieu.

Cuties (F 2020). Buch und Regie: Maïmouna Doucouré. Darstellerinnen: Fathia ­Youssouf, Médina El Aidi-Azouni, Esther Gohourou, Ilanah Cami-Goursolas, ­Maïmouna Gueye. Der Film kann bei Netflix gestreamt werden.