Statue zu Ehren von Mary Wollstonecraft

Radikale Würdigung

Eine Statue in London, gewidmet der Autorin Mary Wollstonecraft, zog nach ihrer Einweihung allerlei Unmut auf sich. Warum es kein Widerspruch ist, mit einer nackten Frauenfigur an eine Feministin zu erinnern, erläutert Vojin Saša Vukadinović.

Am Ende des 18. Jahrhunderts half das Werk von Mary Wollstonecraft (1759–1797), die Ära des Vorfeminismus in Europa zu beenden und der Frauenemanzipation im modernen Sinne den Weg zu ebnen. In ihrer 1790 veröffentlichten Streitschrift »A Vindication of the Rights of Men« hatte die englische Autorin zunächst die Ideen und Ideale der Französischen Revolution verteidigt, was in der britischen Monarchie ­einem publizistischen Affront von unmittelbarer politischer Brisanz gleichkam. Zwei Jahre später veröffentlichte sie ihre Abhandlung »A Vindication of the Rights of Woman« (Titel der aktuellen deutschen Übersetzung: »Zur Verteidigung der Frauenrechte«), die sich schon nicht mehr mit der Abschaffung aristo­kratischer Macht befasste. Vielmehr revolutionierte sie den Revolutions­gedanken selbst und erklärte, dass die Zeit für einen Umsturz der »weiblichen Sitten« gekommen sei. Neben dem ausführlichen Plädoyer für die Koedukation von Jungen und Mädchen bestand sie darauf, dass sich »die größere Zahl der weiblichen Dummheiten aus der Tyrannei des Mannes ableiten« würden, und forderte, dass »die Frauen gemeinsam mit den Männern um ihre Rechte« kämpfen sollten. Wenige Jahre später starb die Aufklärerin kurz nach der Geburt ihrer Tochter, der Schriftstellerin Mary Shelley (1797–1851), deren Roman »Frankenstein oder Der moderne Prometheus« von 1818 wiederum einen herausragenden Beitrag zur Weltliteratur leisten sollte.

Die Komposition der Skulptur, die einer Einzelnen den höchsten, triumphalen Platz zuweist, wiewohl diese im Gesamtbild nur ein kleines Detail ist, steht dafür, dass es die Einzelne ist, die sowohl der übermächtigen Natur als auch der Macht der Menge zu trotzen vermag.

Dass Wollstonecraft, die nicht nur in der englischen, sondern auch in der europäischen Ideen- und Kulturgeschichte eine herausragende Rolle spielte, bislang noch nirgends öffentlich gewürdigt worden ist, verwundert nicht. In der Stadt Nuneaton ehrt schließlich erst seit 1986 eine Statue George Eliot, männliches Pseudonym der Autorin Mary Ann Evans, deren Roman »Middlemarch« von 1871 nunmehr als bedeutendster Roman der britischen Literatur gilt. Seit 2004 steht in London immerhin eine Büste für Virginia Woolf. Für den schottischen Ort Prestonpans wiederum hat der Bildhauer Andy Scott vor einigen Jahren eine Skulptur angefertigt, die eine in einem Buch lesende Frau darstellt, um damit der 81 lokalen Opfer der Hexenverfolgung zu gedenken, die gerade nicht im Mittelalter und nicht unter katholischer Ägide, sondern im 17. Jahrhundert, also in der frühen Neuzeit und unter protestantischer Moral, ihren brutalen Höhepunkt erreicht hatte. Und 2018 wurde in London eine Statue für Millicent Garrett Fawcett (1847–1929) eingeweiht, eine der prominentesten britischen Kämpferinnen für das Frauenwahlrecht.

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Am 10. November wurde nun in Newington Green, London, eine Statue eingeweiht, die Mary Wollstonecraft gewidmet ist. Sie zeigt eine silberfarbene, vertikal gestreckte, auf weibliche Formen anspielende, aber amorphe Masse, aus der sich oben eine weitaus kleinere, nackte Frauenfigur erhebt; der Sockel vermerkt ausdrücklich, dass es sich um ein Kunstwerk für die Autorin und nicht um ein etwaiges Abbild ihrer Person handelt. Dass es überhaupt errichtet worden ist, verdankt sich dem Einsatz einer Initiative, die sich zehn Jahre lang für diese Sache engagiert hatte. Realisiert wurde die Arbeit von der Künstlerin Maggie Hambling. Diese hat bekundet, dass die weibliche Gestalt »everywoman« darstelle und folglich nackt zu sein habe, da jedwede Bekleidung unweigerlich die Aufmerksamkeit der Betrachterin binden, die Assoziationen auf eine bestimmte Epoche lenken und damit den Sinn vereindeutigen würde.

Seit der Einweihung der Statue hagelt es exakt wegen dieser Frauenfigur inhaltlich fast gleichlautende Proteste aus sonst sehr getrennten politischen Sphären. Sie sei »so dünn« und zudem »konventionell attraktiv«, schäumte die Kolumnistin Rhiannon Lucy Cosslett unter dem ­Titel »Why I hate the Mary Wollstonecraft statue« im Guardian. Die US-amerikanische Journalistin Mona Eltahawy deutete die Arbeit mit Verweis auf die Physiognomie der Gestalt in bekanntem intersektionalen Jargon als »weiße feministische Phantasie«. Die genderkritische Feministin Julia Long hingegen bemerkte, dass eine Statue für Karl Marx wohl kaum jemals exponiert dessen »Schniedel« zeigen würde. Besagte amorphe Masse gilt manchen Betrachterinnen zudem als »phallisch«, und um das Kunstwerk herum versammeln sich nunmehr täglich Schaulustige, um hierüber zu streiten. Nachts hingegen wird die nackte Frauenfigur regelmäßig von Gegnerinnen bedeckt: Mal wurde ihr der Genitalbereich und die Brust überklebt, ein anderes Mal wurde ihr zur Gänze ein T-Shirt übergezogen.

In diesen Bemerkungen und den Protestaktionen vermischt sich das Problembewusstsein dafür, dass in London lediglich zehn Prozent aller Statuen historischer Figuren Frauen zeigen beziehungsweise dieser gedenken, mit einem aktivistischen Kunstverständnis. Für das öffentliche Erinnern ist es unweigerlich relevant, dass Hamblings Arbeit eben eine künstlerische und keine realistische Darstellung ist, da es an der politischen Dimension der öffentlichen Unterrepräsentation wegweisender Britinnen nichts ändert. Die Konzentration der Erregung auf den nackten Frauenkörper hingegen, die bisweilen fast schon wie Abscheu ­anmutet und mit Hinweis auf den voyeuristischen Blick oder die tra­ditionelle Repräsentation von Frauen seitens Künstlern, also Männern, ­gerechtfertigt wird, bezeugt jedoch vor allen den Wunsch nach politisch konformer Kunst.

Betrachtet man die Statue genauer, zeigt sich, dass das Detail des Anstoßes aus der amorphen Masse herausragt und die Frauenfigur über diese hinausblickt, sich also über das, was sich unter ihr findet, nicht weiter zu scheren scheint. Dies lässt sich als radikale Würdigung des weiblichen Individuums deuten: Denn die Komposition, die einer Einzigen den höchsten, triumphalen Platz zuweist, wiewohl diese im Gesamtbild nur ein kleines Detail ist, steht dafür, dass es die Einzelne ist, die sowohl der übermächtigen Natur als auch der Macht der Menge zu trotzen vermag. Dass es eben eine Frauengestalt ist, verweigert sich nebenbei der ­Allegorisierung des Menschen durch den Mann und erinnert an die fortwährende Aufgabe der Aufklärung, eigeninitiativ aus der Unmündigkeit zu treten beziehungsweise sich dieser aktiv entgegenzustellen.

Doch weder eine solche Interpretationsarbeit – die keine sonderlichen Ansprüche stellt – noch eine Widmung für eine gewichtige Autorin wirken den kulturpolitischen Gepflogenheiten entgegen, die zu Recht zu thematisieren wären. Tatsächlich liegt das eigentliche Skandalon zunächst darin, dass diese Statue nicht von Seiten des Staats gefördert wurde, sondern erst auf die langjährige Arbeit einer Initiative hin realisiert werden konnte; vor allem aber liegt es darin, dass das Kunstwerk, das Mary Wollstonecrafts Leben und Werk gedenken und dessen radikale poli­tische Erfolge ehren soll, nicht vier Meter in die Höhe ragt und nicht an einem Ort errichtet wurde, an dem unter anderem diejenigen, die ihre Frauenverachtung mit Verweis auf gänzlich andere, für »Kultur« befundene Überlieferung zu rechtfertigen wissen, ihr nicht ausweichen können. In einem abgehängten Stadtteil beispielsweise, in dem die einzige Zukunft für Mädchen und junge Frauen in ihrer »Herkunftscommunity« oder im Niedriglohnsektor liegt, wäre ein solches Gedenken eine tatsäch­liche Würdigung gewesen. So aber bleibt es bei einem Kunstwerk für eine Aufklärerin.