Pia Klemps Roman »Entlarvung«

Shoppen und kämpfen

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Es beginnt mit Oralverkehr. Ein »gegenseitiges Konsumieren in einem egoistischen Gemeinschaftswerk«, so formuliert es die Protagonistin Rubi. Der jungen Frau ist eigentlich alles egal; wenn sich doch mal Emotionen bei ihr regen, dann die negativen. Abneigung hegt die Mitarbeiterin in einem Naturkundemuseum gegen ihren Vorgesetzten und seine ­Sekretärin, aber auch gegen ihre Schwester und deren Mann. Einzig die Arbeit an den Tierpräparaten bereitet ihr so etwas wie Freude. Als Material von einer Aktivistin entwendet wird, passiert es: Rubi giert danach, etwas Sinnvolles zu tun, und schließt sich der klandestinen Gruppe an, die für Klimagerechtigkeit und Umweltschutz kämpft. Aber sie durchschaut anfangs nicht, was wirklich läuft. Etwa, dass die von ihr bewunderte Aktivistin, die sich als »Louise Michel« vorstellt (wie die französische Anarchistin und Kommunardin), eigentlich Iana heißt.

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Pia Klemp, »Sea Watch«-Kapitänin, Menschenrechtlerin und Autorin, schildert in ihrem Roman »Entlarvung« die Entwicklung einer Aktivistin, die sich auch mit gefühlsmäßigen politischen Neigungen inklusive Verzückungen und Hasenherzigkeit auseinandersetzen muss.

Als der Protagonistin bei einem »Woke«-Seminar Lachs serviert wird, ist sie außer sich vor Wut. Rubi ist so erpicht darauf, von nun an alles richtig zu machen, dass sie vor dem Kampf gegen den Kapitalismus erst einmal die richtige Kleidung shoppt. Auf witzige Weise gelingt es Klemp, die Widersprüche aufzuzeigen, mit der sich die Szene herumschlagen muss. Dabei kann sie auch über sich selbst lachen. Sie überführt nicht nur die anderen der Heuchelei – etwa die Schwester und deren Mann Thilo als Verkörperung des ­guten Gewissens des privilegierten weißen Bildungsbürgertums –, sondern kommt auch den Leuten aus den eigenen Reihe auf die Schliche. Dennoch ist »Entlarvung« kein durchweg witziges Buch, sondern ein eher nachdenklich stimmender Roman, der zeigt, dass Politaktivismus nicht dazu dienen darf, die eigene Leere zu überspielen.

Pia Klemp: Entlarvung. Ventil-Verlag, Mainz 2021, 224 Seiten, 20 Euro