Viele Franzosen lehnen ­Impfungen gegen Sars-CoV-2 ab

Gefährliche Mischung

In Frankreich wollen viele sich nicht gegen Sars-CoV-2 impfen lassen. Dazu dürfte neben einem online verbreiteten pseudodokumen­tarischen Film auch das mangelhafte Pandemiemanagement der Regierung beigetragen haben.

Der Ansturm auf die Termine für eine Impfung gegen Sars-CoV-2 hat auch in Frankreich begonnen. Bereits zuvor hatten französische Impfgegner begonnen, ihre kruden Botschaften zu verbreiten. Ende Dezember kursierten in ­Facebook-Gruppen und Internetforen zum Beispiel Beiträge, in denen Medi­ziner, die Impfstoffe gegen Sars-CoV-2 spritzen, mit dem KZ-Arzt Josef Men­gele und seinen Menschenexperimenten verglichen werden.

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Die Impfgegner unter den in Frankreich mittlerweile in der Alltagssprache nur noch kurz anti-vaxx (von vaccination, Impfung) genannten Oppo­nenten und Querulanten finden sich gehäuft unter christlichen Fundamen­talisten und Verschwörungsgläubigen. Aber sie treiben ihr Unwesen auch in den Internetforen eines diffusen Protestmilieus, zu dem unter anderem Anhänger der 2018 entstandenen, höchst heterogenen Protestbewegung der »Gelbwesten« zählen, von der inzwischen nur noch Reste existieren, aber auch Lohnabhängige, die sich von den Gewerkschaften alleingelassen fühlen.

Außerdem gibt es eher gemäßigte Impfskeptiker, die zwar keine grundsätzlichen Einwände gegen Impfungen erheben, jedoch einem Pharmakonzern wie dem US-amerikanischen Unternehmen Pfizer ebenso wenig über den Weg trauen wie den Regierenden in Frankreich. Beiden unterstellen sie unlautere Motive – von überzogenem Profitstreben bis hin zu Lügen über die Covid-19-Pandemie.

Neben Verschwörungswahn gibt es auch besser begründetes Misstrauen, das zum einen dem Vorgehen der französischen Regierung in der Pandemie gilt und zum anderen auf Pharmaskandale zurückgeht. Vor allem in der Anfangsphase der Pandemie verbreitete die Regierung Fehlinformationen. Im März vergangenen Jahres behauptete sie explizit, Schutzmasken seien völlig nutzlos; wohl hauptsächlich, um zu verbergen, dass viel zu wenige OP- und FFP-2-Masken zur Verfügung standen.

In den vergangenen Jahrzehnten gab es zudem mehrere durch Regierungshandeln mitverursachte Arzneimittels­kandale in Frankreich, von der jahrelangen Weiterbenutzung bekanntermaßen HIV-verseuchter Blutkonserven in den Achtzigern bis zum Versagen der Arzneimittelaufsicht in Hinblick auf die Nebenwirkungen des Epilepsiemedikaments Dépakine des französischen Pharmaunternehmens Sanofi bei Schwangeren.

Wenn sich jedoch begründete Vor­behalte gegen die Regierung und einzelne Pharmaunternehmen mit der grundsätzlichen Vernunftfeindlichkeit von Fanatikern und Verschwörungsgläubigen vermischen, wird es gefährlich. Einen Gradmesser dafür bildete der Publikumserfolg des online verbreiteten Films »Hold-up«. Der professionell aufgemachte und zweieinhalb Stunden lange Pseudodokumentarfilm ­beginnt mit begründeten Einwänden gegen das Regierungshandeln und endet mit Thesen wie denen, die Pandemie sei künstlich erzeugt worden, um eine Weltregierung zu errichten. Sechs Millionen Menschen luden sich den Film herunter, allerdings schauten viele ihn wohl eher aus Neugier denn aus Überzeugung. Der 56jährige Regisseur der Films, Pierre Barnérias, steht dem katholischen Flügel der französischen extremen Rechten nahe.

Ein vorläufiges Ergebnis des massenhaften Filmkonsums könnte gewesen sein, dass vor wenigen Wochen die Mehrheit der französischen Bevölkerung Impfungen gegen Sars-CoV-2 ­abzulehnen schien. Einer am 3. Januar veröffentlichten Umfrage zufolge, die das Meinungsforschungsinstitut Odoxa am 22. und 23. Dezember im Auftrag der konservativen Tageszeitung Le Figaro und des öffentlich-rechtlichen Senders France Info vorgenommen hatte, gaben 58 Prozent der Befragten an, sich nicht gegen Sars-CoV-2 impfen lassen zu wollen.

Mittlerweile hat sich das Meinungsbild erkennbar verändert. Am 14. Januar veröffentlichten Le Figaro und France Info die Ergebnisse einer ebenfalls von Odoxa vorgenommenen Umfrage. Dieser zufolge wollen sich nur noch 43 Prozent der Befragten nicht gegen Sars-CoV-2 impfen lassen. In einer drei Tage später in der Boulevardzeitung Le Parisien erschienenen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop waren es 46 Prozent.

Allem Anschein will sich also nur noch eine starke Minderheit nicht impfen lassen. Darunter sind vor allem Anhänger des rechtsextremen Rassemblement National (Nationale Sammlung, RN) und der linkspopulistischen Partei La France insoumise (Das unbeugsame Frankreich, LFI). Der Odoxa-Umfrage vom 14. Januar zufolge gaben 63 Prozent der RN- und 51 Prozent der LFI-Anhänger an, sich nicht gegen Sars-CoV-2 impfen lassen zu wollen. Beide Parteien vertreten in dieser Frage keine eindeutige Position. Sie versuchen, es den Impfgegnern in ihrer Wählerschaft recht zu machen, aber auch, in der Öffentlichkeit verantwortungsbewusst aufzutreten und gesundheitspolitischen Notwendigkeiten Rechnung zu tragen.

Die RN-Vorsitzende Marine Le Pen sagte dem privaten Fernsehsender BFM TV im Dezember, sie selbst werde sich impfen lassen, doch müsse man die Wahlfreiheit der Impfskeptiker verteidigen, die nicht ausreichend gewährleistet werde. Ihre Nichte und politische Rivalin Marion Maréchal sagte am 20. Januar als Studiogast im selben Sender, sie werde sich zunächst nicht impfen lassen, da sie auf einen vertrauenswürdigeren Impfstoff als die derzeit angebotenen warte – sie sei jedoch nicht unverantwortlich und nicht prinzipiell gegen Impfungen, ihre Tochter sei gegen Masern und Tetanus ­geimpft. Der rechtsextreme Bürgermeister der südfranzösischen Stadt ­Béziers, Robert Ménard, sagte demselben Sender am Donnerstag vergan­ge­ner Woche, Impfgegner seien »Schwachköpfe«, es müsse »das Individual- ­hinter dem Allgemeininteresse zurücktreten«.

Die Partei LFI zeigt sich wissenschaftsfreundlich und keineswegs generell impfskeptisch. Zudem fordert sie, Pharmakonzernen die Patente zu entziehen und sie der öffentlichen Hand zu übergeben. Doch ihr Vorsitzender und regelmäßiger Präsidentschaftskandidat, der Linksnationalist Jean-Luc Mélenchon, sagte mehrfach, er wolle sich weder mit dem Präparat des ­US-amerikanischen Pharmaunternehmens Moderna impfen lassen noch mit dem, das das US-Unternehmen Pfizer mit seinem deutschen Partner ­Biontech entwickelt hat. Er habe mehr Vertrauen in die russische, chinesische und kubanische Impfstoffentwicklung.