Ein Gespräch mit João Castel-Branco Goulão über Portugals liberale Drogenpolitik

»Sucht ist ein gesundheitliches Problem«

Interview Von

Vor 20 Jahren beschloss Portugal eine Kehrtwende in der Suchtmittel­politik und gewährte für den Besitz aller Drogen in Eigenbedarfsmengen Straffreiheit. Sie waren maßgeblich an dieser Reform beteiligt und sind nach wie vor der Leiter des portugiesischen Interventionsdienstes für Sucht und Suchtverhalten (­SICAD). Welche Bilanz ziehen Sie?

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Meine Bilanz ist ganz klar, nämlich dass es eine sehr gute Entscheidung war. Die bekannteste Facette unserer Suchtmittelpolitik ist die Entkriminalisierung des Konsums aller Drogen. Dadurch ist unsere Politik auf allen Ebenen kohärent. Unser Ansatz ist holistisch. Auf der einen Seite versuchen wir, die Verfügbarkeit dieser Substanzen am Schwarzmarkt zu verringern. Auf der anderen Seite bieten wir gesundheit­liche, psychologische und soziale Unterstützung für all jene an, die Drogen konsumieren. Die Behandlungen sind meist kostenlos. Das ist ein sehr humaner Ansatz, bei dem es nicht zuletzt darum geht, Süchtige wieder in die ­Gesellschaft und auch in den Arbeitsmarkt zu integrieren – das reicht bis hin zur Bereitstellung von Wohnungen. Denn es ergibt überhaupt keinen Sinn, Konsumenten strafrechtlich zu verfolgen.

»Mittlerweile sind in Portugal fast alle Heroinabhängigen Teilnehmer unserer Programme, sei es Risiko­minimierung oder Substitutions­therapie.«

Wie sollte man stattdessen mit Drogenkonsumenten umgehen?

Wir wollen eine Krankheit bekämpfen, nicht diejenigen, die an ihr leiden. Dazu haben wir natürlich auch Präventionsmaßnahmen, einen ganzen Kanon an Maßnahmen zur Schadensminimierung, um die gesundheitlichen Gefährdungen beim Drogenkonsum zu verringern, und wir bieten Heroin­konsumenten Substitutionstherapie mit Methadon und anderen Medikamenten an. Wie Sie sehen, ist die Entkriminalisierung nur ein kleiner, aber überaus wichtiger Teil unserer Suchtmittelpolitik in Portugal. Dadurch steigt die Akzeptanz von Süchtigen und Konsumenten in der Gesellschaft, ihre Würde wird bewahrt. Das hilft gegen Stigma­tisierung und Marginalisierung.

Eine Anzeige oder eine Verurteilung wegen Drogenkonsums stigmatisiert einen Menschen auf Lebenszeit und macht es ihm unglaublich schwer, Arbeit zu finden oder einen Kredit für ­einen Hauskauf zu bekommen. Sucht ist ein gesundheitliches Problem, wie andere Krankheiten. Wir müssen in die Behandlung und die Menschen investieren. Dabei geht es nicht allein um illegale Substanzen, sondern auch um legale, um Alkohol in erster Linie, und nun immer öfter auch um anderes Suchtverhalten – in der Covid-19-Pandemie und zu Zeiten der Ausgangssperren etwa Online- oder Spielsucht.

Vor 25 Jahren war Heroin ein großes Problem in Portugal, es war eine regelrechte Epidemie. Wie hat sich das Konsumverhalten bei dieser und anderen Drogen seither verändert?

Der Heroinkonsum ist seit der Jahrtausendwende rapide gesunken, aber das ist keine isolierte Entwicklung in Portugal. Auch in Spanien und vielen anderen Staaten Europas sank die Zahl der Süchtigen. Mittlerweile nehmen in Portugal fast alle Heroinabhängigen an unseren Programmen teil, sei es Risikominimierung oder Substitutionstherapie, mit Methadon unter anderem. Wir geben jedoch kein Heroin an Süchtige ab. Wir haben sie aber am Leben gehalten, das ist das, was zählt. Derzeit betreuen wir eine hohe Zahl langjähriger Heroinkonsumenten, die keine 20 oder 30 Jahre mehr jung sind, mittlerweile sind sie 60 oder auch 70 Jahre alt. Es ist eine Herausforderung, sie über den gesamten Lebenszyklus zu betreuen.

Der Kokainkonsum steigt indes in unserer Gesellschaft konstant an, auch der intravenöse Konsum. Kokain und Crack sind nach Cannabis die am meisten konsumierten Drogen in Portugal. Beides ist sehr leicht auf dem Schwarzmarkt zu bekommen. Vor der Pandemie stieg der Konsum von Ecstasy, aber seit es keine Diskotheken, Clubs oder Festivals gibt, wo Stimulanzien die Gefühle und den Genuss steigern, sank der Konsum wieder. Wobei dieser Konsum punktuell ist und in den allermeisten Fällen kein Suchtverhalten darstellt. Damit entfliehen die Konsumenten ihrer Realität, ohne ihr Leben, ihre Arbeit und ihren Alltag zu gefährden.

Die Einfuhrrouten haben sich für Kokain gewandelt. Lange Jahre war das nordwestspanische Galizien ein wichtiger Einfuhrort für Lieferungen aus Kolumbien und anderen Staaten Lateinamerikas. Mittlerweile verlaufen die Routen auch über West­afrika bis an die spanische Südküste und die portugiesische Algarve.

Zu Beginn der Pandemie und im ersten Lockdown kam es zu Engpässen bei der Lieferung von Kokain und anderen Drogen. Der Flugverkehr war fast gänzlich lahmgelegt, Landgrenzen wurden geschlossen oder intensiv kontrolliert. Doch das pendelte sich sehr rasch wieder ein, und Kokain kommt meist auf dem Seeweg, in großen Lieferungen in Containern. Dazu kam die so genannte »Uberisierung«, das heißt, die Abnehmer werden über Taxis und Kurierdienste versorgt. Zugleich fielen Süchtige, die durch die Straßen irrten, in der Pandemie weit mehr auf. Das stellte uns auch vor eine Herausforderung.

Wie verhält es sich mit der politischen und gesellschaftlichen Akzeptanz der Entkriminalisierung?

Als wir das Gesetz zur Entkriminalisierung im Parlament vor über 20 Jahren beschlossen haben, herrschte kein Konsens über den Schwenk in der Suchtpolitik, vielmehr waren Politik und Bevölkerung in dieser Frage in zwei Lager gespalten. Das Gesetz wurde nur mit einer knappen Mehrheit beschlossen. Heute zweifelt keiner mehr daran, dass es das Richtige war. Parteiübergreifend und gesamtgesellschaftlich ist man vom Erfolg dieses Wegs überzeugt. Alle Probleme haben wir freilich nicht gelöst, aber wir sind glücklich mit dem Erreichten.

Wie hat sich die Zahl der Drogen­toten seit 2001 entwickelt?

Anfangs war die Entwicklung ausgezeichnet, es gab einen klareren Rückgang. Wir hatten um das Jahr 2000 fast einen Toten pro Tag wegen Überdosierungen, also über 300 pro Jahr. Die Zahl pendelte sich dann bei etwa 30 Drogentoten pro Jahr ein. Leider ist sie in den vergangenen zwei, drei Jahren wieder angestiegen, wir zählen jetzt etwa 60 Todesopfer wegen Überdosierung pro Jahr. Der Anstieg bereitet uns Sorgen. Neue Drogen, reinere, potentere Drogen und eben auch der gefährliche Mischkonsum mehrerer Substanzen sind die Gründe dafür.

Was Portugal zum Glück noch nicht erreicht hat, sind neue Opiate wie Fentanyl, das in den USA zahllose Menschen das Leben gekostet hat. Wir sind aber wachsam und arbeiten gegen Fentanyl. Dazu kommt ein Angebot, bei dem wir es Konsumenten ermöglichen, ihre Substanzen testen zu lassen, damit sie wissen, was sie enthalten – ebenso wie wir, um neue, gefährliche Drogen identifizieren und davor warnen zu können.

Wie wird Portugal mit Cannabis umgehen? Weltweit gibt es ein sukzessives Umdenken, viele Staaten haben bereits Schritte zur Legalisierung unternommen. In Portugal ist die medizinische Nutzung legal und große multinationale Cannabiskonzerne haben Anbauflächen im Land.

Cannabis ist die am meisten konsumierte illegale Substanz in Portugal, wie in vielen anderen Ländern auch. Die Debatte, die im Parlament geführt wurde und von politisch Verantwortlichen geführt wird, umfasst viele Vorschläge, bis hin zur Legalisierung des privaten Konsums von Cannabis. Man muss aber eines nach dem anderen angehen. Der erste Schritt war eben die Legali­sierung der medizinischen Nutzung. Ich weiß jedoch nicht, ob das Parlament in naher Zukunft die komplette Legalisierung beschließen wird.

Man muss auf die Erfahrungen schauen, die andere Staaten damit gemacht haben. Es gibt auch problematischen Konsum, es gibt Folgeschäden beim Konsum durch Minderjährige, und es gibt ungeklärte Fragen, zum Beispiel: Was macht man mit Autofahrern, die Cannabis konsumieren? Und es gibt heutzutage verglichen mit dem Cannabis der siebziger Jahre immens starke Züchtungen. Nicht zuletzt deshalb sind 43 Prozent der neuen Klienten, die über unsere Dienste eine Therapie machen, Cannabiskonsumenten – weil sie negative Erfahrungen gemacht, Psychosen erlebt, Panikattacken erlitten haben. Auch das muss man bedenken, wenn man eine Legalisierung anstrebt.

 

João Castel-Branco Goulão ist seit 2005 Leiter des ­portugiesischen Interventionsdienstes für Sucht und Suchtverhalten (SICAD) und damit Koordinator der ­portugiesischen Sucht- und Drogenpolitik. Zwischen 2009 und 2015 leitete er die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht. Nach dem Medizinstudium war er praktischer Arzt, ehe er sich im staatlichen Suchthilfezentrum CAT das Taipas in Lissabon der Betreuung von Drogenabhängigen widmete – zu einer Zeit, als in Portugal die Zahl der Heroinabhängigen einen Höchststand erreicht hatte. Ab 1998 war er als Mitglied eines elfköpfigen Expertenkomitees maßgeblich an der Gestaltung der neuen portugiesischen Sucht- und Drogenpolitik beteiligt, die mit der Entkriminalisierung aller Substanzen 2001 begann.