Der Film »Und morgen die ganze Welt« strotzt vor Klischees über Linke

»Hassis und Herz«

In ihrem Spielfilm »Und morgen die ganze Welt« will die Regisseurin Julia von Heinz Sympathien für die Antifa wecken. Aber der Film verfestigt nur das Klischee einer Bewegung verwöhnter Mittelschichtskinder, die keinerlei politische Motive haben.

»Wo sind all die Linksradikalen mit dem Schießgewehr? Und wann schießen sie auf Nazis, schala oh yeah.« Die Eingangsszene lässt an den Refrain des Egotronic-Songs »Links­radikale« denken. Wütend stapft die Antifa-Heroin durch Wald und ­Wiese, die Flinte in der Hand. Für einen Moment wirkt sie ratlos, fast verzweifelt. Aber nicht lange. Beinahe wäre sie gestrauchelt, doch dann strafft sie sich und nimmt eine entschlossene Haltung an. Schließlich steht sie auf der Seite der Guten – genau wie der Film von Regisseurin ­Julia von Heinz. »Und morgen die ganze Welt« versucht, sich dem linksradikalen Milieu zu nähern, und zeigt, dass Steinewerfer und Nazi-Verklopper das Herz am rechten Fleck haben. Dem Zuschauer wird der Eindruck vermittelt, dass der politische Kampf gegen rechts mit Wut zu tun hat und sehr viel Gefühl zu linkem Bewusstsein führt.

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Mit Theorie hält sich von Heinz, die gemeinsam mit John Quester auch das Drehbuch geschrieben hat, nicht auf. Auch die übersichtliche Handlung gehorcht einer Dramaturgie, die schnell von einem Höhepunkt zum nächsten führt. Protagonistin Luisa (Mala Emde) stammt aus ­einem gutbetuchtem Elternhaus in ländlicher Gegend. Sie studiert Jura in einer Großstadt. Im Seminar hört sie zum ersten Mal vom Widerstandsrecht im Grundgesetz: »Gegen ­jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.« In Luisas Umfeld werden die Kriterien für legitimen Widerstand ausgiebig diskutiert, damit auch alle Zuschauer diesen Punkt mitbe­kommen.

Allzu oft kommt der Film nicht über jene Klischees hinaus, die er zu kritisieren vorgibt. Das beginnt mit dem Motiv des »Landeis«, das erst in der wilden Großstadt auf umstürzlerische Gedanken kommt. Auf dem angeblichen kulturellen Gegensatz zwischen Stadt und Land fußt auch so manche Erklärung für den Aufstieg des Populismus.

Auf einer Antifademonstration lernt Julia Leute aus einem linken Hausprojekt kennen und freundet sich mit Alfa (Noah Saavedra) und Lenor (Tonio Schneider) an. Die beiden jungen Männer gehören zu ­einem autonomen Antifa-Netzwerk, das Angriffe auf Nazidemonstrationen organisiert. Bald ist Luisa mit dabei. Gemeinsam hebt das Trio ein Sprengstoffdepot von Rechtsterroristen aus. Damit geraten sie in den Blick des Verfassungsschutzes. Dietmar (Andreas Lust), ein ehemaliges Mitglied der Revolutionären Zellen, gewährt den dreien Unterschlupf und grantelt: Warum die jungen Linken denn nicht lieber Fundamentalopposition übten, will er wissen. Schließlich hilft ein Anwalt den jungen Leuten aus der Patsche. Am Ende findet Luisa zurück ins bürgerliche Leben. Wie von Zauberhand gesprengt, fliegt im Schlussbild ein Naziladen in die Luft.

Eigene Erlebnisse sollen Julia von Heinz inspiriert haben. »Ich war bei der Antifa«, wird sie in der Presse zitiert. Der Stoff basiere auf realen Ereignissen, auch wenn er nicht ­autobiographisch sei. Es sei ihr ein Bedürfnis gewesen, die Geschichte zu erzählen – im Unterschied zu Auftragsarbeiten wie »Hanni & Nanni 2« (2012) und »Ich bin dann mal weg« (2015). Um den politischen Anspruch zu betonen, trugen Regisseurin und Team auf dem diesjährigen Filmfest von Venedig Masken, auf denen die Namen von Menschen aufgedruckt waren, die von Neonazis ermordet worden waren – eine pathetische Geste, die angesichts eines nur vordergründig politischen Films un­angemessen wirkte.

Allzu oft kommt der Film nicht über jene Klischees hinaus, die er zu kritisieren vorgibt. Das beginnt mit dem Motiv des »Landeis«, das erst in der wilden Großstadt auf umstürzlerische Gedanken kommt. Auf dem angeblichen kulturellen Gegensatz zwischen Stadt und Land fußt auch so manche Erklärung für den Aufstieg des Populismus. In der Stadt also wird Luisa rebellisch; ein Verwandter der jungen Frau kommentiert das altväterlich: »Wer mit 30 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.« Lasst sie mal spielen, soll das wohl heißen.

Doch Alfa macht ernst, schließlich ist er schon dem Namen nach ein Alphamännchen, das im richtigen Moment zur Stelle ist. Als rechte Schläger Luisa in Bedrängnis bringen, greift Alfa ein. Natürlich ist dieser frauenrettende Held charismatisch und sexy, weshalb die verliebte Luisa ihm auf seiner antifaschistischen Mission folgt. Unterdessen dreht sich im queer-bunten Hausprojekt alles um Party, Haarefärben und Liederabende. »Keine Gewalt« wird hier zum Mantra, Plakat und Trillerpfeife sind die Protestmittel der Wahl. Blockaden und andere Formen des zivilen Widerstands kommen nicht vor. Schwarzweiß ist diese Welt zwischen Gendersternchen und Faustrecht. Die Militanzdebatte wird drastisch verkürzt: Die Hausbesetzer wollen nicht mit Gewalt in Verbindung gebracht werden, weil sie die Räumung fürchten.

Völlig unvermittelt stellt der Film immer wieder Bezüge zum Terrorismus her. Interessanterweise weiß das ehemalige Mitglied der Revolutionären Zellen mit dem Sprengstoff der Neonazis umzugehen. Plakativer kann man die Extremismustheorie, die Gleichsetzung von rechts und links, wohl kaum ins Bild setzen. Da fügt sich auch der Filmtitel ein: ­Warum er diese Zeile aus dem verbotenen Marschlied der Hitler-Jugend, »Es zittern die morschen Knochen«, aufgreift, erschließt sich nicht, es sei denn, man wolle Nazis und Antifas gleichsetzen.

Ästhetisch bewegt sich der Film im biederen Rahmen einer deutschen Fernsehproduktion. Es wird gern geschrien, aufdringliche Gestik und Mimik soll große Gefühle ausdrücken. So muss Mala Emde als Luisa immer wieder die Augen weit aufreißen, wenn sie emotional überwältigt scheint. Insgesamt bleiben die Figuren blass. Es ist eine typische Coming-of-Age-Geschichte, die plump in einem Umfeld angesiedelt wurde, das die Regisseurin unter Antifa versteht. Ein paar Überzeugungen, auf die man sich einigen kann, sorgen für den Zusammenhalt der weltoffenen Jugend: »Gästelisten sind eli­täre Scheiße.« Der Film erweckt den Eindruck, bei der Antifa handele es sich um einen Zusammenschluss verwöhnter Bürgerkinder, deren Herkunft es ihnen erlaubt, moralisch zu urteilen. Damit transportiert der Film eine Vorstellung, die ohnehin oft auf die radikale Linke projiziert wird.

Es versteht sich, dass ein Spielfilm keine Debatten führen kann. Aber ein bisschen komplexer hätte man die Protagonisten schon anlegen können. Dass die Regisseurin erklärtermaßen Sympathien für die antifaschistische Arbeit wecken möchte, mag man oft kaum glauben. Sie zeigt Bürgerkinder in Aktion, wie sie die Ermittlungsbehörden nicht anders zeichnen würden.

»Um Logik und echte Nöte geht es dabei aber auch nicht. Ein wenig Robin-Hood-Attitüde macht das vergnügliche Zerstören des Eigentums anderer zu einer regelrechten Heldentat«, hieß es jüngst in der Titelgeschichte des von der Gewerkschaft der Polizei herausgegebenen Magazins über den Werdegang von »Linksextremisten«. »Und zur Not hilft der von Papi gesponserte ­Anwalt. Wenn dann das Studium irgendwann abgeschlossen und der Wunsch nach Eigentum und Status größer ist als der Hang, mit Sturmmasken durch Berlin, Leipzig oder Hamburg zu rennen, dann wird der schwarze Hoodie abgelegt und gegen eine gebügeltes und gestärktes Hemd eingetauscht.« Das beschreibt leider auch genau den Plot des Heinz’schen Films.

Und morgen die ganze Welt (D/F 2020). Regie: Julia von Heinz, Darsteller: Mala Emde, Noah Saavedra, Tonio Schneider. Filmstart: 29. Oktober