Gespräch mit Deniz Ohde über ihren Roman »Streulicht«

Die Wurmfortsätze des Fordismus

Der unwirtliche Südwesten von Frankfurt am Main ist Schauplatz von Deniz Ohdes Roman »Streulicht«. Hier ist die Erzählerin aufgewachsen, hierhin kehrt sie als Besucherin zurück. Ihre Erinnerungen an eine Jugend inmitten von Industrie-Tristesse und rassistischer Ausgrenzung spiegeln die hässliche Seite deutscher Arbeiterkultur.

Als ich mit 13, 14 erfuhr, dass es die Arbeiterklasse sein soll, die uns zur Revolution führt, war ich irritiert. Die grauen Männer mit den Filterlosen an der Haltestelle, die Männer im Bus nach Höchst mit ihren abgewetzten Ledertaschen und dem leeren Blick ins Nichts? Oder mit dem Blick in die Bild. Die älteren Jungs im Fußballverein, die uns zum Singen zwangen: »Jeder Junge hat einen Zinnsoldaten, jedes Mädchen hat einen Schützengraben, jeder Zinnsoldat muss mal in den Schützengraben.« Sprüche an den Wänden des Vereinslokals: »Alter Wein und junge Weiber sind die besten Zeitvertreiber.« Dabei tranken sie Export und Kurze. Von Krieg und Fabrik versehrte Männer wie mein Opa, der »Schdaabruch« brüllte, wenn ich Beat-Club guckte. In den Steinbruch mit dem langhaarigen Gesocks, ins Arbeitslager. Dass Love & Peace, Freiheit & Glück, dass die gloriose Revolution ausgerechnet durch die Diktatur dieses weißen, deutschen Proletariats erkämpft werden sollte, das überstieg meine Vorstellungskraft, damals, Ende der sechziger Jahre im Südwesten von Frankfurt am Main.

In meiner Jugend in den sechziger und siebziger Jahren bestimmen die Farbwerke Hoechst mit ihren Schläuchen, Schloten und Sirenen den Lebens­rhythmus. Die Einschlussmilieus des Fordismus haben noch keine Risse.

In genau diesem Südwesten von Frankfurt spielt »Streulicht«, der Roman von Deniz Ohde, der viele Erinnerungen an meine Teenagerirritationen angetriggert hat, auch unwillkommene. Für »Streulicht« erhielt Deniz Ohde den »Aspekte Literaturpreis 2020«, zudem stand der Roman auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Das Streulicht aus dem Titel liegt über einer Chemiefabrik, die irgendwann user friendly umgetauft wird in Industriepark: »Bei Dunkelheit glüht der Park wie eine riesige gestrandete Untertasse, orangeweißes Streulicht erfüllt den Nachthimmel, der Luftraum über dem Park ist gesperrt, denn bei einem Absturz droht eine Chemiekatastrophe.«

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Streulicht bei Nacht, die diffuse Furcht vor einer Chemiekatastrophe, das kommt mir bekannt vor. In meiner Jugend in den sechziger und siebziger Jahren bestimmen die Farbwerke Hoechst mit ihren Schläuchen, Schloten und Sirenen den ­Lebensrhythmus. Die Einschlussmilieus des Fordismus haben noch keine Risse. Schule, Militär, Fabrik. Birth, school, work, death. In vielen Familien arbeiten die Männer in dritter Generation hinter den endlos langen roten Mauern, sie nennen sich Rot­fabriker. Die Ausdünstungen, Abgase und Ausscheidungen der Fabrik liegen in der Luft, alle Jahre wieder fällt Industrieschnee vom Himmel.

Deniz Ohde kommt 1988 in Frankfurt zur Welt, sie wächst in Sindlingen auf, dem westlichsten Vorort, im Schatten der Farbwerke Hoechst a.k.a. Industriepark. Ihr Roman hat mir Déjà-vus beschert.

Zwischen Deniz Ohde und mir liegen Welten. Den Vornamen Deniz verdankt sie ihrem Vater, der aus der Türkei stammt. Die Mutter ist Deutsche. Mit vier Jahren will Deniz Schriftstellerin werden und diktiert ihrer Mutter Geschichten.

Deniz ist ein genderneutraler Name und heißt Meer. Zwischen Deniz Ohde und mir liegt der Main, mein Geburtsort Schwanheim klebt am Südostrand des Industrieparks. Meine entferntesten Vorfahren stammen aus dem Westerwald, nicht aus der Türkei. Außerdem ist Ohde 33 Jahre jünger als ich. Wie kann es sein, dass eine Autorin aus einem so anderen Leben Worte findet für meine Erfahrungen aus den sechziger, siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts? Vergessene, verschüttete Erfahrungen.

Worum geht’s?

Deniz Ohde: »Es geht um eine junge Frau, die an ihren Heimatort zurückkehrt und dort die Hochzeit ihrer besten Freunde Pika und Sofia besucht. Während sie dort ist, erinnert sie sich an ihre Familiengeschichte. Der Vater hat sein Leben lang in diesem Industriepark gearbeitet. Die Mutter war mit kaum etwas gekommen, hatte alles zurückgelassen in ­einem Fünfhundert-Seelen-Dorf an der Schwarzmeerküste.«

Der Roman weicht hier also von der Biographie der Autorin ab, der Vater ist Deutscher.

»Vierzig Jahre hat er in derselben Firma gearbeitet, auch darauf kommt er immer wieder zu sprechen. Dieser Arbeiterstolz, gemischt mit Trotz und aus Not geborener Arroganz. Mein Vater tunkte vierzig Jahre Aluminiumbleche in Laugen, vierzig Stunden in der Woche.«

Es gibt nicht viele Gründe, stolz zu sein auf dieses Arbeiterleben, daran lässt die die namenlose Ich-Erzählerin wenig Zweifel. Die Erzählerin ist bitte nicht mit der Autorin zu verwechseln, wie Deniz Ohde in jedem Interview betonen muss. Denn es bietet sich an, die Figur mit der Autorin zu verwechseln.

Die Tochter, die Ich-Erzählerin, ist doppelt markiert: Arbeiterkind, Migrantinnenkind. Dem doppelten Handicap versucht sie zu trotzen, schafft es als erste ihrer Familie aufs Gymnasium, wo sie an der Schwerkraft ­ihrer Biographie scheitert. Das Schulsystem basiert auf dem Prinzip »Aussieben«, sortiert wird nach Klasse und Herkunft. Die Tochter absolviert den – hallo Industriepark – euphemistisch so genannten zweiten Bildungsweg, während die Ehe der Eltern allmählich kaputtgeht. Die Mutter pflanzt Kräuter und schafft schöne Dinge an, für die der Vater nur das Verdikt »brauch mer nicht« übrig hat. Der Vater sammelt Sonderangebote, Socken im Zehnerpack, lieber zu viel als zu wenig. Dinge, die man immer gebrauchen kann, wenn mal schlechte Zeiten kommen.

Zwischen »was man nicht braucht« und »was man immer gebrauchen kann« tut sich ein Abgrund auf, durch den es mich zurückbeamt in meine Kindheit in den Sechzigern, an der Schnitt­stelle zwischen Kleinspießbürgertum und rabiaten Prolls. Eine Lebenswelt, von der ich dachte, sie sei im Verschwinden begriffen. Um von der Jahrzehnte jüngeren Deniz Ohde ­daran erinnert zu werden, wie hartnäckig sich bestimmte Milieus und values halten.

»Was man brauchte, waren in erster Linie Lebensmittel, von denen man nie genug auf Vorrat haben konnte (…) Nicht zu brauchen waren Dinge, die das Umfeld schöner machten. Dinge, die nur dazu da waren, die Stimmung zu heben. Die eigene Stimmung war etwas Vernachlässigbares.«

Nicht zu brauchen waren Dinge wie Abitur, Studium, Bücher. Kunst war per se brotlose Kunst, brotlos wie ein Hackentrick von Mesut Özil (Jahrgang 1988 wie Ohde) für die Verfechter deutscher Tugenden beim Fußball. Auch nach Özil habe ich sie gefragt: »Wenn wir gewinnen, bin ich Deutscher – wenn wir verlieren, bin ich Immigrant.« Ob sie mit Özils Signatursatz was anfangen kann?

»Ja, damit kann ich etwas anfangen. Vor allem mit dieser Fremdzuschreibung, die immer so gewählt wird, wie es gerade passt. Ich habe oft gehört, dass ich wegen meines Lebenslaufs nicht dazugehöre, da geht es immer um migrantische Personen, die ­irgendwie dümmer sein sollen als ich oder irgendwie mehr aus dem Ghetto kommen. Umgekehrt fehlen mir dann wohl auch irgendwelche ­Eigenschaften, die mich als deutsch durchgehen lassen.«

Das passing, als Einheimische, Dazugehörige durchzugehen, ist ein Leitmotiv in »Streulicht«: »Ich hielt mich an das Rechtsfahrgebot, sogar auf den Gehwegen, und auf den Rolltreppen erst recht, ich ging nicht bei Rot über die Straße, ich hatte nur eine Muttersprache, ich hatte nur einen Geburtsort, ich hatte einen deutschen Nachnamen und zwei Vornamen, von ­denen der eine geheim war, ich rasierte mir die Monobraue, ich sagte: ›Nicht ich bin Türkin, sondern meine Mutter‹«, erinnert sich Deniz Ohde.

Deutscher sein als die Deutschen, Akzent abtrainieren, keinen Knoblauch essen, das kannte ich von den Spaniern und Kroaten aus meinem Fußballverein: »Du Scheiß-Jugo«, brüllte mal einer der Kroaten seinen Gegenspieler an, lange vor den Balkan-Kriegen. »Scheiß-Kanake« wiederum war eine gängige und von Schiris ungeahndete Invektive auf dem Platz. Die galt natürlich nicht für unsere Ausländer, die waren ja quasi Deutsche.

»Aber du kannst nicht gemeint sein. Du bist Deutsche.« So versucht die Mutter im Roman ihre Tochter zu beruhigen, der bei einer rassistischen Attacke durch einen älteren Mitschüler »ein Wort, das mit K anfängt«, nachgerufen wird.

Sie umschreiben das K-Wort. War das eine bewusste Entscheidung, das Wort nicht auszuschreiben, es quasi nicht in den Mund zu nehmen?

Ja, ja, ich hatte Schwierigkeiten damit, das reinzuschreiben. Und ich dachte mir dann, man erkennt das eigentlich sofort. Wenn man weiß, es spielt in den Neunzigern, dann weiß man, welches Wort gemeint ist.

Das K-Wort ist vergleichbar mit dem N-Wort. Es gibt ja die Auf­fassung, dass man diese Wörter nicht mehr aussprechen sollte, weil es bei Betroffenen zu einer Retraumatisierung führen könnte. Stimmen Sie dem zu?

Ja, ich würde niemals das N-Wort benutzen.

Auch nicht in einem historischen Zusammenhang, um etwas zu erklären?

Nein, aber ich wüsste auch nicht, in welchem Zusammenhang ich über historische Themen sprechen sollte.

Ich rede zum Beispiel im Radio über HipHop und Afroamerikanerinnen, die das N-Wort be­nutzen, untereinander, im Modus der Selbstermächtigung. Nehmen wir N***** With Attitude, die den Gangster Rap miterfunden haben. Mir leuchtet das mit dem Retraumatisieren vollkommen ein. Aber wie kann ich über die Geschichte von Gangster Rap ­reden, ohne das N-Wort in den Mund zu nehmen?

Ja, das ist natürlich ein Problem. Es ist ein Unterschied, ob ich das K-Wort benutze für mich und für Leute, auf die das auch zutrifft. Aber eben in einem verschwörerischen Zusammenhang.

In den Neunzigern wurde das K-Wort auch in so einem selbstermächtigenden Sinn verwendet. Vielleicht auch verschwörerisch, schönes Bild. Feridun Zaimoglu wurde für sein Buch »Kanak-Sprak« gefeiert als »Sprachrohr der jungen Männer und Frauen türkischer Abstammung in Deutschland«. Er hat diese Sprache sozusagen literarisiert. Oder: In den Neunzigern gab es die Gruppe Kanak Attack, migrantisch geprägte Leute, die antirassistische Politik gemacht, aber auch antiidentitär agiert haben. Wie stehen Sie dazu?

Ich habe nicht so einen Zugang zu dieser migrantischen Selbster­mächtigungskultur. Ich spreche zum Beispiel auch kein Türkisch.

Warum nicht?

Mein Vater meinte, ja, wir bleiben hier, ich bleibe hier, du bleibst hier. Hier bringt das irgendwie nichts.

Den Offenbacher K-Sprak-Rapper Haftbefehl mag Deniz Ohde trotzdem.

Das K-Wort. Bei einer Rückkehr nach Frankfurt-Schwanheim, meinem Geburtsort, es muss um 9/11 gewesen sein, treffe ich Wolfgang auf der Straße. Wir hatten in der Jugend der Germania zusammen gespielt, ich hatte ihn manchmal gegen Spott und Hänseleien von Mitspielern in Schutz genommen. Er war Opfer, ­bevor »du Opfer« zum Schimpfwort wurde: linkisch, ängstlich, schwach, mäßiger Kicker. Ich war als einer der besseren Spieler anerkannt, er tat mir leid, also verteidigte ich ihn. Ein halbes Leben später die Zufallsbegegnung. Er arbeite noch bei Hoechst, erzählt er. Und wohne in der Siedlung, »nur noch Kanagge«, sagt er im grob verknappten Hessisch, das schnell hässlich wird. Wolfgang setzt selbstverständlich voraus, dass ich seinen Hass auf die »Kanagge« teile. Ich sage dazu nichts und verabschiede mich schnell.

»Ich habe nicht so einen Zugang zu dieser migrantischen Selbstermächtigungskultur. Ich spreche zum Beispiel auch kein Türkisch.«
Deniz Ohde

Aus »Streulicht«: »Es war die Zeit, in der das Comedy-Duo Mundstuhl die Figuren Dragan und Alder erfand, deren Witz daraus entsprang, dass sie dumm waren. Es war die Zeit, in der Häuser brannten, wovon ich nichts mitbekam, weil meine Mutter die Nachrichten abschaltete, wenn ich dabei war. Es war die Zeit, in der alles ein unbegreiflicher Ekel war, der wortlos in mir gärte. Es war die Zeit, in der ich mit meiner Mutter im Auto saß und sie fragte, was eine Schmiererei an der Ortsausfahrt bedeutete, am westlichen Tor des Industrieparks, von wo aus man kilometerweit nichts als geschwungene Röhren sehen konnte, Schornsteine und verwinkelte Straßenzüge, durch den Fluss geteilt. Meine Mutter sagte, sie wolle es mir nicht übersetzen, es sei nichts, was ein Kind zu wissen brauche.«

Im Roman erzählt Deniz Ohde von Beklemmungen, Verwerfungen, Verheerungen, Brutalitäten, von einem saufenden Vater, der seine Frau schlägt.

Oft wird Ohdes Rückkehr nach Sindlingen mit Annie Ernaux’ Romanen verglichen oder mit Didier ­Eribons autobiographischem Buch »Rückkehr nach Reims«, in dem er feststellen muss, dass die kleinen Leute, die Proleten und Kleinbürger, mit denen er aufgewachsen ist, diejenigen, die früher links wählten, ­einen Hass auf die bourgeoisen Eliten im fernen Paris entwickelt ­haben, zu denen er, der schwule Feingeist Didier, jetzt auch gehört. Heute wählen Didiers Eltern den Front National.

»You can take a man out of the ghetto but you can’t take the ghetto out of a man.« So viel Ghetto-Pathos würde Deniz Ohde sich nicht gönnen, dabei trifft der Satz ganz gut die Schwer- und Fliehkräfte einer Gesellschaft, in der immer noch die Herkunft maßgeblich darüber entscheidet, was aus man & woman wird. Im Unterschied zu Ernaux und Eribon erzählt Deniz Ohde nicht nur von der Schwerkraft der Herkunft aus der working class, sondern von einer doppelten, intersektionalen Ächtung: class und race.

Als Arbeitertochter ist sie dem alltäglichen Klassismus des deutschen Bildungswesens ausgesetzt, aber auch dem alltäglichen Feelgood-Rassismus von Lehrern, die glauben, dass Türkenmädchen daheim viel helfen müssen und deswegen nicht Abitur machen können. Als Türkentochter wiederum ist sie dem Distinktionsrassismus deutscher Proleten ausgesetzt. Ehedem stolze Rot­fabriker, die die Schuld an ihrer materiellen und psychosozialen Ver­elendung den »Ausländern« und »Kanagge« in die Schuhe schieben. Die sind auch schuld an der Erosion ihrer Traditionsmilieus: Gewerkschaft, SPD, Kirche. Vereine, Fußball, Fasnacht, Kleingarten, Chöre. In diesen von Auflösung bedrohten Arbeiterklassenresiduen schlägt Rassismus im Zweifel Klassismus, geht Nation über internationale Solidarität (was war das noch mal?).

So gesehen ist »Streulicht« der Roman zu diesen widersprüchlichen, zum Teil gegenläufigen Ungleichzeitigkeiten. Mit ihrem von keiner Sozialromantik getrübten Blick beschreibt Deniz Ohde, wie Wurmfortsätze des Fordismus in die postfor­distische Gegenwart hineinragen, wie versprengte Reste von Traditions­mileus sich halten als Rückzugsräume für deklassierte, depravierte, ­depressive Deutsche – oder solche, die sich so fühlen. Kneipen, die »Schluckspecht« heißen, aus denen Mütter besoffene Väter heimholen. Kneipen, die schon in den Sechzigern »Schluckspecht« hießen, aus denen kleine Jungs ihre Väter vom Skat-Frühschoppen heimholen mussten zum Sonntagsbraten, der im Backofen vertrocknete.

50, 60 Jahre danach erklärt »Streulicht«, warum meine intuitiven Zweifel, ob es wirklich die Arbeiterklasse sein soll, die uns zur Revolution führt, nicht ganz unberechtigt waren.

Deniz Ohde: Streulicht. Suhrkamp, Berlin 2020, 284 Seiten, 22 Euro