Dirk von Gehlens Kulturgeschichte der Memes

Die Ohrwürmer des Internet

Platte Buch Von

»Digitale Bildkulturen« ist eine Buchreihe im Verlag Klaus Wagenbach, die seit 2019 erscheint und sich mit der Ikonographie der Gegenwart und ihren ästhetischen, sozialen und politischen Dimensionen beschäftigt. Herausgegeben werden die Kurzessays von der Kultur- und Medienwissenschaftlerin Annekathrin Kohout und dem Kunstwissenschaftler Wolfgang Ulrich. Im Rahmen dieser Reihe hat sich der Journalist Dirk von Gehlen, der bei der Süddeutschen Zeitung das Ressort Social Media leitet, nun mit dem Phänomen des Meme beschäftigt.

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Memes, also Motive, die aus Bildern, Texten und Websites montiert und herumgeschickt werden, seien die »Ohrwürmer des Internets«, die optische Entsprechung einer Melodie, die dauerhaft im Kopf bleibt. Memes seien »unglaublich mächtige Aufmerksamkeitsmaschinen«, die auf dem Prinzip des Kopierens, Adaptierens und Referenzierens beruhen. Wie ein Ohrwurm »sich quasi ins Gehirn klebt und dort ohne echte Musik weiterspielt«, so verbreiteten sich, schreibt von Gehlen, auch Memes immer weiter. Der Bruch mit dem ursprünglichen Kontext, das Spiel mit den Metadaten, mache die Beliebtheit von Memes aus. Verstehen könne diesen Bruch nur, wer den passenden digitalen Dialekt beherrsche – was wiederum soziale Zugehörigkeit und Distinktionsgewinn verspreche.

Das sind einige der Aspekte, die von Gehlen in seinem Kurzessay behandelt. Leider kommt darin die politische Einordnung des Phänomens der Memes etwas zu kurz. Nur angerissen wird beispielsweise die Produktion, Distribution und Rezeption von Memes in der Alt-Right; Fragen zur Meinungsbildung und Debattenkultur in der digitalisierten Öffentlichkeit werden nur gestreift. Gesellschaftstheoretische Fundierung fehlt in dem Büchlein durchgehend.

Dirk von Gehlen: Meme. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020, 80 Seiten, 10 Euro