In Bangladesh herrscht Lynchstimmung

Ein Lynchmord im Namen Allahs

Muslimische Fanatiker von Pakistan bis Bangladesh sprechen vom Licht des Koran und meinen die Hölle auf Erden.
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Viele haben Beschreibungen des Höllenfeuers in ihren heiligen Lieblingsbüchern gelesen, sei es die Bibel oder der Koran. Die Sünder werden in das Inferno gesteckt, während die Engel des Todes deren Verbrennung beaufsichtigen. Diese Vorstellung göttlicher Strafe inspirierte bedeutende Kunstwerke wie die »Göttliche Komödie« des italienische Dichters, Politikers und Philosophen Dante Alighieri (1265–1321), der bildhaft die »neun Kreise der Hölle« beschrieb. Und dann gab und gibt es jene Eiferer, die darauf brennen, die Hölle auf Erden nachzuahmen.

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Eine solche Vorschau auf die Hölle bietet ein Videoclip von zwei Minuten und 49 Sekunden, der zeigt, wie ein religiöser Mob einen Mann verbrennt. »Allahu Akbar«, rufen die Täter – Gott ist groß –, und: »Verbreitet das Licht des Koran in jedem Haus!« Was sich tatsächlich rasant verbreitete, war jedoch das Video im Internet. »Sieht so die Hölle aus?« fragt man sich, wenn man sieht, wie Beistehende den brennenden Körper mit Stöcken stoßen, damit die Hände und Beine möglichst gleichmäßig versengen. Die Nachricht von dem Lynchmord machte weltweit Schlagzeilen. »Hunderte von Menschen schlugen und lynchten in einer Stadt in Bangladesh einen Mann, der angeblich das heilige Buch der Muslime entweiht hatte«, berichtete die Nachrichtenagentur AFP. Der Mob hatte den Mann am 29. Oktober in dem im Norden Bangladeshs liegenden Distrikt Lalmonirhat zu Tode geprügelt. Sein ungeheuerliches Verbrechen hatte darin bestanden, versehentlich auf ein Exemplar des Korans getreten zu sein, das in der Moschee von einem Regal gefallen war.

Später stellte sich heraus, dass der angebliche Blasphemist selbst ein frommer Muslim war, der dort seine letzten Gebete hatte sprechen wollen. »Muss man ihn nun als einen shahid (Märtyrer) oder als einen murtad (Abtrünnigen) behandeln?« fragte jemand sarkastisch über einen Messenger-Dienst. Eine interessante theologische Frage für Bangladeshs islamische Geistliche, die jedoch keine Zeit hatten, sie zu beantworten, weil sie damit beschäftigt waren, Protestkundgebungen gegen Frankreich zu organisieren.

Der Lynchmord ist zweifellos ein gutes Beispiel dafür, was ein beträchtlicher Teil von Bangladeshs Muslimen dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron am liebsten antun würde. Dieser gilt ihnen als der neue Oberbefehlshaber der Ungläubigen, seit er den französischen Lehrer Samuel Paty, den ein Jihadist enthauptet hatte, mit flammenden Worten verteidigte. Der Mord an Paty, heißt es, sei nur Teil einer globalen Verschwörung von Säkularisten, Juden und Christen. Andere behaupten, Paty habe es verdient zu sterben, weil er es wagte, in einer Schulklasse die Mohammed-Karikaturen aus der Satirezeitschrift Charlie Hebdo zu zeigen. In Anlehnung an den US-amerikanisch-jemenitischen al-Qaida-Ideologen Anwar al-Awlaki behaupten wieder andere, was den Franzosen die Meinungsfreiheit sei, sei den Muslimen die Freiheit, Blasphemisten Hand und Kopf abzuschlagen. Die Verteidigung von Ehre und Ansehen ihres Propheten ist ihnen weit wichtiger als das Leben eines Schullehrers, der im Unterricht das Thema Meinungsfreiheit diskutierte. Und zuletzt gibt es noch jene Anspruchsvolleren, die erst einmal über das Erbe des französischen Kolonialismus und Rassismus diskutieren müssen, wenn ein tschetschenischer Flüchtling in Frankreich jemanden im Namen Allahs tötet. Und im Namen Allahs gehen sie nun auf die Straße, von Dhaka (Bangladesh) bis Karatschi (Pakistan). In der gesamten muslimischen Welt gibt es nun Kundgebungen Religiöser – Männer, die dem Höllenfeuer entgehen wollen, auch wenn das bedeutet, im diesseitigen Leben den einen oder anderen Menschen zu verbrennen oder zu enthaupten. Es ist wahrlich eine göttliche Komödie, die sich derzeit in den sozialen Medien verfolgen lässt.

Übersetzung aus dem Englischen von Carl Melchers.