Die Nettelles bringen die Sechziger zurück

Bittersüße Hommage

Das erste Album der Garage-Band The Nettelles ist zugleich das letzte ihrer Sängerin und Gitarristin Clare Campbell. Sie starb kurz vor der Veröffentlichung.
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Sie sind sassy, kurios und ganz schön hartgesotten, kurz: der Inbegriff von Lo-Fi-Garage-Punk. Mit ihrem Revival der Musik der sechziger Jahre ermuntern sie müde Gemüter. Sie, das sind die Nettelles aus Edinburgh, und nach ihrer aufregenden Single »I’m Over You« ist Anfang Dezember ihr Debütalbum »Do You Believe In … « erschienen, das der ersten Single in nichts nachsteht.

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Aufgenommen in den Ravencraig Studios mit Big Russ Wilkins – einer Ikone der Medway Scene, einer in den späten Siebzigern im nördlichen Kent florierenden Musikszene, aus der unter anderem Thee Milkshakes und Thee Headcoatees hervorgingen –, klingt das Album erst mal genau so, nämlich nach einer klassischen Medway-Platte, nur ohne die art school attitude. Frei von Pathos und Eitelkeit sind die Nettelles wütend, aber nicht verzweifelt. Sie rechnen ab, ohne hysterisch zu sein. Sie sind stolz, ohne zu koket­tieren.

Tollkühn eröffnen sie mit einer Co­verversion einer Band, deren Mischung aus Horror, Science-Fiction und B-Movies sie beerben: The Cramps. Deren Gitarristin Poison Ivy dürfte großen Einfluss auf die Nettelles gehabt haben. Mit »Get Off the Road« und den Lyrics »We are the Hellcats nobody likes / Maneaters on motorbikes / We own this road so you better get lost / When you hear the roar of cut-out exhaust / Bug off or you’ll find that you’ve blown your mind« verraten die Nettelles, auf was man sich die nächste halbe Stunde einlässt: Sie rechnen mit Verflos­senen ab (»Give Me Back My Shoes«) und steigen wie neu geboren aus ­einer Krise empor (»You Better Go«).

Die Instrumente werden stürmisch gespielt, der Sound erinnert in seiner Kratzigkeit an Surf Rock und alles in allem klingt es so, als hätten die Nettelles ihr Album komplett in einer Garage mit einem Kassettenrekorder für Kinder aufgezeichnet. Wie in ­einer Collage kommt Gesang mit Geschrei, Motorengeräuschen und einer Kuhglocke zusammen. Es ist hinreißend, den Nettelles zuzuhören, wie sie sich offensichtlich mit großer Freude nicht ernst nehmen. Diesen Eindruck intensiviert das von dem Musiker Bruce Brand und dem Künstler Danny Carr gestaltete Cover: Mit Schmetterlingsflügeln und Hörnern sieht man die Band auf Hanfblättern stehen.

Obacht ist dabei geboten, die Nettelles trotz ihrer Nähe zu Medway mit den Thee Headcoatees zu vergleichen. Das würde beiden Bands in ­ihrer eigenen Schrulligkeit nicht gerecht. Die Bandmitglieder arbeiten schon seit drei Jahrzehnten zusammen; die Gitarristin Clare Campbell und die Bassistin Saskia Holling haben bereits in den Neunzigern mit ihrer Band Sally Skull die schottische Riot-Grrrl-Fahne hochgehalten. The Nettelles gründeten sie 2015.

Fünf Jahre später wird ihr Debüt­album »Do You Believe In …« zur bittersüßen Hommage an Campbell. Holling, Angus McPake (Schlagzeug) und Caitriona Donaldson (Orgel) teilten Anfang September bei Facebook mit, dass Clare Campbell verstorben ist. »Clare lebte während ihrer gesamten Zeit bei The Nettelles mit Krebs, aber das hielt sie nicht davon ab, die Musik zu machen, die sie machen wollte. Sie war entschlossen, bis zum Ende Lärm zu machen.«

Niemand, wirklich niemand braucht ein Date mit Elvis (wie eines der Cramps-Alben hieß), wenn man diese Platte haben kann. So hört es sich an, wenn man die Musik macht, die man machen möchte.

The Nettelles: Do You Believe In … (Back To Beat Records)