Im Putzen eine Sechs

Die erste Sechs

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Die allererste Klassenarbeit, die ich im Fach Deutsch am Kleinstadtgymnasium schreiben musste, war ein Fiasko, das für mich mit der schlechtesten nur denkbaren Note endete. Wir sollten eine Art Anleitung anfertigen, wie wir eine Aufgabe Schritt für Schritt erledigen. Es standen zwei Themen zu Auswahl: »Ich putze das Familienauto« und »Ich backe einen Kuchen«. Das Problem war allerdings, dass ich beides noch nie gemacht hatte. Auf die Idee, aufzustehen, mein schickes neues Klassenarbeitsheft dem Lehrer auf den Tisch zu knallen und zu sagen, was zu sagen gewesen wäre, kam ich nicht, weil ich erst neun Jahre alt war.

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Und so machte ich mich sehr widerwillig daran, schriftlich einen Kuchen zu backen, bis mir auffiel, dass ich nicht nur vom Vorgang an sich keine Ahnung hatte, sondern auch nicht wusste, aus was so ein Kuchen außer Eiern und Mehl eigentlich besteht. Warum auch, schließlich strebte ich keine Bäckerinnenkarriere an. Gut, dann also Auto putzen. Einfach die Wahrheit aufzuschreiben – »Unser Auto wird in einer Waschanlage automatisch gereinigt« – , kam nicht in Frage, das war klar. Also begann ich eine längliche Beschreibung abzufassen, wie man einen Eimer mit Wasser füllt und Putzmittel dazugibt, immer in der Hoffnung, dass die Klassenarbeitszeit vielleicht zu Ende sein könnte, bevor ich zum Wesentlichen kommen müsste – aber schnell schreiben konnte ich bedauerlicherweise schon damals.

Die Putzarbeitenschilderung begann ich mit den beiden Hauptbestandteilen eines Autos, dem Lenkrad und den Reifen, die sehr sorgfältig gereinigt wurden, dann fielen mir die Türen ein, zack, auch saubergemacht, sowie Tacho, Spiegel und der Aschenbecher, der echt blinkte, als ich mit ihm fertig war. Danach schüttete ich das verbliebene Putzwasser über das restliche Auto und war durchaus empört, dass es am Ende dafür die Note 6 gab. Immerhin war das Drecksding doch hinterher weniger schmutzig als zuvor.