Die Ansichten Berlins in der Ausstellung »Gezeichnete Stadt«

Großstadttypen auf Papier

Die Ausstellung »Gezeichnete Stadt« thematisiert die schönen wie die düsteren Facetten der Stadt Berlin.

Ob Alt- oder Neuberliner, Kunstszenen-Insider oder nur gelegentlicher Besucher des White Cube: Die Ausstellung »Gezeichnete Stadt. ­Arbeiten auf Papier, 1945 bis heute« in der Berlinischen Galerie ist sehr ­sehenswert, und zwar sowohl unter soziologischem Aspekt, was das ­Lebensgefühl in Berlin, West und Ost, vor dem Mauerfall angeht, als auch mit Blick auf die interessanten künstlerischen Positionen.

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Es gibt wohl nicht viele Städte weltweit, die von derart vielen höchst unterschiedlich arbeitenden Künstlerinnen und Künstlern abgebildet wurden, ob es sich nun um Gebäude oder um seltsame Typen handelt, um die Ausgehkultur, um Spuren von Vergangenem oder um Identitäts­suchen in der anonymen Metropole. Die Faszination für die moderne Großstadt an sich ist aus der Kunst, die seit 1945 in Berlin entstanden ist, natürlich auch nicht wegzudenken.

Kaum eine Metropole haben Künstler durch die Epochen, von ausschweifenden Festen in der Weimarer Republik bis hin zu Krieg und Zerstörung, so oft dokumentiert und begleitet wie Berlin.

Berlin ist wie kaum eine andere europäische Stadt gezeichnet von seiner Geschichte: Fünf ­verschiedene politische Systeme erlebte die Stadt im vergangenen Jahrhundert. Und kaum eine Metropole haben Künstler durch die Epochen, von ausschwei­fenden Festen in der Weimarer Republik bis hin zu Krieg und Zerstörung, so oft dokumentiert und begleitet. Denn Berlin ist immer eine Stadt mit einer besonderen Anziehung für Künstler gewesen. Um die zwanziger Jahre oder den Zweiten Weltkrieg geht es in dieser Ausstellung aber nicht oder nur indirekt, sondern wenn überhaupt um den Kalten Krieg, denn die Werke sind ­allesamt nach 1945 entstanden.

Die Berlinische Galerie verfügt über eine der größten und wichtigsten Kunstsammlungen zur Stadt. In »Gezeichnete Stadt« werden über 175 Arbeiten von 96 Künstlerinnen und Künstlern ausgestellt. Im Vergleich zu vielen anderen Ausstellungen ist der Anteil der Künstlerinnen relativ hoch: Ein Drittel der Werke stammen von Frauen. Unter »Zeichnung« darf man sich hier einiges vorstellen, denn neben den sehr ­unterschiedlichen Stilen kommen auch sehr unterschiedliche Materialien vor, von Tusche über Collage bis hin zu Siebdruck. Nicht auf Papier, aber dennoch Teil der Ausstellung ist eine bemerkenswerten Audioarbeit des US-amerikanischen Künstlers Terry Fox, die die Mauer Berlins als Hörerlebnis wiedergibt.

»Gezeichnete Stadt« zeigt in sechs »Kapiteln« mit Titeln wie »Traum in Trümmern«, »Architektur – Struktur« und »Urbane Biotope« einige weltbekannte Künstler – unter anderem Rainer Fetting, K. H. Hödicke, Tal R, Tacita Dean und Wolf Vostell –, bietet aber auch viel Zeit und Raum für Entdeckungen und Wiederentdeckungen starker Künstlerbiographien wie Antje Fretwurst-Colberg, Friede­rike Klotz, Pia Linz, Gabriele Basch, Thomas Bayrle, Gertrude Sandmann, KP Brehmer, Werner Heldt, Evelyn Kuwertz und Susanne Mahlmeister. Die Ausstellung zeigt neben 40 westdeutschen Positionen 20 ostdeutsche, unter anderem von Florian Merkel, Monika Meiser, Klaus Ensikat und Dieter Goltzsche. Die Mehrheit der ausgestellten Künstler stammt aus Berlin und ist auch noch künstlerisch aktiv. Einige Werke ­bezeugen einen intensiven Blick von außen auf die Stadt, zum Beispiel von Künstlern wie Terry Fox, Antonio Saura oder Emilio Vedova.

Man staunt, wie düster und dunkel Berlin – hüben wie drüben, auf beiden Seiten der Mauer – doch bis 1990 gewesen ist. Viele Zeichnungen von Brandmauern und Ruinen geben ­hierüber beinahe dokumentarisch Auskunft.

So grau und bleiern Berlin auf manchen Zeichnungen wirkt, so knallig, farbig und poppig wird die Stadt in anderen Werken gezeigt. Der Zweite Weltkrieg, die Teilung, der Mauerbau und der Kalte Krieg stehen Berlins Reputation als Partymetropole nicht im Weg.

Den Betrachtenden begegnet auch das lasterhafte Berlin, ob als »Sin City« (Titel einer farbigen Collage von Mark Kubitzke), als »Dirty Dick« oder »Extasy« (beide Tal R). Oft sind großstädtische Typen das zentrale Bildmotiv, so die Comic-Köpfe von Antje Dorn, denen jeweils ein kuri­oser Satz in den Mund gelegt wurde (»Ich erinnere mich, dass ich es ­vergessen habe«), oder die bunten, menschlichen Monsterporträts in Heike Kati Baraths Arbeit »Nun gut, wer bist Du denn?«.

Man vermisst hier allerdings wichtige Vertreter des Kritischen Rea­lismus wie Wolfgang Petrick, Volker Diehl und Peter Sorge. In der Aus­stellung finden sich Werke von Klaus Vogelgesang, der als Nachfolger der eben genannten Künstler, die von den Sechzigern an sehr aktiv waren, zu betrachten ist, da er stark auf sie ­rekurrierte. Der Kritische Realismus war eine genuine Westberliner Stilrichtung, die Düsteres, Krasses und Skurriles hervorbrachte, insbesondere was Großstadttypen angeht. Man vermisst auch Blätter aus Gerd Winners berühmter Serie »Brandenburger Tor«, die dieses Symbol von Berlin eigentümlich schwankend zeigen und hier eigentlich nicht hätten fehlen dürfen. Marwans mit Aquarellfarben gemalte traumverlorene Figuren und schwere Köpfe finden sich zum Glück in der Ausstellung.

Egmont Schaefer, »Spaziergang«, um 1980

Bild:
Berlinische Galerie

Einige Künstlerinnen setzen sich mit Stadtplänen auseinander. ­Theresa Lükenwerk verwandelt sie in Linolschnitte, was ihnen eine »ehrwürdige Haltbarkeit« zu geben scheint, die es in Berlin gleichwohl bei seinen Veränderungen seit 1945 nie gegeben hat. Patrizia Bach ­bezieht sich mit ihren Stadtplänen auf Walter Benjamins Passagenwerk. Bernd Trasbergers ­Fotografiecollagen mit sprechenden Titeln wie »The Past of the Presence of the Past« verbinden klassizistische Architektur mit moderner, lassen das alte Berlin gelegentlich zitathaft aufscheinen. In vielen Werken lassen sich Spuren der Zeitgeschichte auf­finden, immer wieder schimmern auch Erinnerungen an das Berlin der Weimarer Republik hindurch. Die Wendezeit, bald auch schon eine historische Epoche, findet sich zum Beispiel bei Klaus ­Ensikats »Heißluftballon über Berlin« aus dem Jahr 1991, das den Ballonaufstieg subtil zu einem verbindenden Kollektiverlebnis am Himmel über Berlin werden lässt. Gerd Wessels undatierte Schwarzweißzeichnungen von comicartiger Knappheit fangen Mensch und Masse und sowie das Lebensgefühl in der undefinierbaren Stadt mit Titeln wie »Übergangslösung« ein.

Hier »Übergangslösung«, dort »Schichtzeichnung«: Friederike Klotz stellt unter diesem Titel verfremdete Ansichten Berlins als transparente dreidimensionale, aus Acrylglas gefertigte Objekte aus. Der Blick muss sich durch die geschichtete Stadt, was man sowohl räumlich als auch zeitlich verstehen kann, zum Horizont tasten.

Sehr eindrucksvoll sind die Zeichnungen der Britin Tacita Dean, die im Jahr 2000 mit einem DAAD-Stipendium in Berlin war und nun dauerhaft in der Stadt lebt. Ihre Ansichten suggerieren rein durch die Wahl der ästhetischen Mittel eine gewisse Schwermut. Über ihren ­Versuch, den flüchtigen Moment in Bildern festzuhalten, sagt sie: »Alle Dinge, von denen ich angezogen bin, befinden sich in einem Stadium des Verschwindens.« Die Vergangenheit, ob düster oder schön, taucht oft in der Ausstellung auf. Den Künstlerinnen und Künstlern ist, wie bunt und vielleicht sogar fröhlich auch immer ihre Zeichnungen geraten sind, offenbar doch die Vielschichtigkeit der Geschichte der Stadt mit ­jedem Strich präsent.

Die Ausstellung »Gezeichnete Stadt. Arbeiten auf Papier, 1945 bis heute« wird noch bis zum 4. Januar 2021 in der Berlinischen Galerie gezeigt.