Die berühmteste Frau Griechenlands: Ein Porträt von Melina Mercouri

Offensive Sensation

Sie war das Gesicht von Freiheit und Frauenemanzipation und trat gegen die griechische Militärdiktatur auf: Melina Mercouri wäre am 18. Oktober 100 Jahre alt geworden.

Überlebensgroß blickt sie auf die vorbeikommenden Passanten herab. Den linken Arm hat sie locker in die Hüfte gestützt, um ihren rechten Arm und ihren Hals baumelt Modeschmuck, in der Hand hält sie eine Zigarette. Ihr Oberteil ist tief ausgeschnitten, um die Taille ist ein weißer Gürtel geschlungen. Aber die einfache Kleidung gewinnt an dieser Frau an Eleganz, sie wird zum Kostüm einer Diva: Melina Mercouri. Das Graffito von Kleomenis Kostopoulos auf der Wand eines fünfstöckigen Hochhauses in der griechischen Stadt Patras zeigt die Sängerin und Schauspielerin in ihrer bekanntesten Rolle: als die Prostituierte Ilya aus Piräus in Jules Dassins Filmkomödie »Sonntags … nie!« von 1960. In seinem Wandgemälde zeigt Kostopoulos sie vor dem Parthenon-Tempel, dem größten Gebäude der Akropolis, und zitiert damit ein berühmtes Foto Mercouris. Dieses zeigt sie mit einem Blumenstrauß in der Hand, über 20 Jahre nach »Sonn­tags … nie!«, vor dem Parthenon stehend, wie sie winkt einer nicht sichtbaren Menge zuwinkt. Doch steht sie da nicht mehr als Schauspielerin, sondern als griechische Kulturministerin, die vom Britischen Museum die Rückgabe des marmornen Parthenon-Frieses forderte, das Lord Elgin um 1800 von dem Tempel nach London brachte und seither als »Elgin Marbles« bekannt ist.

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Melina Mercouri ist noch immer die berühmteste Frau Griechenlands. Sie war der Star einer Filmnation, die nur selten große Aufmerksamkeit erhält. Und sie war eine einflussreiche Politikerin in einem Land, in dem Frauen, bis heute, nur selten an der Regierung beteiligt sind. Die 1994 an Lungenkrebs verstorbene Mercouri wäre am 18. Oktober 2020 100 Jahre alt geworden.

In all ihren Filmen haben Mercouris Figuren etwas Offensives, zuweilen Aggressives. Das gibt ihrem Spiel eine sensationelle Manieriertheit, die man heute noch in den Drag-Shows in Athen wiedererkennt.

Bevor Mercouri mit »Sonntags … nie!« (1960) und »Topkapi« (1964) zum Weltstar aufstieg sowie im deutschsprachigen Raum mit dem Lied »Ein Schiff wird kommen« ­einen Hit landete (1960), war sie auf den Bühnen von Athen zu Berühmtheit gelangt. Erst mit 35 Jahren gab sie 1955 in Michalis Kakogiannis’ »Stella« ihr Kinodebüt. Gedreht in den Straßen der Athener Altstadt und am Hafen von Piräus, machte der Film als Melodrama im Stil des Neorealismus Furore. In Griechenland ist »Stella« zum schwulen Kultfilm geworden, nicht nur, weil Kakogiannis, Komponist Manos Hadjidakis und Set-Designer Giannis Tsarouchis schwul waren, sondern auch wegen Mercouris Darstellung einer Frau, die alles, am Ende auch ihr Leben, für ihre sexuelle Freiheit gibt. Stella ist eine Sängerin, deren Leben mit Bouzouki-Musik unterlegt ist. Sie tritt in einer Taverne auf und schwärmt für den Glamour Hollywoods. Für Schmuck und teure Kleider fehlt Stella das Geld. Doch träumt sie nicht vom Aufstieg, auch nicht von einer bürgerlichen Ehe. ­Einer ihrer Liebhaber kann das Selbstbewusstsein Stellas nicht ertragen und ermordet sie aus verletzter ­Macho-Ehre. Mit einem Messer bewaffnet steht er ihr auf einer menschenleeren Kreuzung gegenüber, warnt sie, sich ihm nicht zu nähern. Langsam geht Stella auf ihn zu, steht vor ihm, und der Mann sticht zu – ein Moment wie aus einer antiken Tragödie.

Über 50 Jahre später ließ Panos H. Koutras Stella auferstehen. Im Film »Strella« von 2009 setzte er der herausfordernden Figur ein Denkmal. Strella, gespielt von Mina Orfanou, lebt als transsexuelle Prostituierte in Athen. Eine Liebesbeziehung mit dem aus dem Gefängnis entlassenen Giorgos gemahnt an die griechische Mythenwelt. Koutras, der »Strella« vollkommen unabhängig drehen musste, zitiert den Film von 1955 mehrmals. In einem Nachtclub treten Dragqueens als Mercouri auf und singen Lieder aus »Stella«. Und auch die Mercouris Rolle als Ilya aus »Sonntags … nie!« zitiert Koutras ­filmisch.
In der überdrehten Komödie »Sonntags … nie!« ist das Lied »Ein Schiff wird kommen« der berührende Höhepunkt. Der US-amerikanische Tourist Homer Thrace, der die klassische griechische Kultur verehrt, lernt in Athen die Prostituierte Ilya kennen. Während er versucht, sie mit Kunst, Kultur und Psychoanalyse auf den »richtigen« Weg zu bringen, versteckt sie Schallplatten mit der von ihr geliebten Popmusik hinter Vivaldi und Beethoven. Am Ende bekennt sich zu dieser Liebe. In »Sonntags … nie!« geht es nicht um die Erziehung des einfachen Straßenmädchens wie in »My Fair Lady« oder »Pretty Woman«. Am Ende gewinnen Ilya und mit ihr die anderen Prostituierten, die in den Streik treten und sich gegen die Zuhälter durchsetzen.

Hauptadarsteller, Regisseur und Autor des Films war der US-Amerikaner Jules Dassin, den Mercouri 1966 heiratete. Die beide blieben bis zum Tod Mercouris 1994 ein Paar. Dassin hatte seine Karriere im Genre des Film noir in Hollywood begonnen, war in der McCarthy-Ära als Mitglied der Kommunistischen Partei auf die schwarze Liste gesetzt worden und arbeitete ab den fünfziger Jahren in Europa. Mit ihm zusammen drehte Mercouri in den folgenden Jahren ihre meisten Filme, aber auch mit anderen politischen Regisseuren wie Joseph Losey und Vittorio De Sica. In all diesen Filmen haben ihre Figuren etwas Offensives, zuweilen Aggressives. Das gibt ihrem Spiel eine sensationelle Manieriertheit, die man heute noch in den Drag-Shows in Athen wiedererkennt.

1967 putschte sich die Armee in Griechenland an die Macht und setzte die demokratisch gewählte Regierung ab. Oppositionelle wurden verhaftet, auf den ägäischen Inseln entstanden Internierungslager und es kam zu Hinrichtungen. Während der Widerstand im Land brutal unterdrückt wurde, blieb der Protest der Vereinigten Staaten eher verhalten. Mercouri hielt sich wegen der Broadway-Aufführung von »Sonntags … nie!« zu der Zeit in den USA auf. Sie blieb im Exil und wurde neben anderen prominenten Künstlern wie dem Schriftsteller Vasilis Vasilikos und der Sängerin Nana Mouskouri zu einem der wichtigsten Gesichter der exilierten Opposition. Lieder wie »Ein Schiff wird kommen« wurden ebenso aus Protest gesungen wie die von Mikis Theodorakis, der versteckt in Griechenland lebte. Mercouri trat bei Galas auf, hielt ­Reden und organisierte Spendenveranstaltungen. Außerdem rief sie zu ­einem Boykott Griechenlands auf. Als ihr deshalb die griechische Staatsbürgerschaft entzogen wurde, schleuderte sie dem Innenminister des ­Obristen-Regimes die Aussage entgegen: »Ich bin als Griechin ­ge­boren und werde als Griechin sterben. Herr Pattakos ist als Faschist geboren und wird als Faschist sterben.« Mercouri verkörperte auf der Leinwand immer wieder das Bild ­einer Griechin, die sich nach Freiheit und Unabhängigkeit sehnt.

Nach dem Sturz der Militärjunta in Griechenland zog sich Mercouri von der Schauspielerei zurück und wurde Politikerin. In der Regierung der Pasok unter Andreas Papandreou verfolgte sie von 1981 bis 1989 ihre Vorstellung von sozialistischer Kulturpolitik um, die die Begeisterung für die Europäische Union mit einem griechischen beziehungsweise hellenistischen Selbstbewusstsein verband. So befreite sie Griechen und solche, die griechische Ahnen nachweisen konnten, von Eintrittsgebühren in Museen und archäologischen Ausgrabungsstätten. Damit wollte Mercouri die Bevölkerung erziehen, sie an das antike Erbe heranführen. Auf ihre Anregung geht auch die Benennung europäischer Kulturhauptstädte zurück, deren erste 1985 Athen war. Mercouri, die sich in den siebziger Jahren für einen Boykott Griechenlands eingesetzt hatte, wusste um die Bedeutung der Kultur für den Tourismus, den sie mit dieser Initiative stärkte.
Am 6. März 1994 starb Mercouri in New York im Alter von 73 Jahren an Lungenkrebs. Nach ihrem Tod wurden Stiftungen gegründet, die ihren Namen tragen. Die Melina Mercouri Foundation veranlasste den Neubau des Akropolismuseums. Doch auch über solche eher offiziellen Vermächtnisse hinaus wirkt das Erbe Mercouris in Griechenland fort. Sie verkörperte nicht nur das Land selbst, sondern auch die unangepasste Frau und deren Sehnsucht nach Liebe, selbstbestimmter Sexualität und Freiheit.