Der Macht­missbrauch an deutschen Theatern aus feministisch-gesellschaftskritischer Perspektive

Vorsicht, Theater!

Wenn auf die »alten weißen Männer« das Neopatriarchat folgt: Ein paar Awareness-Workshops werden nicht genügen, um den Macht­missbrauch an deutschen Bühnen zu beenden. Das Problem ist viel größer.

Die Berichte über Fälle von sexualisierten Übergriffen und Machtmissbrauch an deutschen Theatern reißen nicht ab. Erst vor wenigen Wochen musste der Interimsintendant der Berliner Volksbühne, Klaus Dörr, zurücktreten, nachdem ihm mehrere Frauen sexuelle Belästigung und übergriffiges Verhalten vorgeworfen hatten. In der öffentlichen Debatte darüber, wie Missbrauch dieser Art zu erklären und endlich zu unterbinden ist, zeichnen sich zwei Argumentationsstränge ab. So erkennen Christine Dössel und Christiane Lutz in einem Beitrag in der Süddeutschen Zeitung im Theater eine von »patriarchalisch-hierarchischen Machtstrukturen« geprägte »letzte feudalistische Bastion«. »Neue Strukturen«, so die Autorinnen, seien »bitter nötig«. Im Neuen Deutschland hingegen bringt Jakob Hayner die Probleme weniger mit veralteten und mittelalterlich anmutenden Verhältnissen in Verbindung als mit den spätkapitalistischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte. Das Theater arbeite wie eine neoliberale Projektbörse mit hierarchischer Führung. Der daraus erwachsende Konkurrenzdruck, die Erpressbarkeit und ökonomische Prekarität mache die Institution erst so anfällig für Machtmissbrauch. Warum die Übergriffe vor allem Frauen und auch people of color treffen, ist damit allerdings noch nicht geklärt.

Wie in anderen Bereichen auch waren die Frauen des »Bühnenproletariats« ökonomisch und rechtlich schlechter gestellt als ihre männlichen Kollegen. Sie wurden deutlich schlechter bezahlt, ein uneheliches Kind war ein sofortiger Kündigungsgrund, eine Ehe­schließung ebenso. Hinzu kam ein System der »Kostüm-Prostitution«

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