Mehr feministische Komik

Männer wie Sargdeckel

Ein Plädoyer für noch mehr feministische Komik.

»Warum Frauen nicht lustig sind« überschrieb der US-amerikanische Journalist Christopher Hitchens 2007 einen Artikel für Vanity Fair und erhielt dafür viel Zuspruch. Gab man damals, wie ich es getan habe, den Suchbegriff »Humoristinnen« ein, fragte Google ratlos zurück: »Meinten Sie: Humanistinnen?« Als Speerspitze weiblicher Humor­losigkeit galten bis dato »Emanzen« beziehungsweise Feministinnen. Eine explizit »feministische Komik« schien gar nicht existent.

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Um den Begriff einmal grob zu umreißen: Ausgangspunkt jeder feministischen Komik ist die Annahme, dass die tradierte Geschlechterhierarchie noch immer besteht, dass Männer weiterhin Privilegien haben und Frauen in vielen Bereichen noch immer stark benachteiligt sind. Die Motivation jeder feministischen Komik ist demnach eine idealistische: daran mitzuwirken, das Machtgefälle sichtbar zu machen, und vielleicht sogar, einen Beitrag zu leisten, es zu überwinden, und zwar mit den Mitteln der Komik.

Das Klischee, dass Feministinnen generell humorlos seien, wird heutzutage höchstens noch von ewig Gestrigen und AfD-Wählern vertreten. Fast alle zurzeit erfolgreichen Komikerinnen sind nämlich zugleich bekennende Feministinnen.

In den vergangenen Jahrzehnten waren viele Komikerinnen mit dem Holzhammer unterwegs. Auch wenn es phantastische Ausnahmen gibt wie die Schauspielerin Maren Kroymann oder die verstorbene Kolumnistin Fanny Müller: Frauenkabarettgruppen und Cartoonistinnen droschen bis in die Neunziger oder sogar bis in die nuller Jahre häufig unelegant und sehr direkt auf das Patriarchat beziehungsweise den Mann ein. Für die Misfits war Letzterer lediglich »ein Wesen, wat den Klodeckel nie runterklappt«. Aus den Zeitumständen heraus ist das nur allzu verständlich. In jenen finsteren Zeiten, in denen Politikerinnen weitgehend nach ihrem Äußeren beurteilt wurden und Vergewaltigung in der Ehe als tolerierbarer Kollateralschaden galt, gab es verständlicherweise viel Wut. Wut ist aber meist eine schlechte Voraussetzung für gute Gags, die umso besser funktionieren, je fintenreicher, uneigentlicher und über­raschender sie daherkommen.

Vieles hat sich geändert. Heutzutage verlegen sich feministische ­Komikerinnen eher darauf, die Absurdität von geschlechtsspezifischen Stereotypen und Ungleichheiten aufzuzeigen und zu verlachen. Mit lässiger Komik brillieren Lena Dunham, Tina Fey oder Hazel Brugger, ganz zu schweigen von den viele feministischen Comic-Autorinnen.

Was sind die Mittel der feministischen Komik? Ein ebenso einfacher wie probater Dreh ist der der simplen Umkehrung. Wenn Fanny Müller im Alter von 60 Jahren darüber schreibt, dass Männer über 40 einfach nicht mehr attraktiv und für sie schon zu alt seien, ist das komisch, weil sie den Spieß kurzerhand umdreht.

Ein anderes klassisches satirisches Mittel ist das der Übertreibung, gern auch ins Unerträgliche. Ebenso lustig wie verstörend ist beispielsweise der Sketch »12 Angry Men« der US-amerikanischen Comedian Amy Schumer, in dem zwölf männliche Fernsehproduzenten eiskalt die Frage »Is Amy Schumer Hot Enough for Television?« erläutern und deren Körper gnadenlos beurteilen, was aufs Schönste die alte Forderung verlacht, Komikerinnen vor allem nach ihrem Aussehen zu beurteilen. Hier wird ausgesprochen, was sonst eher subtil verhandelt wird, und allein das ist schon überraschend und deshalb komisch. So verfährt auch Liv Strömquist, wenn sie in einem Comic Männer Sachen sagen lässt wie: »Meine Freundin ist so supersüß! Wenn sie selbst schon gekommen ist, macht sie noch superlange weiter, bis ich auch komme.«

Eine gute Methode ist die komische Selbstaneignung beziehungsweise die Bestätigung gängiger Klischees. Großartig macht das der Comic »Das Problem mit den Frauen« der britischen Zeichnerin Jacky Fleming, der in trocken-ironischem Ton historisch aufrollt, warum Frauen es eben nie zu irgendwelchen Erfindungen oder Nobelpreisen gebracht haben. Es geht um zu kleine Hände und zu kleine Hirne.

Spaß macht es auch anzusehen, wenn mächtige Männer lächerlich gemacht werden. Statt über sie zu schimpfen, werden Patriarchen parodiert.

Dass männliche Kabarettisten Frauen mimen – man zähle nur die Myriaden von Merkel-Parodisten –, hat eine lange Tradition. Aber es geht auch anders herum: Kate McKinnon schlüpft in der US-amerikanischen Comedyshow »Saturday Night Live« in die Rollen selbstherrlicher Typen wie Justin Bieber, Alec Baldwin oder Trump und macht sie lächerlich. Auch die deutsche Komikerin Carolin Kebekus beherrscht das Männerfach.

Ein cleverer Weg, auf komische Weise mit Geschlechterstereotypen zu brechen, ist es es, Filme und TV-Serien nahezu rein weiblich zu besetzen, brillant gelöst etwa in der Dramedy-Serie »Orange Is the New Black«: Wenn alle 40 Figuren in einem Frauengefängnis weiblich sind, entsteht eine ganz eigene Dynamik, die nicht von Geschlecherdichotomie geordnet wird. Es wird geflucht, geprügelt und gemobbt. »Orange Is the New Black« ist die einzige Serie, nach deren letzter Folge ich Tränen der Trauer verdrückt habe.

Nicht zuletzt funktioniert feministische Komik auch über die Themenauswahl. Da bislang vor allem Männer Komik produziert haben, sind viele weibliche Erfahrungen humoristisch bislang noch gar nicht bearbeitet worden. Hier gilt es, neue Themen zu erschließen. In einer Geschichte meines Buches »Der Untergang des Abendkleides« lasse ich meine Mutter ebenso drastisch wie prahlerisch davon berichten, wie sie mich im Krankenhaus zur Welt gebracht hat – das Gebären ist ein bisher völlig brachliegendes komisches Sujet. Und die vielen feministischen Comics, die sich mit weiblichen Biographien beschäftigen, zeigen, wie urkomisch das Sprechen über Sexualität sein kann. Auch die Kulturgeschichte steckt voller komischer Sujets. Allein schon lakonisch zu benennen, dass eine Frau in Hosen früher als nymphoman und Menstrua­tionsblut als Hexenelixier galt, ist heute so absurd, dass man nur lachen kann.

Das Klischee, dass Feministinnen generell humorlos seien, wird heutzutage höchstens noch von ewig Gestrigen und AfD-Wählern vertreten. Fast alle zurzeit erfolgreichen Komikerinnen sind nämlich zugleich bekennende Feministinnen.

Feministische Komik findet sich auch in älteren Texten. Der 1999 erschienenen »Regenroman« von Karen Duve etwa ist die komische Demontage eines selbstherrlichen männlichen Prototypen par excellence – feministischer geht’s nicht. Ob Karen Duve sich zu dieser Zeit selbst als Feministin bezeichnet hätte? Wie cool Duve immer wieder männliches Machtgebaren dem Lachen preisgibt! Sätze wie »Sein Körper schob sich wie ein Sargdeckel über mich« sind eben zeitlos lustig.