Helge Schneider gehen die Hygieneregeln auf den Sack

Helge und Nena am Rande des Nervenzusammenbruchs

So leiden deutsche Unterhaltungskünstler in der Pandemie.
Die preisgekrönte Reportage Von

»Raus hier!« Kaum zehn Minuten hat unser Interview mit Pop-Titan Helge Schneider gedauert, dann wurde es dem sensiblen Blödelbarden zu bunt. »Ich kann mich hier unmöglich konzentrieren. Ständig werde ich durch Ihre Bewegungen abgelenkt, beim Atmen oder Sprechen!« Ein weiterer irrlichternder Moment eines großen Künstlers, der sein Konzert in Augsburg hatte abbrechen müssen, weil das Hygienekonzept unzumutbare Härten beinhaltete.

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Ganz anders der Auftritt von Nena bei einem Open-Air-Konzert in Berlin. »Holt euch eure Freiheit zurück«, rief sie vor dem Song »Nur geträumt« und bat ihre Fans, an die Bühne zu kommen – ein klarer Verstoß gegen die Hygienerichtlinien: »Ich überlasse es eurer Verantwortung, ob ihr das tut oder nicht, das darf jeder frei entscheiden. Genauso wie sich jeder frei entscheiden kann, ob er sich impfen lässt oder nicht!« Hier ist eine glasklare Performerin am Werk, die einfach geil abliefern will – und dabei die Gesundheit ihres Publikums durchaus als Ressource sieht.

»Das ist konsequentes l’art pour l’art«, sagt der Medienwissenschaftler Florence Deuxchamps. »Kunst muss unser Leben in Frage stellen, sonst ist es lediglich Unterhaltung. Und wenn sie unser Überleben in Frage stellt, umso besser!« Hat das auch mit den Sympathien für die »Querdenker«-Szene zu tun, die bereits viele Bühnenkünstler bekundet haben? Helge Schneider hatte sich von diesem Milieu distanziert – doch die Aktion #allesdichtmachen hat gezeigt, dass zahlreiche Unterhaltungsprofis mit den Nerven am Ende sind.

»Kunst besteht aus Wiederholung«, sagt Deuxchamps. »Unsere besten Künstler sind Wiederholungskünstler. Wenn diese plötzlich jahrelang gepflegte Auftrittskonzepte überarbeiten müssen, stellt das auch den Charakter ihrer Kunst in Frage.« Wir wenden ein, dass Pfleger und Ärzte sich ebenfalls an die neuen Zustände anpassen. Deuxchamps winkt ab: »So setzen wir Künstler mit normalen Leuten gleich, dabei sind es Genies. Für sie müssen andere Regeln gelten. Wollen wir überhaupt noch leben in einer Welt, in der wir ›Nur geträumt‹ nicht mehr live hören? Da werden doch die Lebenden die Toten beneiden!«

 

Aus der Urteilsbegründung: Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.