Die Berlinale in Zeiten der Pandemie

Heimkino für alle

Der erste Teil der diesjährigen Berlinale beginnt: Als Online-Veranstaltung ohne Festivalpublikum startet der Wettbewerb vor Fachbesuchern. Für die Zukunft des Kinos verheißt das nichts Gutes.

In Zeiten der Pandemie findet die Berlinale statt und sie findet nicht statt: Für die Woche vom 1. bis 5. März ist der erste Block der 71. Internationalen Filmfestspiele Berlin als Online-Event geplant, das sich lediglich an die Filmwirtschaft richtet. Eine ausgewählte Journalistenschar, der zur Auflage gemacht wurde, tagesaktuell zu berichten, ist ebenfalls zugelassen, was dazu führt, dass selbst jahrzehntelange publizistische Begleiter des Festivals diesmal nicht dabei sein werden.

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Normalo-Festivalbesucher sollen dann für den zweiten Veranstaltungsblock im Juni elf Tage ins Kino dürfen. Dann sind die Auszeichnungen bereits vergeben, aber noch nicht verliehen. Die physische Übergabe der Bären und Blumensträuße soll vor Publikum im Sommer stattfinden. Die Mitglieder der internationalen Jury werden die Filme während des ersten Blocks auf der Leinwand in Berlin anschauen – allerdings ohne den iranischen Juror Mohammad Rasoulof, Gewinner des letztjährigen Goldenen Bären, der 2019 wegen »Propaganda gegen das System« im Iran zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt wurde und nicht ins Ausland reisen darf.

Das Kino verkörpert zurzeit ein allgemeines Gefühl des Niedergangs. Ohne die Anwesenheit des Publikums in der Selbstverständigungsmaschine des Kinosaals ist seine Zukunft ungewiss.

Nicht alle Produzenten wollen ihre Filme online zugänglich machen. Es könnte doch jemand mitstreamen, der das Premierenwerk herunterlädt und in der Gegend herumschickt. Dabei sollte doch klar sein, dass ein Berlinale-Film im Normalfall nur deswegen geschaut wird, weil er auf der Berlinale läuft. Die Zuschauerzahl, die so manches Werk im regulären Kinobetrieb verzeichnen kann, bewegt sich durchaus schon mal im unteren Hunderter-Bereich, plus noch mal so viel beim späteren Screening im Kunstkanal Arte nachts um drei.

Das ist jenes Kino, das in der Regel als »unbequem« bezeichnet wird. Der vormalige Direktor der Berlinale, Dieter Kosslick, verstand unter Unbequemlichkeit im Kino dies: Nebenan schmatzt einer Nachos mit Käsesauce, von hinten ploppt die Bierflasche auf. Kosslick wählte schon seinen Riesenfernseher im Homeoffice, da gab es Corona noch gar nicht. Sein Nachfolger Carlo Chatrian sieht das Kino als soziale Veranstaltung: »Eines meiner Ziele als künstlerischer Leiter ist es, aufregenden neuen Stimmen eine Bühne zu geben. Ich glaube, uns ist eine gute Balance zwischen jungen Filmemachern und solchen mit einer reichen Geschichte gelungen.«

Allzu großes Kino ergibt dies allerdings nicht, eher das kleine. Kosslick brachte zahlreiche Hollywood-Schinken in den Beiprogrammen unter; da kam dann auch schon mal Brad Pitt auf ein Bier in Berlin vorbei. Solch einen Glamour hätte das Festival dieser Tage nicht zu bieten, selbst wenn das Kino im Kino liefe.
Der Wettbewerb verzichtet komplett auf das US-Kino; es dominiert europäisches Festivalkino, darunter vier Filme aus Deutschland. So präsentieren Maria Schrader und Dominik Graf ihre neuen Werke, Regisseure wie Radu Jude und Bence Fliegauf geben sich den Online-Link in die Hand. Chatrian erklärt das so: »Die Mehrzahl der eingeladenen Filme stammt von Künstler*innen, die schon in der Vergangenheit beim Festival waren. Die Bandbreite der Themen ist umfangreich und behandelt aktuell relevante Fragen.«

Noch wichtiger sei, »dass jeder Film die Form, die er wählt, hinterfragt: Kammerspiel, dokumentarische Form, Kurzgeschichten, moralische Lehrstücke, Buchadaption, Sci-Fi, Coming-of-Age, Satire, Historienfilm, Märchen … Diese Verwendung von Genres oder Modellen begleitet einen Prozess des Spielens mit den Regeln.«

In der im vergangenen Jahr eingeführten Reihe »Encounters«, die »sich als Kontrapunkt und Ergänzung des Wettbewerbs neuen filmischen Visionen verschreibt«, wird der Film »Das Mädchen und die Spinne« von Ramon und Silvan Zürcher dann so vorgestellt: »Lisa zieht aus der WG mit Mara aus, um künftig allein zu wohnen. An den beiden Umzugstagen und in der Nacht dazwischen geht vieles zu Bruch, anderes renkt sich ein. Der Film (…) spielt fast ­ausschließlich in Innenräumen und wirkt damit unwillkürlich auch wie ein Resümee der Pandemiezeit mit ihren Paradoxien.«

Das Kino gehöre auf die Leinwand, erklärte Co-Chefin Mariette Rissenbeek. Was soll man nach einem Jahr des Ausnahmezustands sagen: Physischer Austausch ist so ein bisschen Neunziger. Auch der Bär auf dem diesjährigen Berlinale-Plakat strahlt nicht unbedingt Zuversicht aus, eher wirkt es so, als habe ihn jemand mit dem letzten Rest Ofenrohrfarbe auf den roten Hintergrund gemalt.

Zu kämpfen haben die Kuratoren auch damit, dass voriges Jahr in die Schlagzeilen geriet, dass Berlinale-Gründer Alfred Bauer schon bei den Nationalsozialisten gut angesehen war: als Referent bei der Reichsfilmintendanz. Dazu wird derzeit ein Gutachten erstellt und der nach ­Bauer benannte Preis bis auf Weiteres nicht verliehen. Nettes Antrittsgeschenk.

Das Kino verkörpert zurzeit ein allgemeines Gefühl des Niedergangs. Ohne die Anwesenheit des Publikums in der Selbstverständigungsmaschine des Kinosaals ist seine Zukunft ungewiss. »Bei einem Kinoerlebnis ­begegnen sich Menschen mit den verschiedensten Hintergründen und ­Erfahrungen«, sagt etwa Gabriel Hageni, Leiter des vereinsbetriebenen Kinos Krokodil in Berlin. »Sie leben in unserer Nachbarschaft als Friseurin, Professor, Steinsetzer, Studentin, Klavierbauerin, als Arbeitsmigrant, Theaterintendant oder Rentnerin. Doch ohne Unterstützung von Politik und Vermietern werden wir die Spielstätten auf Dauer nicht halten können.«

Werden wir uns je wieder über Chipstütengeknülle im Kino ärgern? Wird man wieder ins Kino gehen, wenn der Coronakram etwas lockerer gehandhabt wird? Gibt es dann überhaupt noch Kino-Krokodile? Auf Netflix gibt es schließlich jeden Tag »Filmfestival«, wozu noch irgendwo hingehen? Streamen ist sozial genug, Flaschenbier geht auch allein. »Viele Etappen des Kinosterbens ­liegen bereits hinter uns, aber so schlecht wie jetzt sah es noch nie aus«, sagt der Filmkritiker Wolfgang M. Schmitt, der ironischerweise als Youtuber große Bekanntheit erlangt hat.

Den Online-Trend nutzen aber nicht nur Großproduzenten wie Disney aus, die schon längst nicht mehr auf die Verwertung ihrer Werke im Kino bauen. Das Monatsabo ist nicht teurer als eine einzige Kinokarte. Auch bei kleineren Verleihern testet man alle Formen der Verwertung unter Coronabedingungen: Streamen auf Videoportalen oder auf der eigenen Website. »100 000 – Alles, was ich nie wollte«, ein erstaunlicher Film von Fynn Kliemann, brachte es auf eben genau jene 100 000 Kinokarten, die online verkauft wurden. Da konnte man sein Lieblingskino, in das man sonst gegangen wäre, mitbuchen, 25 Prozent der Einnahmen wurden dorthin überwiesen. Ins Kino gehen von zu Hause aus auf dem Sofa – praktischer geht’s kaum, couch potatoes! Das wäre doch auch ein Statement pro Kino von Seiten der Berlinale gewesen: alle Filme streamen und die örtliche Wirtschaft supporten!

Leider konnte man diesen Weg wohl nicht gehen. Voriges Jahr hat man sich die Kinos am Potsdamer Platz mopsen lassen, dieses Jahr ist die Festival-Präsenz im Frühjahr ­kassiert. Zudem: Jeder dritte Film- und Fernsehmacher erachtet die Coronakrise dem Branchenverband Produzentenallianz zufolge schon jetzt als existenzbedrohend. Kultur kostet Geld, wenn sie keines einbringt. Mal sehen, was dann nächstes Jahr folgt.