Die Corona-Warnampel steht auf Rosarot

Rosarote Pläne

Klassenkampf Von

Rot ist die Farbe von Herzchen, Rosen und glühenden Wangen, Rot ist Liebe, Leidenschaft, Warnung und Hilfeschrei zugleich, Stoppschilder sind rot und Warnhütchen, der Weihnachtsmann und Alkoholikernasen. Wenn die ­Ampel auf Rot springt, die Rote Karte gezeigt wird oder das Rote Kreuz vorbeikommt, dann weiß man gleich Bescheid: Stehen bleiben, Kopf hängen lassen, Verband anlegen.

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Rot ist außerdem, und das dürfte ­weniger bekannt sein, auch die Farbe des Traums unruhiger Nächte zahlloser Schulleitungen und ihrer Kollegien, so einer von der ganz abgefahrenen Sorte, bei dem man gleich weiß, dass er sich nie erfüllen wird, ein Produkt der zerquälten Phantasie gemarterter Seelen. »Rot« ist die letzte Stufe des sogenannten Corona-Stufenplans für die Berliner Schulen bezeichnet, ein Plan, der den Gedanken der Schulschließung gar nicht mehr zu formulieren wagt und mit der Stufe »Grün« beginnt, die ­redundanterweise eine Situation beschreibt, in der der Plan nicht gebraucht wird. Es gibt auch noch die Stufen »Gelb« und »Orange«, die sich im Wesentlichen dadurch unterscheiden, dass bei »Orange« mehr Leute in mehr Situationen Masken tragen müssen als bei »Gelb«.
Erst die letzte Stufe, eben »Rot«, sieht schließlich eine Änderung der Grundsituation an den Schulen vor, indem etwa im Wechsel nur noch die eine Hälfte ­jeder Lerngruppe die Schule besucht und die andere Hälfte Aufgaben für Zuhause bekommt. Ein Plan, der zumindest in meinem Kollegium und bei ­allen Eltern, mit denen ich gesprochen habe, auf große Zustimmung stößt, könnte man auf diese Weise doch den Irrsinn wenigstens etwas eindämmen, ohne die Kinder wieder ganz alleinzulassen mit einem Wust von Videobotschaften, Aufgabenzetteln und vergessenen Passwörtern.

Allerdings haben die Berliner Schulsenatorin Sandra Scheeres und ihre Helferlein wohl schon gewusst, was sie taten, als sie die letzte Stufe des Pandemieplans mit einer Farbe versahen, die eben auch für Blut, Sex, SPD und überhaupt Pfuibäh steht. Im Schulamt scheint man sich auf das Lesen entsprechend kodierter Nachrichten gut zu verstehen, jedenfalls hat man dort begriffen, dass ein an einer Ampel orientierter Plan im Rahmen einer weltweiten Pandemie zwar eine Stufe »Rot« benötigt, um glaubwürdig zu sein, diese aber unter keinen Umständen jemals ausgerufen werden darf.

Die Sieben-Tage-Inzidenz in dem Bezirk, in dem meine Schule steht, lag am Sonntag bei 270. Diese Woche wären wir um ein Haar auf »Gelb« zurückgesetzt worden, weil nicht genug Kinder an der Schule nachweislich erkrankt waren, und solange die kleinen Racker munter symptomfrei durcheinanderpurzeln, ist die Welt vielleicht nicht in Ordnung, aber halt auch nicht auf »Rot«, denn das wäre schlimm. Eigentlich bräuchte der Plan, um dieser beeindruckend konsequenten Bussibärchenlogik gerecht zu werden, eine ganz neue, eigene Farbe. Ich schlage Rosa vor.