In seinem Buch »Ein anderer Krieg« stellt Dan Diner den Zweiten Weltkrieg aus einer insbesondere deutschen Lesern ungewohnten Perspektive dar

Der vergessene Ozean

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Es gibt wohl kaum ein historisches Sujet, das medial so präsent ist wie der Zweite Weltkrieg. Die Doku-Kanäle des Fernsehens jedenfalls müss­­ten ihr Programm ohne die Verwertung von Wehrmacht und Weltkrieg deutlich einschränken. In den zwei Wochen um die Osterfeiertage lie­fen dort nicht weniger als 112 Beiträge, in deren Ankündigungen der Name Hitler vorkommt, darunter reißerisch Aufgemachtes wie »Geheimakte Hitler: Diktator auf Drogen«, aber auch Seriöses wie die Reihe »Wen­depunkte des Zeiten Weltkriegs«.

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Es scheint also, als ob alles bekannt und gesagt wäre und in stetem Strom recycelt würde. Doch dieser Eindruck täuscht. Dass die gängige Sichtweise auf den Zweiten Weltkrieg dessen globale Dimension regelrecht verfehlt, zeigt deutschsprachigen Lesern nun einer, der schon des Öfteren deren Denkgewohnheiten erschüttern konnte: Dan Diner, der Moderne Geschichte an Jerusalems Hebräischer Universität lehrt und Wendungen geprägt hat wie die, dass der Nationalsozialismus einen »Zivilisationsbruch« darstelle und der Holocaust »kein Narrativ, sondern eine Statistik« habe.

Diners neues Buch wird seinem programmatischen Titel »Ein anderer Krieg« jedenfalls vollauf gerecht und das nicht nur, weil es im Kontext des großen Kriegs einen, wie Diner ihn nennt, »kleinen Krieg« behandelt, den verschachtelten Dreierkonflikt im britischen Mandatsgebiet Palästina zwischen der Mandatarmacht, dem jüdischen Gemeinwesen und der alles andere als homogenen Gruppe der ansässigen Araber (den Begriff »Palästinenser« hat die PLO erst 1964 als Bezeichnung der Angehörigen eines eigenen »Volks« gekapert).

Was die Analyse so außergewöhnlich macht, ist vor allem, mit welch weit ausholender Bewegung und welch sicherem Gespür für hintergründige Zusammenhänge Diner sie angeht: Seine Anordnung folgt nicht der üblichen chronologischen und geographischen Einteilung, die beim Kriegsverursacher Deutschland (oder auch Japan) ihren Ausgang nimmt und der Richtung der Raub- und Vernichtungszüge folgt; Diner ordnet das Kriegsgeschehen vielmehr aus dem Blickwinkel des von Deutsch­land und Japan gleicher­maßen – wenn auch nicht in gleichem Maße – Angegriffenen, der zwar letztlich siegte, aber um den Preis seines Untergangs, weshalb seine Rolle im Krieg aus den Augen geraten ist: des britischen Empire.

Und diese Anordnung ist triftig, denn sie beleuchtet den Zwischenraum der prominenten Kriegsschwerpunkte Atlantik und Pazifik: den ­indischen Ozean mitsamt seinem, wie Diner sagt, »nordafrikanischen und mittelöstlichen Saum«. Die Kontrolle über diesen Raum war für das Empire enorm wichtig, um seine ökonomische Lebensader abzuschirmen, die Verbindung zwischen den britischen Inseln und Indien, der mit Abstand wichtigsten Kolonie: zu Wasser durch den Suez-Kanal, zu Land über Persien und Mesopotamien nach Alexandria und Haifa. Die Im Norden des Mandatsgebiets gelegene Hafenstadt bezeichneten die italienischen und deutschen Piloten, die sie 1941 intensiv bombardierten, wegen ihrer Raffinerien als »englische Tankstelle«.

Großbritannien musste seine koloniale Ressourcen in einem lange nicht mehr gekannten Maß beanspruchen, um der Aggression der Achsenmächte standzuhalten. In den Kolonien hasste man die Briten dafür und sympathisierte mit jenen, die sie doch erst zu diesen Maßnahmen genötigt hatten.

Diner zeigt, dass für die Logistik der Alliierten im Zweiten Weltkrieg die britische Kontrolle über den indischen Ozean und die an ihn angren­zenden Gebiete in gleich dreierlei Hinsicht entscheidend war: Erstens sorgten angloindische Truppen für die dringend benötigte Versorgung und Verstärkung der britischen 8. und 9. Armee, die in Ägypten und der Levante den Durchbruch der Wehrmacht zu wichtigen Raffinerien und Ölverbindungen und nicht zuletzt die Ausdehnung der »Endlösung« auf das Mandatsgebiet Palästina verhinderten. Zweitens ermöglichte die indische Verbindung die Versorgung der nationalchinesischen Armee Chiang Kai-sheks, die starke japanische Kräfte band und dadurch half, den Umschwung im Pazifik-Krieg einzuleiten. Und last but not least ermöglichte erst die Sicherung des »persischen Korridors« und die durch ihn erfolgende Lieferung Zehntausender US-amerikanischer Flug- und Fahrzeuge an die Sowjetunion die erfolgreiche Gegenoffensive der Roten Armee (die »Stalinorgeln« waren ­­auf Lastwägen US-amerikanischen Typs montiert).

Dabei zeigt sich auch etwas, was Diner, wenn auch in zurückhaltendem Ton dargelegt, gleichfalls erkennen lässt: wie verhängnisvoll die sich anbahnende Entkolonisierung mit dem Zweiten Weltkrieg verschlungen ist. Zur Sicherung des Korridors mussten die Briten gleich zwei pronazistische, postkoloniale Regimes stürzen, die im Irak beziehungsweise im Iran die Macht ergriffen hatten und von Deutschland mit Waffen beliefert wurden. Die Sympathien der anti- und postkolonialen Bewegungen und Regimes, die im Empire agierten oder sich frisch von diesem losgesagt hatten, lagen bei Deutschland (in Indien auch bei Japan) – nicht nur aus taktischen Gründen, sondern auch weil diese als Vorbilder dafür erschienen, wie man unter Verzicht auf demokratische und aufklärerische Umwege und mit brachialer Gewalt die alten Mächte herausfordern und bezwingen kann. Der Sturz des irakischen Diktators Rashid Ali im Mai 1941 – auch da mag das Vorbild erkennbar sein – endete für die Juden Bagdads in einem unerhört blutrünstigen Pogrom, dem sogenannten Farhud.

Die Gesamtkonstellation, die ­die Aggression der Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan ursächlich herbeigeführt hatte, war ­fatal: Großbritannien musste seine kolonialen Ressourcen in einem lange nicht mehr gekannten Maß beanspruchen, um dieser Aggression standzuhalten. In den Kolonien hasste man die Briten dafür mehr denn je und sympathisierte mit jenen, die sie doch erst zu diesen Maßnahmen genötigt hatten; eine Verkehrung, die bis heute übel nachwirkt, wenn etwa eine postkolonial gestimmte indische Journalistin die bengalische Hungersnot 1943 als britischen »Holocaust« bezeichnet.

In den Jahren, in denen immer klarer wurde, dass Deutschland und Italien Krieg wünschten, veränderte sich auch die Lage an der östlichen Mittelmeerküste, wo das Empire nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs ein Schutzmandat des Völkerbundes für Palästina übernommen hatte, ein Gebiet, das die heutigen Territorien Jordaniens und Israels umfasste. Das war strategisch fol­gerichtig mit Blick auf die Sicherung der indischen Verbindung, aber nicht nur dadurch motiviert: Das Vereinigte Königreich war dem zionistischen Anliegen einigermaßen gewogen und hatte den Pionieren, die auf Grundlage der alteingesessenen jüdischen Gemeinde, dem Yishuv, in Palästina eine jüdischen Heimstätte aufbauen wollten, in der sogenannten Balfour-Deklaration 1917 sein Wohlwollen zugesichert. Doch dieses währte nicht allzu lange: Die Zahl jüdischer Einwanderer stieg, die Araber sahen sich im Hintertreffen und sympathisierten in nicht unbedeutender Zahl mit den künftigen Achsenmächten, die nicht nur das Empire herausforderten, sondern auch den Juden feindlich gesinnt waren – gute Voraussetzungen für die Agitation des Mufti von Jerusalem, der die Wiederkehr alter islamischer Größe an der Seite Hitlers versprach und nicht zuletzt in Bagdad Gehör fand.

In den Jahren ab 1935 tobte ein regelrechter arabischer Aufstand im Mandatsgebiet, den die Briten mit Härte bekämpften, zu einem Zeitpunkt, als Großbritanniens Rüstung immer weiter hinter die Deutschlands zurückfiel, denn das Land kürzte in der Weltwirtschaftskrise das Verteidigungsbudget zugunsten der Wirtschafts- und Sozialressorts. Die Folge war die Appeasement-Politik in Europa und in gewisser Weise auch in der arabischen Welt: Um bei den Muslimen und ihren Anführer ­nicht noch mehr Loyalität zu verlieren, begrenzte Großbritannien die jüdische Einwanderung immer stärker, je nötiger sie andererseits wurde, weil statt freiwilliger Pioniere nun notgetriebene Flüchtlinge ins Mandatsgebiet kommen wollten. Premierminister Neville Chamberlain legte im April 1939 dar, warum Großbritannien sich gezwungen sah, die Zusagen der Balfour-Deklaration zurückzunehmen: Es sei unabdingbar, »die muslimische Welt auf unserer Seite zu haben. Wenn wir gezwungen sind, eine Partei vor den Kopf zu stoßen, dann sollten das eher die Juden als die Araber sein.«

Die imperiale Verteidigung ging also auch auf Kosten des zionistischen Vorhabens. Längst war ab 1935 der kleine Krieg im Mandatsgebiet, der Dreierkonflikt, entbrannt – und doch wurde seine Austragung noch einmal aufgeschoben. Der unerwartete Kollaps Frankreichs und die deprimierende Lage der britischen Streitkräfte in den Jahren bis 1942 brachte den Yishuv noch einmal an die Seite der Mandatarmacht, ging es doch spätestens seit Erwin Rommels Vorstoß auf den Suez-Kanal um das blanke Überleben der Juden in Palästina.

Als deutsche Panzer nur noch 250 Kilometer von Palästina entfernt waren, herrschte im Yishuv berechtigte Angst vor dem Untergang; die schlechtbewaffneten jüdischen Streitkräfte von Palmach und Haganah bereiteten sich schon auf ein apokalyptisches letztes Gefecht in den Carmel-Bergen gegen die Deutschen vor. Auch diese trafen für sie typische Vorbereitungen: In Athen arbeitete der Sonderstab F der Wehrmacht an der Kooperation mit der »arabischen Freiheitsbewegung«, während die SS Vorbereitungen für den Genozid an jenen traf, die Tom Segev später als die überlebende »siebte Million« bezeichnen sollte. Erst die Siege von el-Alamein und auch in Stalingrad brachten die Wende im Krieg – fortan zeichnete sich ab, dass die Deutschen ihn ver­lieren würden, wenn auch noch nicht, wann.

Der nationalsozialistische Behemoth nutzte die verbleibende Zeit, um die Vernichtung möglichst vieler Juden über jede militärische Notwendigkeit zu stellen. Der Yishuv hingegen, in dem das, was die Deutschen gerade taten, erst langsam bekannt wurde und schlicht jenseits des Vorstellbaren zu liegen schien, legte den Grundstein für die Gründung Israels. Und das Empire? Dessen Auflösung begann nahezu mit dem Tag, als es nicht mehr gebraucht wurde, um die Achsenmächte zu besiegen. 1947 kündigte Clement Attlee, der Winston Churchill 1945 als Premierminister abgelöst hatte, den britischen Rückzug aus Palästina an, und entließ im selben Jahr Indien und Pakistan in die Unabhängigkeit.

Dan Diner: Ein anderer Krieg. Das jüdi­sche Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935–1942. Deutsche Verlags-Anstalt, ­München 2021, 352 Seiten, 34 Euro