Thomas Vinterbergs Tragikomödie »Der Rausch« ist voll ansteckender Lebenslust

Spring Break Ü40

In Thomas Vinterbergs Trinkerkomödie »Der Rausch« wagen vier vom Leben enttäuschte Gymnasiallehrer ein Selbstexperiment. Selten war der Dogma-Film so lebendig.

Mitte der neunziger Jahre machten sich die dänischen Regisseure Thomas Vinterberg, Lars von Trier, Kristian Levring und Søren Kragh-Jacobsen gemeinsam daran, das Kino zu erneuern, weil es ihrer Meinung nach behäbig und irrelevant geworden war und an seinen Konventionen und technischen Effekten zu ersticken drohte. In ihrem Manifest »Dogma 95« stellten sie Regeln auf, um das Wesen der Kinematographie zu retten. Das »Keuschheitsgelübde« verlangte, Filme nur an Originalschauplätzen und nur mit Hand­kamera zu drehen und auf Gewaltszenen, Filmmusik und Spezial­effekte zu verzichten.

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Die dänischen Regisseure gaben sich bilderstürmerisch und ließen gerade mal die Anfänge der französischen Nouvelle Vague in den fünf­ziger Jahren oder das Oberhausener Manifest von 1962 gelten. Den Autorenfilm, der sich auf dieselben Tradition berufen hatte, erklärten sie für gescheitert. Mit den beiden ersten Dogma-Filmen – Vinterbergs »Das Fest« und von Triers »Idioten« – sorgten sie 1998 beim Filmfestival in Cannes für Furore; Vinterberg gewann den Preis der Jury und galt fortan als Wunderkind des Films.

Die finale Performance des sowieso großartigen Hauptdarstellers von »Der Rausch« legt ganz ohne Worte Zeugnis vom körperlichen Potential entfesselter Lebenslust ab. So gut hat alkoholisierte Mittelschichtslarmoyanz lang nicht ausgesehen.

»Das Fest« vereinte darstellerische Wucht, Tragödie und alkoholseligen Witz. Erzählt wurde vom Missbrauch durch den Vater und dem mütter­lichen Schweigen darüber. Allerdings behauptete der Film den Schrecken eher um des ­Effektes willen, als dass er das Geschehen ernst genommen hätte. An dieser Diskrepanz zwischen inhalt­lichen Schwächen und Formwillen krankten die meisten Produktionen der Dogma-Reihe. Obwohl eine der Regeln des Manifests besagt, dass der Name des Regisseurs im Abspann nicht erwähnt werden soll, diente das Dogma-Label seinen Verfechtern von Anfang an nicht zuletzt der Selbstdarstellung.

Nach der europäischen Großproduktion »Kursk« (2018), die auf dem realen Fall des havarierten gleich­namigen russischen Atom-U-Boots im August 2000 in der Barentssee beruht, ist Vinterberg mit seinem neuen Film »Der Rausch« (Originaltitel: »Druk«) wieder zum Schauplatz Dänemark zurückgekehrt. Der Film hat eine traurige Vorgeschichte. Vinterberg, der gemeinsam mit ­Tobias Lindholm mehrere Jahre an dem Drehbuch geschrieben hat, wollte seine Tochter Ida die Rolle einer Schülerin in dem Film spielen lassen. Noch während die Castings stattfanden, verunglückte die junge Frau im Mai 2019 bei einem Verkehrsunfall tödlich. Vinterberg entschied sich, die Dreharbeiten dennoch aufzunehmen. Bei der Entgegennahme des Oscars in der Kategorie »International Feature Film« im April äußerte Vinterberg sich erstmals öffentlich zum Tod seiner Tochter: Das Thema des Films, der Verlust der Kontrolle über das eigene Leben, sei auf unerwartete Weise zu seinem eigenen geworden.

»Der Rausch« erzählt die Geschichte von vier miteinander befreundeten Männern, die unter der Monotonie und Spießigkeit ihres Alltags als Lehrer an einem Gymnasium leiden. Martin (Mads Mikkelsen), Tommy (Thomas Bo Larsen), Nikolaj (Magnus Millang) und Peter (Lars Ranthe) ­leben in relativem Wohlstand und trauern der Jugendzeit hinterher, als das Leben noch aufregend war. Insbesondere Martin leider unter seiner Abstumpfung. Mit seiner Frau Anika (Maria Bonnevie) und den Kindern im Teenageralter spricht er nur noch, um Organisatorisches abzustimmen, und auch vor der Klasse versagt er. Selbst auf der Feier von Peters 40. Geburtstag in einem Nobelrestaurant wirkt er apathisch. Doch dann offenbart der Gastgeber, dass er die Lösung für ihre jämmerliche Situation gefunden habe: Alkohol.

Als Akademiker hat Peter selbstverständlich die passende theoretische Begründung für seine These zur Hand. Sie stammt von dem (realen) nor­wegischen Psychologen Finn Skårderud, der behauptet, der Mensch werde mit einem halben Promille Blutalkohol zu wenig geboren, um optimal zu funktionieren. Führe man sich den Alkohol durch regelmäßiges kontrolliertes Trinken zu, gewinne man Selbstvertrauen, Musikalität und Leichtigkeit – also alles, was fehlt, um das Mittelmaß hinter sich zu lassen.

Nach kurzem Zögern stimmen die Anwesenden zu, gemeinsam das Experiment zu wagen und sich täglich einen leichten Rausch anzu­trinken. Als Vorbild für diese Art der Selbstoptimierung muss Ernest ­Hemingway herhalten, der jeden Tag getrunken haben soll, aber immer nur bis acht Uhr abends, um die Schreibfähigkeit am nächsten Arbeitstag sicherzustellen. Die Pädagogen protokollieren das Unterfangen penibel und versehen es durch ständige Pegelkontrollen mit einem Anschein von Wissenschaftlichkeit.

Und die ersten Ergebnisse lassen nicht lang auf sich warten. Im Musikunterricht motiviert Nikolaj seinen Chor zu gesanglicher Höchstform; Tommy gelingt es, beim Fußball einen ­bebrillten kleinen Außenseiter erfolgreich in die Mannschaft zu integrieren; und Martin hängen nicht nur seine Schülerinnen und Schüler an den Lippen, als er im Geschichtsunterricht über das Trinkverhalten von Churchill, Roosevelt und Hitler spricht. Ein Paddelausflug mit der ­Familie wird geplant und durchgezogen, inklusive Sex mit Anika im Zelt. Es gehe in seinem Film um die »Rückeroberung der irrationalen Weisheit, die den gesunden Menschenverstand ablegt und sich der Lebenslust hingibt«, erklärte Vinterberg.

Aber natürlich bleibt es nicht bei diesem leicht trunkenen und durchaus einnehmenden Tribut an die ­Lebensfreude. Schon bald beschließen die Freunde, mehr zu trinken, um herauszufinden, was dann passiert. Wie vorhersehbar war, geschehen nun Dinge, die nicht mehr schön anzusehen sind. Die Räume und T­iefe öffnende Trunkenheit des ersten Teils weicht Besäufnissen mit Kontrollverlust und Verletzungen. Trennungen, Skandale in der Schule und ernste Depressionen folgen.

Wie schon bei »Das Fest« kann sich Vinterberg auf die schauspielerische Leistung seines Ensembles verlassen. Gemäß den Dogma-Regeln lassen Kamera und Drehbuch dem Spiel der Protagonisten alle Freiheiten. Man hat den Eindruck, als beobachte man Menschen in ihrem Alltag und bei ihren Exzessen. Das führt zu anrührenden Momenten, ist über weite Strecken sehenswert und lässt hoffen, dass das Leben für die Lehrertruppe noch mehr bereithalten möge als bloß sentimentale Erinnerungen an eine verklärte Jugend, die den Plot umrankt und rahmt.

»Was ist die Jugend?« fragte der Philosoph Søren Kierkegaard, um zu antworten: »Ein Traum. Was ist die Liebe? Der Inhalt des Traums.« Vinterberg stellt dieses Zitat seinem Film voran. Dass der Versuch, seine Träume mittels bewusstseinsverändernder Substanzen zu verwirklichen, ins Unglück führen kann, ist allerdings keine ganz neue Erkenntnis. Von John Cassavetes »Ehemänner« (1970), der Vinterberg sichtlich beeinflusst hat, über Barbet Schroeders Bukowski-Drama »Barfly« (1987), Mike Figgis’ »Leaving Las Vegas« (1995) bis zum systemstabilisierenden ­Daueralkoholismus der Serie »Mad Men« (2007–2015) ist Alkoholismus ein geradezu klassisches Filmsujet.

Was Vinterberg interessant daran findet, einer Männergruppe in der Midlife-Crisis dabei zuzusehen, wie sie daran scheitert, durch Saufen zu alter Form zurückzufinden, erschließt sich nicht immer. Vielleicht wäre es aber auch egal gewesen, worauf er die immer noch dem Naturalismus verpflichtete Kamera gerichtet hätte. Überall hätte er das Trinken als wirkmächtigen Kitt des Sozialen vorgefunden. Bereits in der Eingangsszene, in der Martin, Tommy und die anderen noch gar nicht vorkommen, zeigt er gemeinschaftlichen Alkoholmissbrauch in großem Stil. Hier säuft die Jugend beim alljährlichen schulischen Seelauf, einem den Bacchanalien des Spring Break an US-amerikanischen Hochschulen verwandten Ritual, und wirkt dabei zuletzt auch nicht mehr nur sexy und begehrenswert.

­Alkoholbedingte Enthemmtheit begünstigt nicht zuletzt sexuelle Übergriffe. Dänemark, so viel scheint klar, hat ein gesellschaftlich tief verankertes Alkoholproblem, dennoch lebt es sich wohl ganz gut ­damit. Vielleicht geht es Vinterberg aber auch um eine ganz nah bei ­seiner eigenen Befindlichkeit angesiedelte Bestandsaufnahme privi­legierter Ermüdung nach den wilden Jahren. Jedenfalls lohnt es, bis zuletzt dabeizubleiben, denn die finale Performance seines sowieso groß­artigen Hauptdarstellers legt ganz ohne Worte Zeugnis vom körperlichen Potential entfesselter Lebenslust ab. So gut hat alkoholisierte ­Mittelschichtslarmoyanz lang nicht ausgesehen.

Der Rausch (Dänemark/Schweden/Niederlande 2020). Regie: Thomas Vinterberg. Darsteller: Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang, Lars Ranthe, ­Maria Bonnevie. Kinostart: 22. Juli 2021