Die Karriere von Harald Schmidt

Rapper wider Willen

Vor 30 Jahren wurde die erste Folge von »Schmidteinander« ausgestrahlt. Die deutsche Comedy der Gegenwart hat Harald Schmidt beerbt, indem sie ihn auf den Hund brachte.

Zwei Jahre lang, zwischen 2007 und 2009, hat Harald Schmidt in der von der ARD ausgestrahlten Sendung »Schmidt&Pocher« mit Oliver Pocher zusammengearbeitet. Die beiden Shows, mit denen Schmidt bekannt geworden war – die mit dem früheren Chefredakteur von Mad, Herbert Feuerstein, im WDR bestrittene und ab 1990 ausgestrahlte Sendung »Schmidteinander« sowie die ab 1995 zunächst auf Sat 1 gesendete »Harald-Schmidt-Show« – waren bereits Fernsehvergangenheit, und Pocher sollte als Nachfolger der früheren Sidekicks Feuerstein und Manuel Andrack Schmidt zu einem Comeback verhelfen.

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Bei heutiger Betrachtung erweisen sich die Folgen der Show als Protokoll einer fortschreitenden Entzweiung, in deren Verlauf Schmidt die habituelle Erbschaft seiner Arbeit für Theater und Kabarett (Höflichkeit, ironisch gelockerte Selbstbeherrschung, Freundlichkeit noch in der Bosheit) immer offen­siver ablegte, um jemandem kontern zu können, der ihm gerade durch Subalternität, Abgefeimtheit und grundlose Hybris objektiv überlegen war. Mochten viele Oliver Pocher noch für die Verkörperung des dummdreisten Milchbubis und als solche für eine komödiantische Bereicherung halten, in Wahrheit steckte in ihm schon damals das perfekt konfektionierte Arschgesicht, als das er später in einem Milieu beliebt wurde, das Schamlosigkeit mit Spott und Dreistigkeit mit Satire verwechselt.

Dass Schmidt zum Anfang seiner Fernsehkarriere als politisch unkorrekter Rüpel galt, dem Anzug und Kassenbrille als Tarnung dienten, um Anzüglichkeiten zu verbreiten, hat den Blick auf ihn von Beginn an getrübt.

Am 24. April 2008 war in »Schmidt & Pocher« Reyhan Şahin alias Lady Bitch Ray zu Gast, die Pocher während der Sendung als Replik auf seine frauenfeindlichen Auftritte ein Döschen mit ihrem »Fotzensekret« übergab. Pocher reagierte peinlich berührt, aber defensiv, und zog es vor, das Döschen später der norwegischen Sängerin Maria Mena zu übergeben, die er wegen ihres mediokren Auftritts mit den Worten abfertigte: »Das war megaschwer. Du hast nicht jeden Ton komplett getroffen, das weißt du selber. Aber ich hoffe, die Zuschauer rufen für dich an. Und hier ist noch ein Geschenk für dich.« Schmidt ging auf Pochers misslungenen Versuch, Dieter Bohlen zu parodieren, nicht ein, sondern wies ihn kurz vor Sendungsende mit mühsam gewahrter Selbstbeherrschung mit den Worten zurecht: »So ’ne kleine, miese Type, die, wenn sie ein Fotzensekret überreicht kriegt, so klein ist mit Hut und es dann einem ausländischen Gast so reinsemmelt, der kein Deutsch versteht. Uncool. Oliver Pocher, beim nächsten Mal hat er es begriffen.«

Weil er es nicht nur nicht begriffen hat, sondern Anfang dieses Jahres erneut durch gezielte Denunziationen von Influencerinnen als ehemalige Porno-Darstellerinnen auf sich aufmerksam machte, veröffentlichte die Antilopen Gang, die für solch erfrischende Eingriffe gut ist, im Mai 2020 den Track »Kleine miese Type«, in den sie Satzfragmente von Harald Schmidt aus der damaligen Show in ihren eigenen Diss montierte. Dadurch machte sie Schmidt zu einer Figur, die er nie sein wollte und auch nicht hätte spielen können, die aber in der Gegenwart besser zu ihm passt als die des verhalten-zynischen Conférenciers: zu einer Art Rapper wider Willen, dessen Worte ihre Schärfe und Klarsichtigkeit nur noch bewahren können, wenn sie bearbeitet und gegen eine vollverblödete Gegenwart gewendet werden, deren Ver­rohung nur beantworten kann, wer auf Geselligkeit, den guten Ton und die gefällige Gebärde verzichtet.

Dass Schmidt zum Anfang seiner Fernsehkarriere als politisch un­korrekter Rüpel galt, dem Anzug und Kassenbrille als Tarnung dienten, um Anzüglichkeiten zu verbreiten, die die deutsche Fernsehunterhaltung zuvor nicht kannte, hat den Blick auf ihn von Beginn an getrübt. Tatsächlich war Schmidt nie ein Rüpel, sondern immer ein Gentleman, und gehörte eher (darin entfernt Verwandten wie Christian Kracht oder Rainald Goetz ähnlich) in die postmoderne Nachfolge des Dandys. »Schmidt­einander« war aufgemacht wie ein unterhaltsames Abendprogramm, inklusive Interviews mit zufälligem Straßenpublikum, Studiogästen, die ungewöhnliche Begabungen unter Beweis stellen konnten, mit Ratespielen und Witzeinlagen sowie mit den »Schmidteinander Hupf-Dolls«, die erotische Tänze aufführten.

Doch den Passanten wurden Nonsense-Fragen wie aus »Monty Python’s Flying Circus« gestellt, die handwerklichen, intellektuellen oder gymnastischen Talente der Gäste waren kulturökonomisch nutzlos, beim Suchspiel mit Herbert Feuerstein an der Schülertafel wurde jedes Mal nach dem Buchstaben N gefragt, und die Witze waren entweder obszön, wenn Feuerstein Schmidt als »Fotzi-Bär« aus der »Muppet Show« traf oder in einer der als »polenfeindlich« inkriminierten Episoden als Prostituierter an polnische Mütter ausgeliehen wurde – oder sie waren bewusst platt wie in der Endlos-Miniserie »Sprichwortforschung« (Feuerstein taumelt als Blinder in einem Hühnerkostüm an einen Tisch, auf dem eine Flasche Korn steht: »Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn«).

In der »Harald-Schmidt-Show«, die seit 1995 zunächst auf Sat 1, dann im ARD und schließlich im Pay-TV-Sender Sky lief und sich an der amerikanischen »David-Letterman-Show« orientierte, wurden die Anstößigkeiten und Plumpheiten, die »Schmidt­einander« vom Mad-Magazin übernommen hatte, stark reduziert. Zwar spielte Schmidt (der zunächst solo auftrat und dann seinen Aufnahmeleiter Manuel Andrack als Partner einbezog) wie in »Schmidteinander« auch weibliche Rollen, machte regelmäßig Polen­witze und strebte einen Preis für die »frauenfeindlichste Sendung im deutschen Fernsehen« an.

Doch die »Harald-Schmidt-Show« entwickelte sich seit Mitte der neunziger Jahre immer mehr zu einer Variation auf die minimalistischen Stücke von Samuel Beckett, dessen Dramen für Schmidts Theaterkar­riere wichtig waren. In den besten Folgen geschah fast gar nichts mehr, es gab keine oder nur lasche Pointen, und die Fernsehzeit, die realistisch als leere Zeit vorgestellt wurde, musste durch ernsthaft betriebene Kinderspiele wie »Rat’ den Zug« (die Französin Nathalie, liebenswertester Dauergast der Show, wartet an Bahndämmen auf Züge, während Schmidt und Andrack raten, ob es sich um einen ICE oder einen Regionalzug handelt) oder durch reenact­ments von Alltagstätigkeiten ausgefüllt werden (Schmidt schreibt als Lehrer mit seinem Team ein Diktat, Schmidt gibt in einem Open-Air-Bassin das Seepferdchen, Schmidt komponiert aus Anlass des Irak-Kriegs mit dem Publikum ein Friedenslied).

Die Neigung, das Spiel, das für die Erwachsenen nur eine Form ist, die Zeit totzuschlagen, beim Wort zu nehmen und zu sich selbst zu bringen, verlieh der »Harald-Schmidt-Show« ihren Ernst. Erst in diesem Ernst ­bekamen die politisch unkorrekten Witze und Provokationen, die sich ­allesamt gegen das gutmenschliche Selbstverständnis des wiederver­einigten und friedensbewegten Deutschland richteten, ihren Sinn. Dass die »Harald-Schmidt-Show« solchen Invektiven zum Trotz nie politisch zuzuordnen war, dass sie ­allem politischen Kabarett aus dem Weg ging und die Zuschauer nie ­sicher sein konnten, wie Schmidt es mit der »Aufarbeitung der Vergangenheit«, der USA-Solidarität und -Kritik, dem Krieg und dem Frieden hielt, machte die Bedeutung der Sendung für alle aus, die sie nie verpassten. Hier trat zum ersten Mal ­jemand auf, der sich der Parteinahme, die im deutschen Unterhaltungsfernsehen meist eine linke war, verweigerte, ohne rechts zu sein. Nur in der »Harald-Schmidt-Show« geschah im Fernsehen etwas, das sich nicht in Mitteilung, Meinungsbekundung oder in schaler Unterhaltung erschöpfte.

Dass Schmidt seine hohe Zeit in den Jahren zwischen 1990 und 2003 hatte, hat mit der Neuorientierung des Fernsehens nach der Wiedervereinigung zu tun. Sie erzeugte 15 Jahre lang eine durch Desorientierung und Improvisation ermöglichte Offenheit, die neben Schmidt Comedians und Kleinkünstler wie Helge Schneider, Piet Klocke und später Kurt Krömer bekannt machte. Seit etwa 15 Jahren hat sich die TV-Comedy konsolidiert und ist zum vertrauten Konformismus zurückgekehrt. Dass nicht nur Oliver Pocher, sondern auch Jan Böhmermann am Anfang ihrer Karriere von Schmidt protegiert wurden, verweist auf diesen Umschlag. Die Dreistigkeit, die Schmidt einstmals wider die Konventionen der Fernsehunterhaltung etablierte, amalgamieren Figuren wie Pocher mit der Propaganda für das tolerant renovierte Deutschland, das Schmidt stets verabscheut hat. Diese Differenz nicht hinreichend zur Geltung gebracht zu haben, scheint aber auch ein Fehler seiner eigenen, allzu selbstgewissen Unterhaltung gewesen zu sein. Darum hat die Antilopen Gang recht, wenn sie singt: »Oli Pocher hat kein Charme, Oli Pocher hat kein Witz/Oli Pocher ist der ­einzige Fehler von Harald Schmidt.«