Eine kleine Kulturgeschichte des Humors

Lieber Hohn und Spott als Sturm und Drang

Wo gelacht wird, geht es nicht immer lustig zu. Humor, das Ergebnis der Zivilisierung des Witzes, belächelt die eigene Person ebenso wie die Wichtigtuerei der anderen.
Essay Von

Dass den Leuten das Lachen vergeht, ist keine bloße Redensart. Studien der vergangenen Jahre kommen einhellig zu dem Ergebnis, dass die durchschnittliche Zeit, die ein Mensch in westlichen Ländern täglich mit Lachen verbringt, von einer Viertelstunde noch in den Fünfzigern auf etwa fünf Minuten in der Zeit nach der Jahrtausendwende geschrumpft ist.

Die sinkende Lachneigung dürfte damit zusammenhängen, dass das ­eigene Selbst – zwangsweise belastbar, engagiert, kreativ – die letzte Ware ist, die man auf dem postindustriellen Arbeitsmarkt feilbieten kann; wer würde da schon zulassen, dass ihn Zweifel an der Qualität des eigenen Produkts ankommen, oder diese Zweifel gar in Form eines Scherzes kundtun? Weil Lachen aber gesund sein soll, reiht es sich jetzt in die vielfältigen Methoden der Selbstoptimierung ein – zumal medizinische Forschungen darauf hinweisen, dass Lachen die Ausschüttung diverser körpereigener Abwehrstoffe steigere.

Was dem Individuum spätestens mit der Sesshaft­werdung ein gewisses Maß an Existenzsicherheit gewährte, schränkt es andererseits und unvermeidlicherweise als Ge- und Verbot ein, stellt eine Art Kulturlast dar. An dieser Last rütteln und schütteln Scherz und Witz.

Mit den Methoden der neurolinguistischen Programmierung will beispielsweise der indische Arzt Madan Kataria ein spezielles Workout etablieren: »Laughter for No Reason« besteht aus einer 20minütigen Übung, die auf Yoga-Atemtechnik basiert und den Geist, der störrisch ­einen komischen Anlass verlangt, ­ignoriert: »Fake it, fake it, until you make it« lautet das Motto der Veranstaltung, deren Humorlosigkeit noch das militärische Exerzieren überbietet – schließlich besteht beim Workout nicht einmal die Hoffnung, dass sich der Feldwebel beim Herumblöken verhaspeln möge.

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