Auf der Pirsch mit einem Plagiatsjäger

Das blutige Geschäft des Plagiatjägers

Auf der Pirsch mit Stefan Webber.
Die preisgekrönte Reportage Von

Wir treffen Stefan Webber an einem Schießstand in der Nähe von Recklinghausen. Misstrauisch beäugt er uns, bevor er uns die Hand gibt. »Hmm, ein sehr schwacher Händedruck, kaum Daumenspiel«, bemerkt er sofort. »Erinnert mich an einen ähnlichen Händedruck, den ich 2014 bei Günther Oettinger registriert habe. Noch kann ich aber keinen manifesten Täuschungswillen erkennen.« Erleichtert setzen wir das Interview fort. Seit die Öffentlichkeit Politikmachende nicht mehr nach ihren Lügen bewertet, sondern danach, ob sie diese Lügen irgendwo abgeschrieben haben, ist Webber ein gefragter Mann. Wie wird man eigentlich Plagiatjäger?

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»Ich bin zunächst bei einem erfahrenen Plagiatjäger in die Lehre gegangen«, erklärt er nach kurzem Nachdenken. »In den Neunzigern gab es ja noch keine Wikis oder öffentlich einsehbare Online-Archive. Wir sind noch mitten in der Nacht in Villen ein­gebrochen, haben die Schreibtischschubladen von Abgeordneten geknackt. Wir haben feinen Kohlestaub über ihre Hausbibliotheken gestreut, um herauszufinden, an welchen Bücherregalen sie zugange waren.« Webber schert plötzlich aus und schlägt sich mit uns ins Unterholz. »Ich will auf gar keinen Fall in den Ruch kommen, denselben Weg wie andere Plagiatjäger zu nutzen.« Dann wird sein Blick wieder nostalgisch: »Wir sind jedem verborgenen Hinweis in den Bibliographien nachgegangen, haben mit blinden Bibliothekaren geredet, die uns dann vergiften wollten. Heute ist die Magie raus, alles nur noch Technik.«

Webber bleibt kurz stehen, geht dann geduckt weiter, gebietet uns mit einer Geste, Stillschweigen zu bewahren. »Da, die klassische Losung«, sagt er leise und zeigt auf den Boden. Tatsächlich: Hier hat ein Copy-Paster seine Zwischenablage entleert. »Sein letzter Fehler«, frohlockt Webber und schleicht weiter zu einer Lichtung. Im Halbschatten erkennen wir die majestätische Gestalt eines Originalzitats. Oder doch nicht? Webber lacht leise: »Gut, oder? Habe ich selbst gebaut. Aus ›Tagesschau‹-Zi­ta­ten und etwas Rinde. Das lockt sie an wie Honig die Fliegen … « Es raschelt im Unterholz, dann huscht die filigrane Gestalt von Kevin Kühnert auf die Lichtung. »In dieser Phase des Wahlkampfs halten sie jeden Tag Reden. Sie brauchen alle Zitate, die sie kriegen können … « Das journalistische Ethos gebietet uns, die folgenden, äußerst grausamen Szenen nicht zu beschreiben. Halali.

 

Aus der Urteilsbegründung: Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.