Laborbericht: mRNA-Impfstoffe könnten auch gegen andere Krankheiten als Covid-19 helfen

Erfolg mit Pferdefuß

Kolumne Von

Die noch relativ kurze Geschichte der Covid-19-Pandemie ist – zumindest außerhalb von Ländern, die sich einer strikten No-Covid-Strategie verschrieben haben – hauptsächlich eine der fatalen Fehlentscheidungen. Dennoch soll an dieser Stelle einmal etwas Positives hervorgehoben werden: Als das Virus vor etwas mehr als einem Jahr begann, sich weltweit zu verbreiten, lautete die Prognose, dass die Entwicklung eines Impfstoffs mindestens eineinhalb Jahre brauchen werde. Dass es dann bis zur Zulassung der ersten Vakzine nicht einmal ein Jahr dauerte, ist ein Riesenerfolg.

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Die auf den ersten Blick gute Nachricht, dass sich nun auch die USA für eine – temporäre – Freigabe der Patente aussprechen, überdeckt dagegen eher den eigentlichen Skandal: dass es überhaupt Patente auf lebensrettende Wirkstoffe gibt und dass das als selbstverständlich erscheint. Offenbar musste es erst zu der katastrophalen Lage in Indien kommen, um ein Umdenken zu bewirken. Ob die EU, die einer Freigabe bisher noch im Weg steht, sich dem anschließt, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Und dass die deutschen Medien sich eher um die Kursverluste der Impfstoffhersteller sorgen, die das Umschwenken der USA ausgelöst hat, spricht für sich.

Aber zurück zu den positiven Dingen und der wissenschaftlichen Seite der Impfstoffentwicklung: Dass bei den neuartigen Coronavakzinen erstmals mRNA zur Anwendung kommt, also dass statt der Proteine, auf deren Abwehr das Immunsystem trainiert werden soll, die genetische Bauanleitung dieser Proteine verimpft wird, ist ein kaum zu unterschätzender Durchbruch – denn mRNA-Vakzine lassen sich zum einen schneller produzieren und zum anderen leichter »maßschneidern«, zum Beispiel um neuen Varianten eines Erregers begegnen zu können.

Zudem rufen mRNA-Impfstoffe eine stärkere Immunreaktion hervor als herkömmliche Vakzine, die auf deaktivierten Erregern oder Fragmenten der Erreger basieren – tatsächlich war eine Schwierigkeit bei der Entwicklung der mRNA-Impfstoffe, dass diese erst einmal chemisch entschärft werden mussten, damit das Immunsystem nicht völlig durchdreht. Nachdem dieses Problem gelöst wurde, gibt es Hoffnung, dass die Methode auch im Kampf gegen Infektionen helfen könnte, die sich bisher allen Versuchen hartnäckig entziehen, eine Impfung gegen sie zu entwickeln – das HI-Virus wäre so ein Kandidat.

Ob entsprechende Impfstoffe dann auch denen zugute kommen, die sie am dringendsten benötigen, ist eine andere Frage. Aber man wird ja noch träumen dürfen und hoffen, dass es etwaige Erfinder so halten wie der US-amerikanische Immunologe Jonas Salk, der 1955 die erste wirksame Polio­impfung entwickelte. Der antwortete auf die Frage, wem das Patent gehöre: »Nun ja, den Menschen. Es gibt kein Patent. Könnte man die Sonne patentieren?«