Wie eine Reportage entsteht

Reporter mit Gespür

Ein Blick über die Schulter des Starjournalisten.

Wie entstehen eigentlich preisgekrönte Reportagen? Genauer: Wie ent­stehen jene Reportagen, die in dieser Kolumne unter dem Rubrum »Die preisgekrönte Reportage« jede Woche erscheinen? Besuch beim Chefreporter Leo F., der in seinem Penthouse im Frankfurter Europaviertel Hof hält. »Meistens ist es so, dass mich Heike oder Dierk aus der Redaktion daran erinnern, dass ›es‹ wieder so weit ist.« Leo F. geht an der imposanten Fensterfront entlang. »Dann gilt es für mich, blitzschnell zu schalten. Was sind die sogenannten hot irons, die heißen Eisen, wie amerikanische Fachleute das nennen? Wo drückt der Schuh, wo laufen Läuse über Lebern?«

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Er bietet uns Cognac an, stilecht in Sangria-Eimern serviert. »Dann sehe ich eine Weile aus dem Fenster. Soziale Realität bildet sich nämlich nicht auf Facebook oder Twinkstagram ab. Mir reicht ein Blick auf die Straße, hinüber zu den anderen Superreichen, um festzustellen, wie gerade die Stimmung an der Basis ist.« Wir fragen ihn nach den Konsequenzen aus der Causa Relotius. Wie beobachtet er die Entwicklungen im Reportage-Business? »Die Redaktionen haben dazugelernt. Es geht nicht mehr nur um Emotionen, Emotionen, Emotionen. Es ist viel wichtiger, schnell reagieren zu ­können. Sind die Dementis schon formuliert? Können wir die Reihen schneller schließen? Können wir uns auf unsere Kumpel in den anderen Redaktionen auch wirklich verlassen? Ich glaube, wir sind als Branche da­rüber auch ein bisschen zusammengewachsen.«

Das Faxgerät des Starjournalisten aktiviert sich. Neue Informationen zum geplanten Elon-Musk-Tempel in Brandenburg. Leo F. überfliegt die Überschrift. »Ich brauche den Text nicht lesen, ich kann mich da ganz auf mein journalistisches Gespür verlassen.« Mit seinem Bürostuhl rollt F. zur Schreibmaschine. »›Es ist eine kalte, regnerische Nacht hier im ­ka­lifornischen Domingo, wo Elon Musks Roboterfarm steht.‹ Klingt erst mal super, oder? Die Details re­cherchieren dann Heike und Dierk. Ich kann mir nicht vorstellen,
dass die Sachen einfach so durchwinken!«

 

Aus der Urteilsbegründung: Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.