Wie sich durch Silvio Berlusconi die Satire in Italien veränderte

Zwischen Spott und Satire

Nachdem der Medienunternehmer Silvio Berlusconi 2001 zum zweiten Mal italienischer Ministerpräsident geworden war, bildete sich schnell eine kulturelle Opposition gegen ihn. Komiker spielten darin eine wichtige Rolle, einer von ihn wurde zu einem beliebten Politiker.

»Erste Regel: In der Satire gibt es keine Regeln.« So antwortete Dario Fo 2001 in der Sendung »Satyricon«, die vom staatlichen Fernsehsender Rai 2 ausgestrahlt wurde, auf die Frage, was Satire eigentlich sei. Der Moderator, der Komiker Daniele Luttazzi, stand damals im Mittelpunkt einer heftigen Debatte darüber, wie hart Satire wichtige Politiker angreifen dürfe. Italien befand sich mitten im Wahlkampf, zwei Monate nach Ausstrahlung der Sendung wurde Silvio Berlusconi zum zweiten Mal ­Ministerpräsident.

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Einer der ersten Schritte der von den Parteien des Wahlbündnisses Casa della Libertà gebildeten Regierung war die Neubesetzung der Aufsichtsräte der staatlichen Fernsehsender, eine gängige Praxis seit Beginn des staatlichen Fernsehbetriebs in den fünfziger Jahren. Sie bekam mit Berlusconi aber eine neue Dimension, denn der war kein klassischer Politiker, sondern als Eigentümer der privaten Mediengruppe ­Mediaset, die mit ihren drei kommerziellen Sendern damals der einzige Konkurrent der drei staatlichen RAI-Kanäle war, der mächtigste Medienunternehmer des Landes. Berlusconis Wahlsieg verschaffte ihm de facto monopolistische Macht, die sich stark auf das Verhältnis der öffentlich-rechtlichen Medien zum politischen Establishment auswirken sollte – sehr zum Nachteil der Informationsvielfalt, der Satire und der künstlerischen Freiheit, bis heutzutage.

Nach Berlusconis zweitem Wahlsieg im Jahr 2001 fanden kritische Komiker ihre Bühne nicht mehr im Fernsehen, sondern im Internet, aber auch in Theatern, Kinos und Buchhandlungen.

»Satyricon« war die erste Sendung, die damals faktisch aus politischen Gründen abgesetzt wurde. Was war passiert? Vor Dario Fo hatte Luttazzi den Journalisten Marco Travaglio eingeladen, er sprach über sein Buch »L’odore dei soldi« (Der Geruch des Geldes), in dem er rekonstruiert, wie Berlusconi sein finanzielles Imperium aufgebaut hatte. Das Interview, in dem es unter anderem um Berlusconis Verbindungen zur Mafia ging, wurde zum Politikum, viele empfanden es als heftigen Angriff auf ihn.

In der folgenden politischen Debatte standen aber nicht mehr Travaglios brisante Enthüllungen im Vordergrund, sondern die Frage, inwieweit eine Satiresendung »informieren« dürfe. Aus ­diesem Grund entschied sich Luttazzi, die »oberste Autorität« in dieser Ma­terie, wie er Fo nannte, in die Sendung einzuladen. Ohne den Vorfall mit Tra­vaglio aufzugreifen, bezeichnete Fo das »satirische Theater« als »moralisch«, im Gegensatz zum Spott, der die »reaktionäre Seite des komischen Diskurses« bilde: »Ausschließlich mit der reinen Karikatur zu spielen, die sich auf die Person bezieht, einen Politiker zum Beispiel, weil er etwa dick, dünn, klein ist, einen Buckel hat oder stottert, schmutzig ist oder ekelerregend – das führt zu nichts. (…) Wenn es nicht die moralische Ebene gibt, wenn du mit dem Mittel der Satire nicht das Gegenteil der Banalität, des Offensichtlichen, der Gewalt und vor allem der Heuchelei verständlich machst, die jeder Macht zu eigen ist (…), dann ist dein Lachen leer.« Dieses leere, für die Machthaber harmlose Lachen, das die eher trivialen Unterhaltungsformate der Mediaset-Sender charakterisierte, sollte bald auch bei den Rai-Sendern bevorzugt werden. Nach dem Gespräch mit Fo ging »Saty­ricon« nur noch einmal auf Sendung.

Wichtig ist der Vorfall noch immer, nicht nur, weil »Satyricon« die vorerst letzte italienische Satiresendung war, bei der die Zuschauer »moralisch« lachen sollten. Der Streit über »Satyricon« war entscheidend für die Entstehung einer kulturellen Opposition ­gegen Berlusconi, in der Intellektuelle, Entertainerinnen, Moderatoren und Komikerinnen eine wichtige Rolle spielten. Auch das sogenannte editto bulgaro (bulgarisches Edikt) spielte dafür eine wichtige Rolle. Im April 2002 sagte Ber­lusconi auf einer Pressekonferenz in der bulgarischen Hauptstadt Sofia über Luttazzi sowie die RAI-Journalisten Enzo Biagi und Michele Santoro: »Sie machten vom öffentlichen Fernsehen, das mit dem Geld aller bezahlt wird, kriminellen Gebrauch. (…) Es ist eine besondere Pflicht der neuen Führung, dies nicht mehr zuzulassen.«

Luttazzis Sendung war bereits abgesetzt worden, Biagi und Santoro wurden prompt entlassen, ihre Sendungen wurden aus dem Programm genommen. Das politisierte die Satire- und die Talkshows umso mehr, politische und kulturelle Opposition wuchsen zusammen. Kritische Komikerinnen und Komiker fanden ihre Bühne vermehrt im Internet, aber auch in Theatern, Kinos und Buchhandlungen sowie bei öffentlichen Versammlungen und Demonstrationen.

Auch der Komiker Beppe Grillo gehörte zu dieser Opposition. Die öffentlich-rechtlichen Sender hatten in den achtziger und neunziger Jahren ein ambivalentes Verhältnis zum späteren Gründer des seit 2018 mitregierenden Movimento 5 Stelle (M5S). Mit seinen Fernsehauftritten, bei denen er über korrupte Politiker, dubiose Unternehmen, Finanz- und Umweltskandale schimpfte, erzielte er regelmäßig die höchsten Einschaltquoten im Fernsehen. Hinterher mussten sich Mode­ratorinnen und Programmchefs aber sehr häufig distanzieren oder für die verbalen Entgleisungen Grillos entschuldigen, was ihm das Image eines unbequemen Satirikers einbrachte. Grillo verabschiedete sich Mitte der Neunziger vom Fernsehen und füllte mit seinen fulminanten Shows die Theater im ganzen Land.

Bei einem seiner bislang letzten Fernsehauftritte zeigte er den Vertrag, den er mit der RAI hatte unterschreiben müssen, in die Kamera: »Sehen Sie hier, es gibt viele Klauseln, und Bußgelder zu zahlen. Hier zum Beispiel, wenn mir herausrutschen sollte, dass die Sozialisten stehlen, müsste ich eine Strafe von 3 000 Lire zahlen (rund drei Euro, Anm. d. Red.). Warum so wenig? Weil ihr, liebe Politiker, uns nicht mehr interessiert.« Der Komiker nahm hier den Politiker, oder besser: den Antipolitiker vorweg, der ausgerechnet mit der an die gesamte »politische Klasse« gerichteten Forderung vaffanculo (leck’ mich) seine Karriere als Politiker begann.

Dario Fo, der 2016 im Alter von 90 Jahren starb, war nicht nur ein Fan von Grillo, sondern verfasste zusammen mit ihm und Gianroberto Casaleggio, einem Mitgründer des M5S, auch ein 2013 veröffentlichtes Pamphlet, das für den M5S wirbt. Gefragt, was denn ein Komiker in der Politik solle, verteidigte er in einem Zeit-Interview die neue Form von Politik, die Grillo verkörperte: »Auf der einen Seite gibt es einen echten Narren, das ist Ber­lus­coni. (…) Beppe Grillo hat kein grundsätzliches Problem damit, ein Clown genannt zu werden, das ist schließlich sein Beruf. Auch einen Schuster einen Schuster zu nennen, ist keine Beleidigung. Aber im Unterschied zu Silvio Berlusconi sorgt sich Grillo wirklich um das Überleben ­seines Volkes. Dieses derzeitige Herumreiten auf dem Narren, dem Clown, ist Ausdruck einer sehr niedrigen Form von Kultur.«

In der Anfangsphase war es nicht schwer für Grillo, die beiden Figuren – den Komiker und den Politiker – zusammenzuhalten. Als der M5S selbst Teil der »politischen Klasse« geworden war, verstummte der Komiker abrupt – denn er verstand, dass die Satire jetzt nur noch Propaganda sein konnte. Dario Fo hätte das vermutlich gar nicht begrüßt.